Teil 9

Hansi Hase und die magische Möhre

© Jens Mende, 2025
Kapitel:

1

Herr Esel litt zusehends unter Lenis Stimmungsschwankungen. Das Einhorn - auch wenn es zweifellos das schönste Einhorn der Welt war - konnte manchmal eine sehr unangenehme Person sein. Aber das Eselchen, das man auch als stoisch bezeichnen konnte, ertrug Lenis Launen und auch ihr manchmal sehr aufgesetztes Geplapper, denn er liebte sie sehr und vermutlich gehörte das einfach zu einer Liebesbeziehung dazu. Vielleicht waren Einhörner so. Er konnte es ja nicht mit Gewissheit sagen, schließlich kannte er außer Leni kein weiteres Einhorn. Und vor ihr hatte er noch keine Liebesbeziehung gehabt. Und außerdem, wo Licht ist, ist auch Schatten. Das war einer jener klugen Sätze des Fuchses, und Herrn Esel fiel kein anderer Vergleich ein, der die Situation treffender beschrieb.

Schafi blieb jedoch nicht verborgen, wie sehr sein Kumpel unter den Launen seiner Freundin litt. Nur zu gern wollte er helfen - aber wie? Eines Tages, es war ein Brumm-Tag und das bedeutete, dass der Tag dem Bären ganz allein für seine Pläne zur Verfügung stand.



Kati hatte es sich in ihrem Schaukelstuhl vor dem Fernsehgerät bequem gemacht und freute sich darauf, den ganzen Tag ungestört ihre Lieblingsserien sehen zu können. Der Bär lud das Schaf ein, ihn zum Fluss zu begleiten. Brumm wollte angeln und Schafi kam das sehr gelegen, denn es wusste am Flussufer eine Stelle, an der köstlichster Sauerampfer wuchs. Win-win.

So saßen die beiden also am Ufer, Brumm sah schweigend auf seine Angel und Schafi druckste eine Weile herum. Die Sonne schien glitzernd aufs Wasser und gerade als er sich ein Herz gefasst hatte und Brumm um Rat fragen wollte, wie sie dem Esel wohl helfen könnten, kam Hansi Hase vorbei gehoppelt und setzte sich zu den zwei Freunden.



"Hansi!", freute sich Brumm, den Hasen zu sehen. "Was machst du hier?"
"Man müsste ein Bad nehmen!", antwortete Hansi und deutete an, in den Fluss springen zu wollen.
"Um Gotteswillen!", rief Brumm erschrocken und war schon im Begriff, die Angel beiseite zu legen. Er konnte sich noch zu gut an letztes Jahr erinnern, als der Hase sturzbetrunken und übermütig in den Fluss gesprungen war und Brumm ihn vor dem Ertrinken retten musste. "Nicht schon wieder!"
Da lachte der Hase lauthals los: "Hab dich nur veräppelt. Ich weiß doch, dass ich nicht schwimmen kann."
"Ich kann auch nicht schwimmen", seufzte das Schaf.
"Aber für eine wunderschöne Arschbombe ins Polarmeer hat es gereicht", ergänzte Brumm und hatte wieder das Bild vor Augen, wie Björn, der Eisbär, das leblose Schaf aus dem Wasser zog und beatmete.

Noch einmal seufzte das Schaf. Brumm sah Schafi an und verstand. "Ja, ja. Nahtoderfahrung. Das beschäftigt dich nach so langer Zeit immer noch sehr."
"Nein, das nicht. Ist ja alles gut gegangen", kommentierte das Schaf leichten Herzens jenes lebensgefährliche Erlebnis. "Ist schon irgendwie schön, einen Eisbären zum Freund zu haben, der einen aus dem eiskalten Nordmeer rettet."
Dann holte er tief Luft, fasste sich ein Herz und sagte: "Das Eselchen hat ein Problem und das beschäftigt mich sehr."

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2

Interessiert blickte Brumm das Schaf an: "Erzähl!"
"Na ja, ihr kennt doch Leni und wisst, wie sie manchmal ist", begann Schafi.
Hansi nickte: "Ja, sie ist das schönste Einhorn auf der ganzen Welt."
"Das meine ich nicht..."
"Und was hat das dann mit dem Esel zu tun", fragte Brumm verständnislos.
"Na, sie kann manchmal so launisch sein und das betrübt den Esel so sehr, dass er manche Tage nicht ein einziges Mal lächelt", präzisierte das Schaf. "Und wie sie manchmal redet, so... so in besonders gewählten Worten, als ob jedes Gespräch ein Gedicht sein müsste. Sie ist schon sehr prätentiös."

"Aha", sagte der Bär und machte ein kluges Gesicht. Später ließ er sich bei passender Gelegenheit vom Fuchs erklären, was dieses schwierige Wort bedeutete: "Als prätentiös bezeichnet man jemanden, der sich wichtiger, klüger oder kultivierter gibt, als er eigentlich ist. Oft in einer übertriebenen oder gekünstelten Weise", erklärte Fred und fragte sich im Stillen, wo der Bär dieses Wort wohl aufgeschnappt haben könnte. Dann fuhr er fort: "Es hat einen eher negativen Beiklang - jemand, der prätentiös ist, will Eindruck machen, aber es wirkt aufgesetzt oder übertrieben." Brumm nickte und bedankte sich.



"Stimmt", pflichtete Hansi dem Schaf bei: "Manchmal benimmt sich Leni, als wäre sie königlicher als alle Tiere des Waldes - dabei hatte sie bestimmt noch nie einen echten König getroffen."
"Sie ist eben ein Einhorn", verteidigte Brumm des Esels Freundin.
Sofort widersprach Schafi: "Na und? Das Eselchen hat mal zu mir gesagt, manchmal tut Leni so, als wüsste sie alles Wissen der Welt, dabei weiß sie manchmal nicht, wo Norden ist."

Jetzt musste Brumm lachen. "Ja, das kenne ich. Nur bei Kati und mir ist es umgekehrt. Manchmal würde ich mich ohne sie verlaufen. Komisch, oder?"
Schafi schmunzelte und fuhr fort: "Erinnert ihr euch noch, als wir im Frühling bei Benni Biber waren und er uns bat, ihm bei der Verstärkung seines Damms zu helfen? Und wie Leni plötzlich das Kommando übernahm, im Befehlston Anweisungen gab und sich wichtig machte? Und am Ende lief alles aus dem Ruder und Benni sah verzweifelt auf den völlig missratenen Damm?"

Brumm und Hansi nickten.
"Als alles fertig war, hatte Benni zu mir gesagt, er käme sich vor wie in einem Theaterstück. Das Einhorn hätte zwar sehr klug gesprochen, aber er habe nicht einen Ton verstanden. So könne der Damm jedenfalls nicht bleiben. Er würde morgen lieber allein alles in Ordnung bringen und er bat uns, dafür zu sorgen, dass das verrückte Einhorn nicht noch mal an seinem Damm aufkreuze", erzählte Schafi und fügte hinzu: "Und dann hatte Benni noch gesagt, das kommt dabei heraus, wenn Leute Anweisungen geben, die keine Ahnung haben."

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3

So saßen die Freunde am Ufer, schwiegen eine Weile und blickten versonnen aufs Wasser. Sie überlegten - jeder auf seine Weise.
Brumm beobachtete mit wachen Augen seine Angel und schien hoch konzentriert. Das Schaf suchte mit den Augen das Gras nach einer ganz bestimmten Pflanze ab und blökte ab und an leise vor sich hin. Der Hase wiederum hatte die Backen aufgeblasen und machte ein kluges Gesicht. Er bedauerte den Esel, er bedauerte aber auch Leni, denn im Grunde mochte er das Einhorn, auch wenn es manchmal so prä-tens-iös ist, wie Schafi vorhin sagte. Ist bestimmt auch nicht leicht für Leni, dachte der Hase. Sie ist die letzte ihrer Art und ist sich dessen auch bewusst. Natürlich ist sie etwas besonderes - sie ist ein Einhorn! Aber so sehr er auch grübelte, eine Lösung fand er nicht. Dabei hätte er dem Herrn Esel zu gern geholfen. Dafür sind Freunde ja schließlich da.

Und während Schafi und Brumm noch überlegten, stand Hansi plötzlich auf und sagte: "Nützt ja nichts. Ich werde mal zu Leni gehen und mit ihr sprechen. Vielleicht hört sie ja auf einen Außenstehenden."
"Das ist eine gute Idee, bestätigte Brumm. "Da gehst du am besten sofort und ich halte dir hier den Rücken frei und angle weiter, ja?"
"Prima Idee!", murmelte der Hase und machte sich auf den Weg zum Stall, in dem Leni und Herr Esel wohnten. Und es traf sich, dass der Esel nicht zu Hause war.

"Er ist zu Benni Biber gegangen, meine neue Frisierkommode abholen", erklärte Leni und sah den Hasen aufmerksam an. "Kann ich dir irgendwie helfen?"
"Ach na ja, weißt du...", stotterte Hansi, weil er nicht wusste, wie er beginnen sollte. Ist schon eine heikle Sache, mit jemandem über etwas Unangenehmes zu sprechen. Mundgeruch zum Beispiel. Oder Geschwätzigkeit. Vor allem dann, wenn man den Jemand gar nicht so gut kannte.



"Ja?", fragte das Einhorn, jetzt neugierig geworden.
"Also", holte der Hase tief Luft und begann: "Es ist, weil doch der Herr Esel manchmal, also nicht immer, aber doch schon öfter, und ich auch manchmal ein bisschen unglücklich bin und das ist ja dann auch nicht so schön, weißt du?"
Leni nickte, aber sie verstand kein Wort. Der Hase indes war froh, als er Leni mit dem Kopf verständnisvoll nicken sah. Offensichtlich hatte er die richtigen Worte gefunden. Ein Diplomat vor dem Herrn, dachte er und war sehr stolz auf sich. Dann fuhr er fort: "Und da haben wir gedacht, also und Brumm und ich, dass du vielleicht helfen könntest."
"Klar doch", sagte Leni. "Aber wobei?"

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4

Himmel! Dachte der Hase. Fängt sie jetzt wieder mit ihrem Gehabe an? So von oben herab und stellt sich unwissend? Dabei habe ich es ihr doch klipp und klar gesagt!
"Na, dass Herr Esel wieder richtig glücklich ist, denn dann bin ich es auch. Schließlich sind wir ja alle miteinander befreundet, nicht wahr?"

Aha. Wieder nickte Leni. Aber sie wurde aus den Worten des Hasen nicht schlau. Was wollte der Hoppelwutz eigentlich von ihr? In Gedanken war sie ganz bei ihrer neuen Friseurkommode, die Herr Esel eigentlich jede Minute in ihren Stall bringen sollte. Überhaupt: Wo blieb der denn nur so lange? Bestimmt plapperte er wieder endlos mit dem Biber und vertrödelte die Zeit! Er müsste doch wissen, wie sehr sie auf die Kommode wartete! Aber zurück zum Hasen. Was hatte er gesagt? Er sei unglücklich? Da konnte sie ihm helfen! Schließlich sind Einhörner ja dazu gemacht, anderen zum Glück zu verhelfen.

Nicht umsonst konnten sie Feenstaub pupsen. Und wenn der Hase offensichtlich so unzufrieden mit seinem Leben ist, sollte es ihr doch ein leichtes sein, dem kleinen putzigen Kerl ein wenig Hoffnung zu geben.
Das Einhorn erzÄhlte Hansi, wie ihre Mama sie früher ins Bett gebracht hatte und ihr an manchen Abenden die Geschichte von der magischen Möhre vorlas. Aufmerksam hörte der Hase zu. Je länger Leni erzählte, um so tiefer tauchte Hansi in die Welt der Einhörner ein.



Die Sage berichtete von einer magischen Möhre. Man müsse nur einen Bissen von ihr nehmen, die Augen schließen und sich etwas wünschen - und schon erfüllte sich der Wunsch.
"Aber woran erkennt man die magische Möhre?", fragte Hansi sehr interessiert. Auch auf diese Frage wusste Leni eine Antwort. In der Sage heißt es: "Sie leuchtet sanft, als wären winzige GlühwÜrmchen in ihr gefangen. Sie glitzert im Sonnenlicht ein wenig wie Feenstaub und ihr Orange ist goldiger als das jeder anderen Möhre", beantwortete Leni Hansi Frage.

Gern hätte Hansi noch länger mit Leni über die magische Möhre gesprochen, aber da kam auch schon Herr Esel nach Hause. Auf dem Rücken trug er Lenis neue Frisierkommode. Ein Meisterstück - zweifellos! Benni Biber hatte sich mal wieder selbst übertroffen! Leni war nun also beschäftigt und hatte keine Zeit mehr für den Hasen.

"Du entschuldigst mich jetzt bitte?" Und schon verschwand sie mit dem Esel im Stall und erteilte Anweisungen. Herr Esel solle doch um Himmelswillen ja vorsichtig sein mit dem wertvollen Stück und am besten stellte er es vorsichtig hier ab. Oder nein, besser da! Oder doch lieber dort? Oh! Pass doch auf!

So machte sich Hansi auf den Heimweg. Den eigentlichen Grund seines Gesprächs mit dem Einhorn hatte er schon fast vergessen. Jetzt elektrisierte ihn die Geschichte, die Leni ihm erzählt hatte. Eine magische Möhre, die Wünsche erfüllt! Hm, ob das wohl stimmen könnte? Hansi überlegte: Einhörner lieben Möhren, deshalb verehrten sie dieses Gemüse auch so sehr und schrieben ihm viele gute Eigenschaften zu: Möhren können als Heilmittel verwendet werden; sogar gegen Liebeskummer sollten sie helfen. Zumindest bei Einhörnern. Und zudem sind Möhren ein gesundes und sättigendes Nahrungsmittel. Das konnte Hansi aus eigener Erfahrung bestätigen. Also konnte schon was dran sein an Lenis Geschichte, befand der Hase und begann sich auszumalen, wie schön das Leben wäre, fände er jene sagenhafte, magische Möhre.

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5

"Was immer du dir wünschst", hallten Lenis Worte in Hansi nach, "du musst nur fest genug daran glauben, dann wird dein Wunsch in Erfüllung gehen."
Schweigsam war der Hase am Abend nach Hause gekommen, erwiderte knapp den Gruß seiner Frau und ging in sich gekehrt ins Bett. Doch er fand lange keinen Schlaf. Als sich Frau Hase zu ihm legte, stellte er sich schlafend. In seinem Kopf kreiste ein Gedanke schnell und immer schneller: "Was immer du dir wünschst."

Am nächsten Morgen erwachte Hansi schon sehr zeitig. Der Tag brach gerade erst an und der Hase beschloss, Frühstück für sich und seine Frau zu besorgen. Also verließ er den Bau auf Zehenspitzen - die Gattin schlief noch tief und fest - und machte sich auf den Weg zur Siedlung. Um diese Zeit war man da noch ganz ungestört und konnte sich in den VorgÄrten der Menschen nach Herzenslust bedienen.

Hansi war in der letzten Zeit oft dort gewesen und wusste inzwischen auch genau, vor welchen Häusern man sich in acht nehmen musste, weil sie von Hunden bewacht wurden. Oder von raufsüchtigen Katzen. Auf dem Weg zur Siedlung kamen ihm plötzlich wieder Lenis Worte in den Sinn: "Was immer du dir wünschst, du musst nur fest genug daran glauben, dann wird dein Wunsch in Erfüllung gehen." Die magische Möhre, dachte Hansi. Das wäre ja ein Ding, wenn ausgerechnet ich sie finden würde! Da würden die anderen aber Augen machen, wenn ich plötzlich jeden Wunsch erfüllen könnte! Ein neues Flugzeug für Karl Kranich? Bitte sehr! Ein neuer und sehr komfortabler Bau ganz nach den Vorstellungen seiner Frau? Aber klar doch, kein Problem! Die schönste Angel der Welt für Brumm? Da hast du sie. Bitte schön.

Der Hase malte sich sein Leben in den schönsten Farben aus und erreichte schließlich die Siedlung. In seinem Tagtraum war er inzwischen der beliebteste Waldbewohner, denn er konnte alle Wünsche erfüllen und sein Fell glänzte inzwischen schon golden. Oder wie Platin? Oder wie Diamant? Hansi konnte sich nicht entscheiden, in welchem Glanz er wohl wertvoller aussehen würde. Er kehrte aus seinem Tagtraum zurück und schnupperte sichernd in die Luft.

Um diese Zeit war hier alles noch ganz still, die Menschen schliefen und es fuhren noch keine Autos durch die Siedlung. Hansi überquerte die Ringstraße und erreichte das Grundstück direkt vor ihm. Hier hatte er schon so manche Leckerei gefunden.
Sichernd stellte er sich noch einmal auf und schnupperte. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen, der Hansis Leben verändern sollte. Aber das wusste der Hase jetzt noch nicht.

Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch die Baumkronen, und der Tau glitzerte wie winzige Diamanten auf jedem Blatt. Nein, Hansi konnte keine Gefahr erkennen. Er hoppelte in das Beet vor ihm und begann zu suchen. Ein paar zarte Kleeblätter vielleicht oder eine knackige Wurzel. Doch plötzlich... Unvermittelt stoppte der Hase. Seine Nase zuckte wie wild. Da war etwas. Etwas, das anders roch. Sehr verführerisch und überhaupt nicht nach Erde. Auch nicht nach trivialer Möhre. Sondern nach... nach... Sternenlicht, Feenstaub und Honigregen.



Hansi schob vorsichtig ein paar Blätter zur Seite - und da lag sie: Eine Möhre. Aber nicht irgendeine x-beliebige Möhre. Sie leuchtete sanft, als wären winzige GlühwÜrmchen in ihr gefangen. Sie glitzerte im Sonnenlicht des noch jungen Tages ein wenig wie Feenstaub und ihr Orange war goldiger als das jeder anderen Möhre, die Hansi je gesehen hatte.

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6

Der Hase war wirklich überrascht. Seine Ohren standen kerzengerade, sein Herz klopfte bis in die Pfoten. Er setzte sich vorsichtig hin - was man halt so macht, wenn man etwas Großes entdeckt hatte und für kurze Zeit die Fassung verlor.

Das, war vor ihm lag, war viel mehr als nur eine Wurzel zum Knabbern. Und während ein leiser Windhauch das kleine Beet streichelte, wusste Hansi plötzlich, was er da vor sich hatte: Das war keine ganz gewöhnliche Möhre, die man so nebenher zum Frühstück verspeiste. Oh nein! So sah überhaupt gar keine gewöhnliche Frühstücksmöhre aus. Das musste sie sein - nein, das war sie - die magische Möhre, von der Leni ihm gestern erzählt hatte.



Ihre Beschreibung passte ganz genau auf jene Möhre, die vor Hansi lag. Ungläubig nahm er sie auf und schnupperte an ihr. Dieser Duft, oh dieser Duft! Sternenlicht. Feenstaub. Honigregen. Der Hase konnte sein Glück kaum fassen. Seine Pfötchen zitterten und für einen Moment wurde ihm etwas schummrig vor Augen.

Nun hieß es, kühlen Kopf zu bewahren, dachte Hansi. Der erste Wunsch will wohl überlegt sein. Etwas wirklich Großes musste es sein. Etwas für die Ewigkeit. - Weltfrieden? Nein, das wäre der Wunsch des Autors gewesen. Der Hase dachte mehr in überschaubaren Kategorien. Vielleicht... Hm, lieber nicht. Oder doch? Hansi war sich nicht sicher. Er dachte noch einen Moment nach, dann biss er ein Stück von der magischen Möhre ab, schloss die Augen und äußerte seinen Wunsch: Ich wünsche mir, dass Leni ab sofort und für immer ganz liebevoll zu Herrn Esel ist.

"Bin ja mal gespannt, ob das klappt", dachte er aufgeregt und rupfte anschließend eine Frühstücksportion frischen Klee für sich und Frau Hase, verstaute es gemeinsam mit der magischen Möhre in seiner kleinen Bauchtasche und machte sich auf den Heimweg.

Unterwegs kam er am Stall von Leni und Herrn Esel vorbei. Das Einhorn war gerade im Begriff, den Frühstückstisch vor dem Stall zu decken. "So ein schöner Morgen! Schatz, kommst du bitte frühstücken? Schau, all deine Lieblingsleckereien habe ich dir aufgetischt!", rief Leni gerade liebevoll in Richtung Stall. "Und nach dem Frühstück kuscheln wir noch ein bisschen, ja?"
Lenis Stimme war die Definition von purer Liebenswürdigkeit. Zufrieden lächelte der Hase. Es funktioniert, frohlockte er und hoppelte mit Hasen-Höchstgeschwindigkeit nach Hause.

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7

Es dauerte gar nicht lange, und unter den Freunden hatte sich Lenis Wesensveränderung herumgesprochen. Herr Esel lobte ihre liebevolle und fürsorgliche Art; fast sei es wie zu Beginn damals im Zirkus, als sie sich kennengelernt hatten und sich unsterblich ineinander verliebten.

So jedenfalls erzählte es das Schaf, als es Brumm in seiner Höhle besuchte. Der Bär war allein zu Hause. Kati war mit Isabel Igel irgendwo im Wald unterwegs. "Ich glaube, irgendwas mit Fotos für Isabels Instagram", murmelte Brumm, als Schafi wissen wollte, was die beiden Frauen vorhatten.
"Aha", quittierte Schafi Brumms Antwort, dann kam er zur Sache: "Hast du schon gehört, wie glücklich unser Eselchen jetzt ist?"
"Nein, aber du kannst es mir gleich erzählen."
"Also...", begann das Schaf, aber da klopfte es erneut an Brumms Tür. Hansi Hase war gekommen, um sich zu erkundigen, ob Brumm schon von Lenis Wesensänderung gehört hätte.
"Bitte was?!", fragte der Bär.
"Hier, Schafi", wandte sich Hansi jetzt direkt an das Schaf: "Du hast doch neulich am Fluss selbst gesagt, wie unglücklich Herr Esel manchmal ist, weil das Einhorn ihn so doof behandelte. Und jetzt scheint alles gut zu sein. Sie bereitet ihm jeden Morgen ein köstliches Frühstück..."
"Stimmt", unterbrach Schafi den Hasen, "Herr Esel sagt, Leni zeige ihm damit ihre Liebe."

"Ja, und?", fragte Brumm. "Kati macht mir jeden Tag Frühstück und wenn ich es dann auch mal versuche, lobt sie mich ganz doll und sagt, wie glücklich wir doch sind. So funktioniert das nun mal. Ist nichts besonderes."
"Doch, ist es!", widersprach der Hase. Und Schafi stimmte dem Hasen zu: "Wenn man bedenkt, wie kratzbürstig Leni manchmal war, dann ist es jetzt direkt unheimlich, sie so liebenswürdig zu erleben."
Brumm nickte. "Jetzt, wo du es sagst."
"Man müsste wissen, was dahinter steckt", sagte der Hase lauernd.
"Was soll denn dahinter stecken?" Schafi sah Hansi fragend an.
"Na...", der Hase überlegte einen Moment, "irgendwas muss doch passiert sein, das Leni ihr Verhalten von einem Tag auf den anderen ändert. So was kommt doch nicht aus dem Nichts. Interessiert euch das denn gar nicht?"
"Der Esel wird halt mit ihr gesprochen haben. Macht man so in einer Beziehung. Ist wirklich nichts besonderes", warf Brumm ein.
"Doch! Das ist etwas besonderes", entgegnete Hansi energisch. Er war so stolz auf sein Werk! Aber wie das so ist, wenn plötzlich alle die Veränderung bemerken, aber nicht wissen, wer sie bewirkt hatte, so fühlte sich Hansi ein wenig unter Wert behandelt. Schließlich hatte ganz allein er für Herrn Esels Wohlbefinden gesorgt und damit allgemein die Stimmung im Wald deutlich verbessert. Aber keiner lobte ihn dafür. "Logisch", dachte Hansi, "die wissen ja nicht, dass ich das war."



Trotzdem ärgerte es ihn, dass weder Brumm noch Schafi den Vorgang hinterfragten. Aber dann lächelte er nachsichtig - vielleicht wie Gott einen Atheisten belächelt, dem er etwas Gutes getan hatte, aber der Atheist im Leben nicht auf die Idee käme, Gott dafür in Betracht zu ziehen oder ihm gar zu danken.
Natürlich hatte der Hase keinerlei Vorstellungen von einem Gott, aber mit dem exklusiven Besitz der magischen Möhre fühlte er sich doch ein klitze kleines bisschen wie Gott. Wenn er gewusst hätte, wie Gott sich fühlt.

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8

Fred stand, einem Denkmal gleich, vor der Tür zu seinem Bau und verharrte in einer sehr beeindruckenden Pose. So, als denke er angestrengt nach, beobachtete er einen imaginären Horizont und drückte mit seiner beinahe aristokratischen Haltung sehr viel Würde und Kompetenz aus.
"Das ist gut so", rief Isabel und drückte auf den Auslöser ihres Fotoapparates. "Jetzt die Spannung halten! Ja, prima! Perfekt!"



"Jetzt bitte den Kopf leicht neigen und zu mir sehen!", rief nun Kati und sah noch einmal durch den Sucher ihrer Kamera. "Sehr schön!", lobte sie den Fuchs und freute sich schon auf die fertige Aufnahme.
Isabel hatte durch Zufall die Alben mit den Fotos, die Kati während ihrer Ausflüge mit Brumm in die Menschenwelt aufgenommen hatte, in die Hände bekommen. Und Isabel war sehr beeindruckt. Und so bat sie das kleine Eichhörnchen, sie zu begleiten. Auf ihrem neuen Instagram-Profil porträtierte sie Persönlichkeiten der Waldgeschichte. Und Fred war zweifellos ein interessanter und hochgeachteter Mitbewohner der Waldgemeinschaft. Außerdem konnte es nichts schaden, eine so talentierte Fotografin wie das kleine Eichhörnchen dabei zu haben. Jetzt, wo Isabel bereits über 200 Follower hatte, musste sie Qualität liefern, sonst sprangen die Follower wieder ab. Was für ein Druck, dachte Isabel und fühlte sich noch mehr heraus gefordert.

So standen Isabel und Kati also vor dem Fuchsbau und versuchten, Fred aus jeder nur denkbaren Perspektive zu fotografieren, als plötzlich... Da - ein Rascheln, dann ein sich schnell näherndes Geräusch.
Ach, die Elster, dachte Kati. Die erkenne ich doch schon an ihrem hochnäsigen Flügelschlag.

Erika landete direkt vor Freds Füßen und sah neugierig in die Runde. "Was macht ihr denn da?"
"Nicht jetzt, Erika", antwortete das kleine Eichhörnchen und bemühte sich, höflich zu bleiben. "Du sitzt im Bild, geh bitte zur Seite."
"Waaas???" Die Elster konnte nicht glauben, was sie da hörte! "Willst du etwa sagen, dass ich störe?" Und ohne eine Antwort des Eichhörnchens abzuwarten, schaltete sie in den Angriffsmodus: "Ach. Sieh an, da steht ja wieder unser kleines Gardinchen. Bereit für den großen Auftritt, wie damals bei der Hochzeit." Und höhnisch begann die Elster zu lachen. Es klang ein bisschen wie kaltes Besteck, das auf Porzellangeschirr fällt.

Für einen Moment war Kati ganz still. Dann, zitternd vor Wut, brach es aus ihr heraus: "Reiß deinen Schnabel nicht so weit auf, Erika! Immer das selbe mit dir! Immer die selben Sticheleien! Du kannst einfach nicht aufhören, was?!" Für einen Moment überlegte Kati, ob sie es wirklich sagen sollte, aber dann ließ sie ihren Worten freien Lauf: "Ich hab dich damals nicht eingeladen, weil du einfach... gemein bist. Und weißt du was? Ich bereue es keinen Tag!"

Erika legte den Kopf schief. "Ach, Kati", sagte sie dann schnippisch, "ein bisschen Humor muss man schon vertragen können. Oder bist du immer noch beleidigt, weil deine Gardine nicht im Wind geweht hat?"
Der Fuchs schluckte nervös und Isabel hatte Angst, dass gleich etwas schreckliches geschehen könne.
Kati fauchte. "Arschkuh!"
Das hatte gesessen! Schlagartig verstummten die Vögel mit ihrem Gesang. Der Wind schien stillzustehen und selbst Fred hob eine Augenbraue.

Sebastian Spatz, der zufällig Zeuge dieser Szene war, begann glucksend zu lachen. Beinahe wäre er von seinem Ast herunter gefallen!
Und gerade, als Erika etwas besonders Nettes entgegnen wollte, trat der Fuchs dazwischen. Und wie so oft fand er auch hier die richtigen Worte: "So, es reicht jetzt! Das hier ist ein kultivierter Wald und keine Krötenklopperei im Schlamm! Geht nach Hause, alle beide!" Und zu Isabel gewandt: "Dieser alte Zwist ist wie ein Dorn unter der Haut. Tief, schmerzhaft und er sollte endlich gezogen werden."

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9

Neuerdings schlich Dietmar Dachs immer öfter durch den Forst. Er war nicht sonderlich beliebt bei den Waldbewohnern. Sie wussten, dass er nach seinen Beutezügen, die er inzwischen regelmäßig in der Siedlung unternahm, den Weg durch den Wald nahm, um die Menschen, sollten sie ihm folgen, auf eine falsche Fährte zu locken.
Die Waldbewohner sahen das nicht gern. Sie befürchteten, dass der unvorsichtige Dachs die Menschen mit seinen Diebstählen gegen sie aufbringen könnte.

"Man müsste etwas dagegen unternehmen", schlug Opa Hirsch vor. "Wie damals, als Matti Marder unser kleines Eichhörnchen fressen wollte und wir ihn mit Brumms Hängematte fingen, erinnert ihr euch noch?"
Ja, dachte Fred lächelnd. Die ganze Aktion war ein voller Erfolg. Aber wie sollte man den Dachs dazu bringen, nicht mehr in die Siedlung einzudringen?



Sie saßen an Brumms großem Tisch - Opa Hirsch, Fred, Kati, Brumm und Hansi Hase - und diskutierten die ganze Nacht. Sie machten Pläne, verwarfen sie wieder und begannen von neuem, zu überlegen. Aber die ultimative Idee wollte ihnen einfach nicht kommen.
"Ich habe leider keine Hängematte mehr", hob Brumm bedauernd die Pfoten.
"Würde wahrscheinlich auch nicht funktionieren", warf Fred ein und grübelte weiter.
"Und wenn wir nun ein tiefes Loch buddeln und es mit Ästen zudecken und warten, bis der Dachs reingefallen ist?", schlug Hansi vor.
"Zu gefährlich", verwarf der Fuchs den Vorschlag. "Am Ende tappst noch jemand von uns anstelle des Dachses in die Falle. Ich tippe auf unseren lieben Brumm."

Der Bär lächelte gequält, während die anderen in helles Gelächter ausbrachen. Ja, ich weiß, dachte Brumm, ich bin ein bisschen tollpatschig. Lustig, was? Ich hab's ja verstanden. Kati bemerkte Brumms Gedanken und gab ihm ein aufmunterndes Küsschen auf die Nase. Dabei fiel ihr Blick durchs Fenster.
"Herrje!", sagte sie überrascht. "Jetzt haben wir die ganze Nacht diskutiert. Seht nur, draußen wird es schon hell!"

So vertagten sich die Freunde, verabschiedeten sich und machten sich auf den Heimweg. Bis zur Weggabelung gingen sie noch gemeinsam, dann musste Hansi nach links dem alten Holzfällerweg in Richtung seines Baus folgen.
Hansi war vom Pläneschmieden noch ganz aufgedreht. Dieser blöde Dachs! Am Ende gefährdet er noch unser aller Zuhause, nur weil er so dreist ist und fast jede Nacht in die Siedlung einbricht! Irgendwann werden die Menschen ihn erwischen und uns für seine Diebstähle verantwortlich machen! Das musste aufhören!

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10

Und wie auf Bestellung kam ihm der Dachs geradewegs aus der Siedlung kommend entgegen.
Da ist er ja schon wieder, dachte Hansi. Dieser Wichtigtuer, dieser Räuber! Aufgedreht, wie er war, stellte der Hase den Dachs sofort zur Rede: "Hör zu, Fremder, wir sehen es nicht gern, wenn Typen wie du in unserem Revier wildern! Oder Typen, die aussehen wie du."
"Vorsicht, Meister Lampe!", knurrte Dietmar Dachs den Hasen an.
"Wie bitte?!", entgegnete Hansi erbost und voller Adrenalin. "Du kriegst gleich was auf die Lampe!" Zornig nahm der Hase einen ordentlichen Bissen von der magischen Möhre und wünschte sich mit geschlossen Augen, dass er über Brumms Bärenkräfte verfügte. Hatte ja schon mal geklappt, als ich dem Esel ein liebes Einhorn wünschte, dachte Hansi.

Als er die Augen wieder öffnete, spürte er in seinen Vorderpfoten Muskeln aus Stahl. In seinem Körper pulsierte das Blut von Mohamed Ali, von Mike Tyson und Regina Halmich. Seine Haltung hatte sich verändert: Ein aufrechter Hase, ein Gemälde aus Granit, kräftig wie ein Bär, zu allem bereit, Stärke und Mut ausstrahlend, die pure Unbesiegbarkeit in sich spürend, stürzte er sich auf den überraschten Dachs und verpasste ihm die Tracht Prügel seines Lebens.



Als Hansi endlich von ihm abließ, um seine derangierte Frisur zu richten, nutzte der Dachs die Chance und floh. Weithin hörte man ihn noch wimmern. Was auch immer das war, dachte der Dachs verwirrt und unter schlimmen Schmerzen, ich muss mich künftig von ihm fernhalten. Am besten nie wieder in die Siedlung gehen und auf gar keinen Fall jemals wieder eine Pfote in diesen Wald setzen!

"Und lass dich hier nie wieder blicken!", rief Hansi ihm zornig nach. "Dann bist du nämlich wieder dran, Freundchen!" Solche wie dich merke ich mir, ohne hinzusehen, dachte der Hase und ging zufrieden nach Hause.
Und weil seit jenem Tag Dietmar Dachs fortan nicht mehr im Wald gesehen wurde, fragten sich die Tiere verwundert, was wohl geschehen sein könnte.

"Wahrscheinlich haben ihn die Menschen in der Siedlung erwischt und gefangen", vermutete Fred.
"Könnte so gewesen sein. Muss aber nicht. Vielleicht war es nämlich auch ganz anders", sagte der Hase und zwinkerte Fred auffällig zu. Der Fuchs sah den Hasen fragend an. "Hast du 'was ins Auge bekommen?"
"Geschieht ihm recht", sagte das Eichhörnchen und wünschte sich, Erika Elster sei gleich mit verschwunden.
"Wenn man einen Bruch in der Siedlung macht, muss man das vorher ausbaldowern und schon ein bisschen mehr vorzuweisen haben, als nur ein gestreiftes Fell", fügte Schafi lachend hinzu.

Hansi Hase saß lächelnd dabei und sagte kein Wort. Er fühlte sich großartig. "Wenn ihr wüsstet", murmelte er. Und er hätte sich noch viel großartiger gefühlt, wenn seine Freunde gewusst hätten, dass sie das Verschwinden des Dachses einzig ihm - Hansi Hase, im Stillen nannte er sich "der Zerstörer" - zu verdanken hatten.

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11

Inzwischen hielt der Hochsommer mit seinem heißen Atem den Wald fest umklammert. Die Tiere stöhnten vor Hitze und waren dankbar für jedes Fleckchen Schatten, das Schutz vor der glühend heiß scheinenden Sonne bot. Zudem hatte es schon seit drei Wochen nicht mehr geregnet. Der Fluss war zu einem schmalen Rinnsal verkümmert. Während die Tiere sich fürchteten, er könne ganz versiegen - wo sollten sie dann Trinkwasser herbekommen? - jammerte Brumm seit Tagen, dass er zu gern mal wieder die Angel in den Fluss werfen würde, aber leider, leider...

"Ha!", dachte Hansi, dem Brumms Wehklagen zu Ohren gekommen war. Dem Bären kann geholfen werden. Ich habe eine magische Möhre und ich werde sie benutzen! Hat schließlich schon bei Leni funktioniert und beim Dachs auch. Und wie es funktioniert hatte, dachte der Hase stolz. Aber dann wurde Hansi doch etwas mulmig zu mute. Ein Gewitter mit ganz viel Regen herbeizuzaubern war eine viel schwierigere Sache, als ein Einhorn von seinen Stimmungsschwankungen zu heilen oder einen räuberischen Dachs zu verkloppen.

Hm, überlegte der Hase. Ich müsste einen mystischen Ort aufsuchen. Irgend einen Platz, der die Kraft der magischen Möhre verstärkt. Sonst wird es am Ende nur ein bisschen Niesel und davon würde sich der Fluss ganz gewiss nicht wieder vollständig füllen, so dass der Bär wieder angeln könnte.
Hansi dachte angestrengt nach und plötzlich wusste er einen Platz im Wald, der so voller Mystik war, dass er von dort wahrscheinlich das größte Gewitter der Waldgeschichte herbeizaubern konnte.

Gleich nach dem Abendessen schlich er sich unter einem Vorwand aus dem Bau. Die Luft lag schwül und schwer auf den Wipfeln, als Hansi zu der Stelle des Waldes lief, an der sich das Portal in die Menschenwelt befand.
Unschlüssig stand er schließlich davor und wunderte sich. Das Portal sah völlig harmlos und unscheinbar aus, eher wie eine Höhle im Wurzelwerk eines mächtigen, aber vor Jahren umgestürzten Baumes. Ist ja ganz klar, dachte Hansi. Schafi als Wächter des Portals müsste es erst aktivieren. Und plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Verlockend und verwegen. Herausfordernd und beängstigend zugleich.



Was, wenn ich es mit der magischen Möhre aktiviere und selbst mal in die Menschenwelt reise? Nur mal gucken. Muss ja nicht lange sein. Müssen die anderen auch gar nicht merken.
Ach Quatsch, dachte Hansi dann. Geht ja gar nicht. Schafi hatte als Wächters des Portals einen Schlüssel zum Aufschließen. Ohne den Schlüssel wird's nicht funktionieren. Andererseits... Wozu sollte ich den Portalschlüssel brauchen, dachte der Hase. Ich hab doch die magische Möhre. Das geht schon klar.

Er holte tief Luft und verharrte dann doch noch eine Weile unschlüssig vor dem Portal. Das war eine Unternehmung, bei der eine ganze Menge schief gehen könnte. Außerdem war er ja hier her gekommen, um ein mächtiges Gewitter mit lang anhaltendem Regen für Brumm herbeizuzaubern und nicht, um in die Menschenwelt zu reisen.
Andererseits, wer sollte mich daran hindern, das Portal zu aktivieren? Wenn ich schon mal hier bin? Dann fiel dem Hasen ein, das Schafi dazu immer eine Beschwörungsformel sprach.

Er kramte aus seiner Bauchtasche die magische Möhre, stellte sich mittig vor das Portal, reckte die Möhre in den Himmel und deklamierte mit rauher Stimme:
"Ich bin der Besitzer der magischen Möhre,
bin der Heiler des Einhorns, ich schwöre.
Bin der Besieger des Dachses und vielleicht auch des Lachses..."
Hm, komischer Reim, dachte der Hase und hielt inne. Ob es vielleicht auch ohne das alberne Ritual ging?
Zögernd führte er die magische Möhre an seinen Mund und schloss die Augen.

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12

"Ich wünsche mir, dass... dass sich... dass sich das Portal..." Aber dann siegte doch die Vernunft. Vielleicht lieber ein anderes Mal, sagte sich der Hase und verschob seinen Ausflug in die Menschenwelt auf später. Sollte ja auch schlechtes Wetter geben heute Nacht, dachte er, nahm einen Bissen von der magischen Möhre und wünschte sich ein kräftiges Gewitter mit lang anhaltendem, köstlichen Regen, der die Luft abkühlte und den Fluss anschwellen ließ.

Der Hase öffnete die Augen, aber es war keine Veränderung zu spüren. Die Sonne war bereits untergegangen, aber die Luft war noch immer schwül und unangenehm warm. Ratlos stand Hansi vor dem Portal und überlegte. Irgend etwas musste er falsch gemacht haben.

Plötzlich erstrahlte der Horizont für einen Sekundenbruchteil in einem fahlen Licht. Da! Schon wieder! Jetzt nur an einer anderen Stelle. Der Ursprungsort dieses seltsamen Lichts schien ständig zu wechseln. Und plötzlich erinnerte sich Hansi wieder. Dieses seltsame Leuchten ging aufziehenden Gewittern voraus. Er hatte es schon öfter aus seinem Bau heraus beobachtet. Sobald aber der Donner einsetzte, zog er sich lieber ängstlich in seinen Bau zurück und verkroch sich unter der Bettdecke.

Und tatsächlich! Das Leuchten wurde stärker. Plötzlich kam ein Wind auf, gefolgt von ersten Blitzen, die den Hasen mahnten, sich nun schleunigst auf den Heimweg zu begeben.
Und dann tobte die Hölle um Hansi. Es donnerte und blitzte, es stürmte und krachte und endlich setzte der Regen ein. Erst zögernd und sanft, dann prasselten die Tropfen mit brachialer Gewalt auf den ausgetrockneten Waldboden.



Hansi wusste gar nicht, was er empfinden sollte. Die Blitze und das grollende Donnern jagten ihm eine fürchterliche Angst ein. Am liebsten hätte er sich irgendwo verkrochen, aber er wollte schnellstens nach Haus in seinen sicheren Bau. Trotz der Angst war da aber noch ein anderes Gefühl in ihm. Konnte man es Triumph nennen? Hansi hatte tatsächlich Regen herbeigezaubert - war das etwa kein Grund, zu triumphieren? Doch, befand der Hase. Trotz der Angst vor den Blitzen und dem ohrenbetäubenden Lärm um ihn herum, platzte Hansi beinahe vor Freude. "Ich habe Regen gemacht!", jubelte er lauthals in das Tosen um ihn herum. "Ich habe Regen gemacht!"

Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und völlig durchnässt, erreichte er schließlich den Bau. Seine Frau atmete auf, als sie die Tür hörte und ihren lieben Hansi vor sich sah. Aber wie sah er denn aus?
"Hansi! Endlich! Wo kommst du denn jetzt her?", fragte sie besorgt.
"Ich habe Regen gemacht", antwortete der Hase und lächelte beseelt, dass seine Frau glaubte, er habe draußen im Gewitter den Verstand verloren.

Mit einem ungläubigen Kopfschütteln holte sie ein Handtuch und trocknete das durchnässte Fell ihres offensichtlich verwirrten Gatten. Hatte ihn am Ende gar ein Blitz getroffen? Ob sie vielleicht Dr. Uhu rufen sollte? Aber ob der bei dem Wetter überhaupt zum Hausbesuch kommt? Doch der Hase beruhigte seine Frau. "Nein, alles gut. Lass den Doktor schlafen!" Und das beseelte Lächeln in seinem Gesicht blieb.

Wenig später lag Hansi dann in seinem Bett. Trocken. Warm. Glücklich. Und nun übermannte ihn die Müdigkeit. Wie aus weiter Ferne hörte er das Prasseln des Regens. Endlich schlief er ein.
Es regnete die ganze Nacht und den Tag darauf und noch eine weitere Nacht. Das Eichhörnchen freute sich sehr über "den feinen Landregen", der den Bäumen gut tat, die Luft abkühlte und den Fluss wieder anschwellen ließ.
Endlich war die Zeit der großen Hitze und der Trockenheit vorbei!

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13

Als der Regen endlich abgeklungen war, feierten die Tiere voller Dankbarkeit ausgelassen ein Fest auf der großen Wiese.
Frau Hase steuerte ihren berühmten Karottensalat bei. Der Fuchs brachte eine Gänsepastete mit, und Kati überraschte die Gäste mit einer Schwarzwälder Nusstorte als Dessert.

Brumm hatte für das Fest eine große Forelle aus dem Fluss gefischt und niemand freute sich mehr mit ihm als Hansi. Doch tief im Herzen bedauerte der Hase es sehr, dass weder Brumm noch die anderen Tiere ihn als den wahren Regenmacher verehrten. Gut, sie wussten es nicht, und am liebsten hätte Hansi es allen in die Ohren geschrien: Wer hatte den Regen herbeigezaubert und die Trockenheit beendet? Ich - Hansi Hase! Aber er musste schweigen und so konnte ihm niemand seine gute Tat danken.
Undank ist der Welten Lohn, dachte der Hase bekümmert und überlegte, ob er sich diesen Satz nicht auf die Innenseite seinen linken Vorderlaufs tätowieren lassen sollte.



Inzwischen begeisterte die Band mit ihrem Sound die Feiernden. Herrn Esel war es gelungen, seinen Vetter mit seiner berühmten Gruppe namens "Esel, Katze, Hund & Hahn" aus Bremen für das Fest in den Wald zu holen. Die Kapelle hatte sich ihren Namen in Anlehnung an ihre großen musikalischen Vorbilder "Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich" gegeben. "Esel, Katze, Hund & Hahn". Doch die Plattenfirma bestand darauf, sie als "Die Bremer Stadtmusikanten" zu vermarkten.

An der Art, wie die Tiere feierten, konnte man gut die Erleichterung erkennen, die der Regen in ihnen ausgelöst hatte. Endlich wieder genug Trinkwasser für alle! Und keiner musste sich mehr Sorgen vor einem Hitzschlag machen. So wirbelte Brumm im Tanz sein kleines Eichhörnchen wild herum, dass sie schließlich völlig außer Atem eine Pause einlegen mussten.

Auch Herr Esel und das Einhorn tanzten. Verliebt schauten sie sich tief in die Augen. In Lenis Bewegungen lag viel Anmut und Würde. "So kann eben nur ein Einhorn tanzen", sagte Isabel Igel und stieß mit Kati an. "Auf uns und unsere tollen Fotos!", rief sie fröhlich und erhob ihr Glas.
"Und auf deine tollen Instagram-Postings und das du noch ganz sehr viele Follower dazu bekommen wirst!", erwiderte das Eichhörnchen freudig Isabels Toast. Dann lehnte sich Kati an Brumm, der neben ihr saß und mit einem Stück Forelle beschäftigt war.
"So ein schönes Fest", sagte sie glücklich und dankbar, als wie aus dem Nichts plötzlich die Elster vor Isabel landete.
"Na?" Erika hielt den Kopf schief und sah Isabel herausfordernd an. "Wiedermal schön am Feiern, ja? Und die doofe Elster wurde natürlich nicht eingeladen! Vielen Dank auch!"

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"Ach herrje", sagte die Reporterin erschrocken, "ich glaube, das haben wir bei all der Freude über den Regen ganz vergessen."
"Ja, ja! Vergessen! Das kannst du deinen doofen Followern erzählen, aber doch nicht mir!", schimpfte Erika und wollte sich partout nicht beruhigen. So eine Frechheit aber auch! Konnte man die Abneigung ihr gegenüber deutlicher ausdrücken als sie nicht zu diesem Fest einzuladen?!



Inzwischen hatte die Band aufgehört, zu spielen. In die nun eintretende Stille herrschte die Elster Isabel an: "So, wie du vergessen hast, mir das alte Forsthaus zu zeigen, damit ich darin schön wohnen kann? Stattdessen hast du es diesem hergelaufenen Spatz angeboten, damit er es nur ja recht behaglich hat! Aber mir hätte das Anwesen zugestanden! Mir!" Und vor lauter Ärger spreizte die Elster die Flügel, flog eine Runde über die Wiese und landete schließlich auf einem Ast.

Isabel folgte der Elster mit den Augen und atmete hörbar aus. "Erika, ich weiß jetzt gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich..."
Aber die Elster war noch nicht fertig. Sie ereiferte sich immer mehr: "Weißt du, Igel, du spielst dich immer so auf! Ha, die große Reporterin hier! Die große Fotografin da! Aber du hast es gar nicht drauf! Vielleicht liegt's ja an deinen kurzen Beinen, dass es dir an wahrer Größe fehlt. Du nimmst immer alles persönlich, weil du sonst nichts hast." Ha, dachte die Elster und wippte auf ihrem Ast hin und her, das hatte gesessen!

Und tatsächlich. Isabel schnaubte. "Und du?", ging sie nun ihrerseits in den Angriffsmodus über und erhob sich auf ihre Hinterbeine. "Du flatterst seit Jahren durch den Wald wie eine überkanditelte Schmuckkrähe, so, als wärst du etwas Besseres! Du stiehlst glitzernden Tand und gibst spitze Bemerkungen von dir. Das ist alles, was du kannst!"
Ein erstauntes "Oooh!" ging durch die Reihen.

"Wie bitte?!", gab die Elster von oben zurück. Ihre Stimme überschlug sich fast. "Das nimmst du sofort zurück!", kreischte sie und flatterte aufgeregt mit ihren Flügeln. Frau Maus hielt sich erschrocken mit den Pfötchen die Ohren zu. Selbst Fred, der Fuchs, wich einen Schritt zurück. Der Ton wurde gefährlich.
"Und wenn ich es nicht zurück nehme?", fragte Isabel und lächelte die Elster kalt an.
"Dann... dann", stotterte Erika und suchte hektisch nach Worten, "dann erzähle ich, was du letzten Sommer getan hast", sagte sie triumphierend. "Du weißt schon, in der Siedlung. Dämmert's?"

Ein leises Murmeln pflanzte sich auf der Wiese fort.
Isabels Augen verengten sich. "Du würdest es wagen? Nach allem, was du selbst auf dem Kerbholz hast?" Sie schluckte. Ihre Stimme war plötzlich ganz ruhig. "Dann sag's, Erika. Nur zu. Lass alle wissen, wie klein du bist - obwohl du fliegen kannst."
Die Elster zögerte. Isabel bemerkte es und sprach weiter, nun an alle gewandt: "Ja, ich habe letzten Sommer einen Apfel aus der Siedlung gestohlen. Ich war sehr hungrig und auch ein bisschen angeschlagen. Himmel Herrgott, es war ein einziger Apfel!"

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"O du dummer Igel!", kreischte Erika erbost, "jetzt hast du mir die Pointe verdorben, den dramatischen Höhepunkt des Stückes, das ist..., das ist..." Und wie sie noch nach Worten suchte, traf sie plötzlich - Patsch! - wie aus dem Nichts, ein Tannenzapfen.



Die Federn stoben auseinander, ein Knäuel aus schwarz und weiß schwebte dem Waldboden entgegen, da fing die Elster den Sturz im letzten Moment ab und landete schließlich doch auf den Krallen.
"Wer war das?!" rief sie und sah sich suchend um. "Wer besitzt die Impertinenz, so schändlich aus dem Hinterhalt auf mich zu schießen?!" Fast überschlug sich die Stimme der Elster, so erbost und überrascht war sie.

Brumm ahnte, was gleich kommen würde, denn er kannte nur eine einzige Waldbewohnerin, die in der Lage war, derart perfekt und zielgenau mit Tannenzapfen zu werfen. Er wusste, wovon er sprach. Und er liebte diese Waldbewohnerin mehr als alles andere auf der Welt.
"Ich", hörte der Bär die ihm so vertraute Stimme. "Ich war das", rief das kleine Eichhörnchen. Es saß auf einem Ast in luftiger Höhe und sah Erika Elster herausfordernd an.

"Und nun? Was willst du jetzt machen? Einen der gestohlen Löffel holen und mich damit verprügeln? Oder mich mit der Perlenkette, die du selbst verbuddelt und als gestohlen gemeldet hast, fesseln? Na komm, Elster, sag was! Aber sei dir sicher, für jedes weitere böse Wort werde ich dir einen Tannenzapfen an den Kopf werfen und - du kannst Brumm fragen - ich ziele nie daneben!"



Jetzt rückte Kati ein kleines Stück zur Seite und der Blick wurde frei auf unzählige Tannenzapfen, die sie, einem Depot gleich, hinter sich auf einer Astgabelung aufgestapelt hatte. Ein Raunen ging durch die Menge. Sieh an, das Eichhörnchen war vorbereitet! In Windeseile und unbemerkt von den anderen, musste es sich diesen Vorrat an Munition zurecht gelegt haben.

Die Elster zögerte einen Moment, setzte zu einer Erwiderung an, brach dann doch ab und erhob sich schließlich in die Lüfte und flog davon. Staunend sah Isabel Igel ihr nach, dann blickte sie anerkennend zu Kati hinauf.
Die Tiere auf der Wiese begannen zu tuscheln und wild durcheinander zu reden. Schließlich wurde es laut.
Da rief Dr. Uhu: "Ruhe!", aber niemand hörte auf ihn. Hansi Hase versuchte ebenfalls gegen den Lärm anzukämpfen, aber niemand achtete auf ihn. Schließlich stellte sich Brumm auf seine Hintertatzen. Seine Stimme war tief und ruhig, aber jetzt klang sie wie ein grollender Donner: "Ruhe!"



Das Getuschel verebbte.
"Ich weiß, ich bin befangen und werde den Streit nicht schlichten können. Aber vielleicht kann Fred vermitteln? Er ist der Klügste von uns und weißer immer, das richtige zu tun. Fred?" Suchend sah sich der Bär um. Da hörte er auch schon die Stimme seines klugen Freundes: "Keine Ahnung, warum die Elster so ist. Aber sicher hat es sie gekränkt, dass niemand daran gedacht hatte, sie zu unserem Fest einzuladen. Dann ist sie sauer und stiftet Unfrieden. Vielleicht ist sie auch nur zu stolz, es zuzugeben. Oder ist sie nur einsam?"

Er überlegte kurz, dann sprach er weiter: "Dieser Streit frisst uns auf. Das muss enden. Das liegt wie ein Schatten auf unserem Wald. Ich schlage vor, ihr wartet hier, während Professor Rabe und ich zu Erika gehen und mit ihr sprechen. So kann es ja nicht weitergehen!" Betrübt sah der Fuchs in die Runde. "So ein schönes Fest und so ein trauriges Ende!", sagte er mit leiser Stimme.
Dann macht er sich mit dem Professor auf den Weg zur Elster.

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16

Noch immer waren die Tiere auf der großen Wiese vereint, obwohl das Regenfest längst beendet war. Aufgeregt tuschelten sie miteinander. Der Fuchs hatte Recht: Der Streit lag wie ein Schatten über dem Wald. Obwohl sich die Tiere einig waren, dass die Elster völlig verdient von Kati in die Schranken gewiesen wurde, eben weil Erika streitsüchtig und diebisch sei, versuchten sie doch auch die Ursache für das Verhalten der Elster zu ergründen.

"Vielleicht ist sie als kleines Kind mal aus dem Nest gefallen und hat sich den Kopf gestoßen", mutmaßte Sebastian Spatz. "Meinem Bruder Siegesmund ist das auch passiert. Er hielt sich danach für unbesiegbar und legte sich mit der Katze an. Hat nicht funktioniert", sagte er leise und sah betreten zu Boden.

Während die Tiere den kleinen Spatz trösteten und weiter über das Wesen der Elster nachdachten, steckte Hansi Hase in einem echten Dilemma: Wenn das alles so gut klappt mit der Wünsche erfüllenden magischen Möhre, dachte er, dann wäre es doch nun an der Zeit, mir endlich ein paar ganz persönliche Wünsche zu erfüllen. Er hatte da auch schon ganz konkrete Vorstellungen... Andererseits könnte er aber auch den Streit mit der Elster ganz einfach aus der Welt schaffen, in dem er sich von der Möhre wünschte, dass Erika von nun an zu jedermann und bis zum jüngsten Tag lieb sei. Aber war die übellaunige Elster das Wert? Sollte er dafür einen - wenn auch winzigen - Bissen von der magischen Möhre opfern? Instinktiv schüttelte Hansi den Kopf, dass seine langen Ohren nur so hin und her flogen.

"Was hast Du, Hansi?", fragte Isabel Igel. "Möchtest du nicht, dass wir die Elster zur Versammlung auf die Wiese zurückholen und zur Rede stellen?"
"Doch, doch", antwortete der Hase abwesend. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass die Tiere in ihrer Diskussion schon ein Stückchen weiter waren und bereits Maßnahmen besprachen.



Sollen sie ruhig, dachte Hansi. Ich muss jetzt auch mal an mich denken. Unbemerkt von den anderen zog er sich zurück und legte sich etwas abseits an einen Baum und dachte nach. Er hatte in seiner Tasche noch ein kleines Stück der magischen Möhre. Vielleicht noch zwei Bissen, schätzte der Hase. Also zwei Wünsche. Das muss wohl überlegt sein. Er verschränkte seine Pfötchen unter dem Kopf, kaute an einem Grashalm und starrte in die Dunkelheit. Von der Wiese drang das Stimmengewirr der Tiere zu ihm herüber, es klang wie das Rauschen der Wipfel im Herbstwind.

Herbstwind? Hansi stutzte. Nach dem Herbst kommt der Winter und das hieß Kälte und Schnee und meistens nur wenig Futter und oft mit knurrendem Magen einschlafen. Aber was, wenn er den Wechsel der Jahreszeiten stoppte und sich Kraft der magischen Möhre wünschte, es möge für immer Sommer im Wald sein? Es gäbe immer für alle reichlich zu essen. Keiner müsste frieren. Andrerseits könnte es aber geschehen, dass sie unter einer weiteren Hitzewelle zu leiden hätten. Und die würde vielleicht nie enden, denn es wäre ja dann ewig Sommer. Hm...

Ein wenig ratlos rollte sich der Hase im Gras hin und her. Vielleicht ließ er besser die Jahreszeiten, wie sie waren. Aber was sollte er sich dann wünschen? Angestrengt dachte er nach. Und weil er vom Fest schon ein wenig müde war, beschloss Hansi, dass es sich mit geschlossenen Augen viel besser nachdenken ließe.

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17

Und plötzlich wusste Hansi, was er sich wünschen sollte. Aufgeregt kramte er den Rest der magischen Möhre hervor, biss hastig davon ab und wünschte sich, der größte Hase der Welt zu sein. Um seinen Wunsch zu verstärken, kniff er ganz fest die Augen zusammen.

Aufmerksam lauschte der Hase in seinen Körper hinein. Nichts. Hm, eigentlich müsste ich doch jetzt wachsen, dachte Hansi enttäuscht. Ob es vielleicht Wünsche gibt, die die magische Möhre rein objektiv nicht erfüllen kann, um nicht das Raum-Zeit-Kontinuum zu stören? Hansi vermochte das nicht zu sagen. Den Fuchs konnte er nicht danach fragen, denn dann hätte er ja von der Wünsch erfüllenden Möhre erzählen müssen. Aber das wollte er auf gar keinen Fall. Der Besitz der magischen Möhre sollte für immer sein Geheimnis bleiben!

Und plötzlich spürte Hansi eine stetig größer werdende Spannung in seinem Körper. Das Fell schien wie elektrisch geladen. Kleine, feine Funken sprühten in alle Richtungen. Es schien, als bestünde das Hasenfell aus Millionen von Glühwürmchen, die sich gleichzeitig zum Abflug in alle Himmelsrichtungen verabredet hatten. Immer gleißender schien Hansis Fell und angelockt von dem unerwarteten Strahlenglanz kamen die Tiere von der Wiese herüber zu Hansi und sahen ihn mit großen Augen fragend an.



"Was ist mit dir, Hansi?", hörte der Hase wie aus weiter Ferne eine piepsende Stimme. Es war Isabel Igel, die plötzlich winzig klein neben dem Hasen wirkte. Hansi wiederum erschrak, als er feststellte, dass er inzwischen die Größe eines mittleren Waldbaumes angenommen hatte. Fast schwindelte ihm, als er nach unten sah und seine Freunde am Waldboden wahrnahm.
Das braune Fellknäuel da unten war zweifellos Brumm, der Bär. Er schien einen rötlichen Fussel auf seiner rechten Schulter zu haben, aber bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich als das kleine Eichhörnchen.

"Was ist denn jetzt los?", fragte der Fuchs erstaunt. "Was ist mit dir passiert?"
"Ach nichts", antwortete der Hase. "Ich bin jetzt nur der größte Hase der Welt." Und seine Stimme hallte wie grollender Donner durch den Wald, dass ein Sturm aufkam und die Tiere sich ängstlich versteckten. Nur Frau Hase lief nicht davon. Sie stand zu seinen Füßen, stemmte die Pfötchen in die Hüfte und begann zu schimpfen: "Was hast du denn jetzt wieder angestellt?! Ich würde ja sagen, ab nach Hause und ins Bett, aber so groß, wie du jetzt bist, passt du weder in unseren Bau, geschweige denn in unser Bett. Da hast du ja was schönes angerichtet!"

Stimmt, dachte Hansi betrübt. Irgendwie ging der Wunsch total nach hinten los. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt, der größte Hase der Welt zu sein. Und Schuld hatte die Möhre, die seinen Wunsch ganz falsch interpretiert hatte! Da tauchte das Schaf neben Frau Hase auf und rief Hansi nach oben zu: "Iss ein bisschen Sauerampfer, das hilft immer!"

"Sauerampfer...", murmelte der Hase und rollte im Gras unruhig hin und her. "Sauerampfer..." Er öffnete die Augen und erschrak. Vor ihm stand Schafi und fragte, ob alles gut sei. Verwirrt nickte Hansi. Was für ein Alptraum, dachte der Hase. Offensichtlich war er vor lauter anstrengendem Nachdenken eingeschlafen.
"Nur ein böser Traum", beruhigte der Hase das kleine Schaf. "Geh nur wieder hinüber zu den anderen. Ich muss noch ein bisschen nachdenken."

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Noch mal Glück gehabt, dachte Hansi. Ist vielleicht doch keine gute Idee, der größte Hase der Welt sein zu wollen. Aber es musste doch möglich sein, sich seine Träume von der magischen Möhre erfüllen zu lassen, ohne gegen jedes Gesetz der Physik und des Makrokosmos zu verstoßen!
Und plötzlich schlug sich Hansi mit der Pfote vor die Stirn. Na klar doch! Er träumte schon so lange von einer Reise in die Menschenwelt! Wie hatte er doch Brumm und Kati beneidet, als sie durch das Portal zu den Menschen reisten und hinterher von ihren Abenteuern berichteten. Wie gern wäre er dabei gewesen! Aber jetzt bot sich die einmalige Chance. Er müsste nur einen Bissen von der magischen Möhre nehmen und dann ab die Post durch das geheimnisvolle Portal.

Gesagt, getan! Im Schutz der Dunkelheit machte sich der Hase auf den Weg. Seltsamerweise kostete es ihn viel Kraft, seine Pfoten zu bewegen und zum Portal zu gelangen. Als schien eine unbekannte Kraft verhindern zu wollen, dass er diese Reise unternähme. Verwundert bemerkte der Hase, dass sich alles sehr unwirklich anfühlte.
Doch am Portal angekommen, verschwendete er keinen Gedanken mehr daran. Er nahm einen großen Bissen von der magischen Möhre, machte den letzten Schritt hinein ins Portal, dann schloss er die Augen und wünschte sich, in der Menschenwelt zu sein.

Und schon spürte Hansi eine sanfte Kraft, die ihn einhüllte und mit sich zog. Es glaubte sich in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass er die Augen nicht öffnen konnte. Sein Körper schien zu zerfließen, Hansis Fell bestand aus Millionen kleiner Funken.
Das hatte ich doch heute schon mal, dachte er verwundert. Er spürte ein intensives Kribbeln, gerade so, als ob seine Frau ihn an den Füßen kitzelte, dann ein kalter Lufthauch - und plötzlich war das Leuchten verschwunden.
Und mit ihm die Höhle.

Hansi öffnete die Augen und stellte verwundert fest, dass er tatsächlich in der Menschenwelt angekommen war. Er befand sich inmitten einer großen Stadt. Da fuhren Autos, da liefen Menschen, eine Straßenbahn kam quietschend näher - alles so, wie es Brumm und Kati beschrieben hatten.
Sie hatten auch erzählt, dass Brumm dort ein richtiger Mensch war und Kati war auch ein richtiger Mensch dort. Doch Hansi Hase war - er erkannte es an seinem Spiegelbild in der Pfütze vor ihm - ein Hase.

Das kann doch nicht sein, dachte er fassungslos. Irgend etwas war schief gegangen. Ob die magische Möhre ihre Kraft verlor, je weniger von ihr übrig war? Der Hase wusste es nicht. Und er wusste auch nicht, wie er wieder nach Hause kam. Verzweifelt ließ er die Ohren hängen, als die Situation bedrohlich wurde. Die Menschen gingen nicht mehr an ihm vorbei, sondern blieben stehen, betrachteten ihn neugierig und zeigten mit Fingern auf ihn.

"Ein Hase, guck mal."
"Wie niedlich, der ist bestimmt aus dem Zooladen ausgebüxt!"
"Wir fangen ihn ein und bringen ihn wieder zurück. Los!"
"Nein, viel besser: Wir fangen ihn und braten ihn! Das wird lecker!"
Hansi verstand die Worte nicht, aber als sich einer der Menschen zu ihm herunterbeugte und ihn an den Löffeln packen wollte, nahm er Reißaus. Mit großen Sätzen entwich er den Menschen - aber leider führte ihn seine Flucht auf die vielbefahrene Hauptstraße der Stadt. Schnell näher kommende Autoscheinwerfer blendeten ihn, das Hupen der Autos dröhnte in seinen Ohren. Sein Herz schlug rasend schnell vor Angst. Da blieb Hansi einfach mitten auf der vielbefahrenen Straße stehen und ergab sich. Hätte ich mir doch bloß nicht gewünscht, in die Menschenwelt zu reisen!



Mit den Pfötchen vor dem Gesicht verschloss er seine Augen und wartete auf das unausweichliche Ende. Vielleicht auf Rettung; vielleicht auf ein Wunder, denn das hatte er jetzt bitter nötig. Wie soll ich nur jemals wieder heil nach Hause kommen? Nach Hause kommen... Nach Hause...
"Du musst mehr Sauerampfer essen, das beruhigt!"

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Hansi nahm die Pfötchen vom Gesicht und öffnete die Augen. Das kleine Schaf stand vor ihm und wiederholte: "Du musst mehr Sauerampfer essen, das beruhigt!"
Verständnislos und schlaftrunken sah der Hase Schafi an.
"Du hast ganz unruhig geschlafen", erklärte das Schaf. "Du hast dich ganz wild hin und her gerollt und immer wieder gerufen: 'Nach Hause... nach Hause!'"

Jetzt endlich realisierte der Hase, dass der missglückte Ausflug in die Menschenwelt ebenfalls nur ein Alptraum war. Erleichtert atmete er auf. Er befand sich noch immer abseits der Wiese unter einem Baum, während die anderen - was auch immer - zu besprechen hatten.
Obwohl das Regenfest längst zu Ende war, standen die Tiere noch immer auf der großen Wiese, als warteten sie auf etwas. Hansi beschloss, gemeinsam mit Schafi zu den anderen zu gehen. Im Stillen befürchtete er, erneut einzuschlafen und einen weiteren Alptraum zu erleiden. So gesellte er sich zu Isabel Igel und dem kleinen Eichhörnchen und war noch sehr damit beschäftigt, die Traumerlebnisse zu verarbeiten.



Jetzt kam Brumm zu ihnen herüber und begrüßte Kati lachend mit den Worten, "da ist ja unsere Meisterschützin". Kati lächelte gequält.
"Ich weiß ja, dass ich die Elster nicht mit Tannenzapfen bewerfen sollte. Aber sie ist immer so gemein und böse und irgendwann reicht es einfach!", begehrte Kati auf.

"Ich finde, du hast alles richtig gemacht", sagte Isabel Igel und kicherte leise. Da musste auch Brumm lachen: "Sauber! Patsch. Tannenzapfen aus dem Nichts mitten auf die Elster. Davon werden unsere Enkel noch berichten."
"Jetzt wollen wir mal sehen, wie wir den Konflikt gelöst bekommen", mischte sich Dr. Uhu in das Gespräch. "Wir hätten schon viel früher mit der Elster sprechen müssen, dann wäre es vielleicht gar nicht soweit gekommen. Man sieht ja, wohin das führt, wenn ein Streit eskaliert. Auf jeden Fall werden wir unsere Regeln für ein Zusammenleben im Wald um Paragraf 8 erweitern müssen: Wir Tiere des Waldes bewerfen uns nicht mit Tannenzapfen."
"Ganz sicher", stimmte Isabel zu und ergänzte grimmig: "Und wir Tiere des Waldes belügen uns nicht, wir stehlen nicht und wir begehen auch keinen Versicherungsbetrug!"

"Das ist doch selbstverständlich", warf Brumm ein.
"Eben!", bekräftigte Isabel.
"Vielleicht sollte ich gemeinsam mit Prof. Rabe eine Abhandlung über das gebührliche Verhalten im Wald verfassen?", schlug Dr. Uhu vor. Während Brumm beifällig nickte und überlegte, was eine Abhandlung sei, stimmte Schafi Dr. Uhu zu: "Das ist eine prima Idee! Da kann ich mich gleich mit dazu setzen. Ich möchte nämlich schon bald eine Abhandlung über die Rolle des Sauerampfers bei der Menschwerdung des Affens schreiben. Da könnte ich noch etwas Hilfe gebrauchen!"

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20

Plötzlich breitete sich ein schnell anwachsendes Raunen über der großen Wiese aus.
"Seht mal, Fred und Prof. Rabe sind zurück!", riefen die Mäusezwillinge.
"Ja, und die Elster ist auch dabei!", ergänzte Sebastian Spatz.
"Na, die traut sich was!", kommentierte der kleine Waschbärenjunge Willi.
"Seid mal still, der Fuchs will was sagen!", rief nun Opa Hirsch die Tiere zur Ordnung.

Und tatsächlich räusperte sich Fred, hob die Pfötchen in die Luft und sprach dann in die einsetzende Stille: "Freunde, unser Regenfest fand leider ein unschönes Ende. Ihr habt es alle mitbekommen. Seit Jahren schwelt ein Konflikt, der heute offen ausgebrochen ist. Deshalb haben Prof. Rabe und ich Erika aufgesucht, um mit ihr zu sprechen." Fred trat ein Stück zur Seite und übergab das Wort an Prof. Rabe.

"Es gibt gewisse Regeln, an die wir uns halten müssen", fuhr der Professor fort. "Und das gilt ausnahmslos für alle..."
"Wir Tiere des Waldes belügen uns nicht, wir stehlen nicht und wir begehen auch keinen Versicherungsbetrug!", plapperte das Schaf altklug dazwischen.
Irritiert sah der Professor auf. "Ja, auch das." Er überlegte einen Moment, als suchte er die richtigen Worte, dann sprach er weiter: "Erika ist mit uns gekommen, weil sie euch etwas sagen möchte." Damit trat er beiseite, um der Elster Raum für ihre Erklärung zugeben.



Noch bevor die Elster zu sprechen begann, wusste Hansi Hase, was er sich wünschen musste. Dieser dumme Streit musste aufhören! Und weil die Elster nie im Leben von selbst mit ihren Gemeinheiten und Betrügereien aufhören würde, musste er dafür sorgen, das die Elster sich an die Regeln des Waldes hielt und fortan ein liebenswerter Teil der Gemeinschaft sein würde. Unbemerkt von den anderen griff er zur magischen Möhre, nahm einen Bissen und wünschte sich, dass die Elster endlich zur Vernunft käme und sich entschuldigen würde für ihr ungebührliches Verhalten.

Erika räusperte sich, dann begann sie mit fester Stimme zu sprechen: "Es ist nicht leicht für jemanden wie mich, der in der Stadt ein wunderschönes Leben führte, nun bei euch - auch nach so vielen Jahren noch - gewissermaßen in der ländlichen Gegend, also quasi bei den Wilden, zurechtzukommen." Ihre Stimme wurde fordernder: "Da hätte ich mir schon ein bisschen mehr Verständnis von euch gewünscht."

In die Stille hörte man nun ein Geräusch, das klang, als ob ein Hase ein Stück Möhre zerkaut.
Plötzlich änderte sich Erikas Stimme. Leise und sanft sprach sie weiter: "Wisst ihr, ich bin eine einsame, alleinstehende Elster und ich hätte so gern Freunde hier. Es tut mir leid, wenn ich euch mit meinen Worten verletzt habe. Ich werde auch keine Betrügereien mehr begehen. Ich werde einfach versuchen, die liebe Elster im Wald zu sein, mit der ihr euch gern anfreunden möchtet." Pause.

"Ja, das wäre schön", übernahm der Fuchs das Wort und räusperte sich, weil er einen Kloß im Hals zu haben schien. "Damit wollen wir einen Schlussstrich unter dieses unangenehme Kapitel ziehen", rief Fred. "Lasst uns Freunde sein!"
"Lasst uns Freunde sein!", riefen nun alle Tiere auf der großen Wiese und wunderten sich doch sehr über Erikas plötzliche Wandlung. "Aber Hauptsache, sie hat sich entschuldigt", sagte Brumm und gab seinem lieben Eichhörnchen ein Küsschen auf die Nase.

Wie groß war doch die Erleichterung bei allen Beteiligten, dass dieser Konflikt nun gelöst zu sein schien! Nur der Hase wedelte vor Aufregung mit seinem Schwänzchen und platzte schier vor Mitteilungsbedürfnis. "Fragt sich denn wirklich keiner, wieso die Elster so schnell ihre Einstellung änderte? Sowas kommt doch nicht aus dem Nichts! Das hat doch Gründe! Hinterfragt das denn niemand?!"

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21

Verwundert sahen die Tiere den Hasen an. Und dann hielt es Hansi nicht mehr aus. Die Zeit war gekommen. Alle Welt sollte - nein, musste - endlich erfahren, wem sie ihr Glück und all die Harmonie zu verdanken hatte.
"Ich war das", sagte der Hase ganz laut und weil niemand auf ihn hörte, schrie er so laut er nur konnte: "ICH WAR DAS! ICH HABE UNSERE WELT WIEDER IN ORDNUNG GEBRACHT!!! ICH, HANSI HASE. JAWOHL!" Plötzlich ebbte das Stimmengewirr auf der großen Wiese ab. Ganz still war es geworden und die Tiere sahen Hansi mit großen Augen an.

"Hast du getrunken?", fragte Opa Hirsch.
Hansi beachtete ihn gar nicht. "Ich war das", bekräftigte er noch einmal.
"Was warst du?", fragte Fred nach.
"Na, das alles. Erikas Einsichtigkeit und dass sie sich entschuldigt hat. Lenis Wesensänderung, dass sie fortan so freundlich und liebevoll zu Herrn Esel ist. Und den Dachs habe ich auch verjagt - richtig verkloppt hab ich den. Das hättet ihr mal sehen müssen. Brumm hätte das nicht besser erledigt. Ach ja, und den Regen hab ich auch herbeigezaubert, damit der Bär wieder im Fluss angeln konnte."

Ungläubig starrten ihn die Tiere an. Der Fuchs schüttelte den Kopf. "Wie willst du das denn angestellt haben?"
"Mit der Kraft der magischen Möhre!", sagte Hansi triumphierend.
"Quatsch mit Soße!", erwiderte Fred. "Magische Möhre, so ein Unsinn..."
Oh! Das verletzte den Hasen sehr! Er kramte aus seiner Bauchtasche das letzte Stück der magischen Möhre hervor, hielt es wie zum Beweis für alle gut sichtbar in die Höhe, schloss die Augen und sagte laut und deutlich, so dass alle Tiere auf der Wiese ihn hören konnten: "Fred Fuchs, weil du mich nicht ernst nimmst und an der Kraft der magischen Möhre zweifelst, sollst du eine Woche schlimmen Durchfall haben und nie Toilettenpapier!"
Dann steckte sich Hansi den Bissen in den Mund, kaute kurz und öffnete die Augen.

Verständnislos sah Fred ihn an. Dann legte der Fuchs plötzlich seine rechte Vorderpfote auf den Bauch, stöhnte wie unter starken Schmerzen und schlug sich dann mit großen Sprüngen ins nächstgelegene Gebüsch. Von dort hörte man den Fuchs wehklagen. "Au, mein Bauch, oh weh!"
Unter den Tieren auf der Wiese setzte ein ungläubiges Raunen ein. Hatte der Hase wirklich gerade den Fuchs mit einem Fluch belegt? Offensichtlich, denn aus dem Gebüsch, in welchem der Fuchs hockte, waren deutlich sehr bestimmte Geräusche zu vernehmen, die der Autor nicht näher beschreiben möchte. Druckreif ausgedrückt: Der Fuchs hatte Stuhlgang. Langanhaltend. Schmerzhaft. Und nicht ganz fest.



Während die Tiere den Hasen mit einer Mischung aus Unglaube und Ehrfurcht ansahen, blickte Hansi triumphierend in die Menge: "Ich hab's euch ja gesagt. Die magische Möhre existiert und sie erfüllt jeden Wunsch. Jeden! Oder glaubt ihr, ich denke mir das alles nur aus?!" Unschlüssig starrten die Tiere den Hasen an.

Schließlich kehrte Fred aus dem Gebüsch zurück und sah ziemlich mitgenommen aus.
"Siehste!", empfing ihn der Hase. "Glaubst du mir nun?"
"Was soll ich dir glauben?"
"Dass ich dich gerade verflucht habe. Mit der magischen Möhre! Die erfüllt nämlich jeden Wunsch!"
"So ein Quatsch!", erwiderte Fred. "Ich hatte heute im Morgengrauen auf meinem Streifzug durch die Siedlung einen Strauch roter Johannisbeeren entdeckt. Sie waren noch nicht ganz reif, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Das Ergebnis habt ihr gerade gesehen. Gehört." Und sah betreten zu Boden.

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"Magische Möhre?", fragte Leni nun den Hasen. "Sagtest du magische Möhre?"
"Ganz recht", bestätigte Hansi. "Du hattest mir die Geschichte von der magischen Möhre doch selbst erzählt!"
"Aber das ist doch nur eine Geschichte", klärte das Einhorn den Hasen auf. "Es ist ein Märchen, das uns hilft, nie den Glauben an das Gute zu verlieren. Die Gewissheit, das am Ende alles gut wird."
"Was willst du damit sagen?", fragte der Hase fassungslos. "Dass es nur eine Geschichte ist. Mehr nicht. Es gibt keine magische Möhre, die Wünsche erfüllen kann."

"Doch!", widersprach der Hase. "Gibt es wohl! Ich hab sie in der Siedlung gefunden. Eines morgens, ganz früh. Sie leuchtete sanft, als wären winzige Glühwürmchen in ihr gefangen. Sie glitzerte im Sonnenlicht ein wenig wie Feenstaub und ihr Orange war goldiger als das jeder anderen Möhre", beschrieb er jenen Moment, als er die Möhre fand. "Genau so hattest du es mir erzählt und genau so ist es dann auch eingetreten."

"Es kann sich einfach nur um eine Reflexion der Tautropfen im Morgenlicht gehandelt haben", fand der Fuchs eine einfache Erklärung für die optische Täuschung. "Sagt man doch oft so: Im goldenen Licht der Morgensonne." Beifällig nickten die umstehenden Tiere.
Sollte es tatsächlich so gewesen sein? Der Hase wollte, nein, konnte das nicht glauben. Er hatte doch Erika Elster bekehrt und Leni besänftigt und den Dachs verprügelt und Regen hatte er auch herbei gezaubert! Wie sollte das denn alles gehen ohne die Kraft der magischen Möhre?

"Und wie erklärst du dir dann, dass du plötzlich so liebenswürdig zu Herrn Esel bist?", begehrte Hansi schließlich auf und sah Leni herausfordernd an.
"Ach das? Kati hatte mit mir gesprochen. So von Frau zu Frau", klärte das Einhorn den Hasen auf. "Brumm hatte ihr wohl erzählt, dass ihr euch um meinen lieben Esel sorgt und dass es ihm nicht gut ging, weil ich manchmal so launisch bin. Und weil ich nicht möchte, dass es dem Eselchen schlecht geht, bemühe ich mich, ihm die Liebe zu geben, die er verdient. Er ist ja wirklich ein ganz toller Esel und ich möchte ihn nie verlieren."



Und dann wandte Leni sich dem Esel zu, gab ihm zärtlich ein Küsschen und schmiegte sich an ihn.
Oh, wie süß, dachte Kati und freute sich für die beiden. Nur der Hase machte ein verständnisloses Gesicht. "Du meinst, das war gar nicht die Möhre...", fragte er leise und mit großer Enttäuschung in der Stimme.

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"Ganz sicher war das nicht die Möhre", antwortete nun Fred. "Aber es ist doch ganz egal, wer etwas getan hat, so lange das Ergebnis gut ist. Und das ist es doch, oder?" Die Tiere nickten beifällig, doch der Hase wollte noch immer nicht glauben, dass die magische Möhre gar nicht magisch war.

"Und Erika? Ihr habt es doch alle gehört, wie sie sich entschuldigt und Besserung gelobt hat. Ich war das, weil ich mir von der magischen Möhre gewünscht hatte, dass die Elster Einsicht zeigt und sich bessert."
Jetzt lächelte der Fuchs: "Hansi", setzte er zu einer Erklärung an. "Prof. Rabe und ich waren vorhin bei Erika. Wir haben sehr eindringlich mit ihr gesprochen und sie gebeten, zur großen Wiese zurückzukommen. Wir haben ihr erklärt, dass es so nicht weitergehen kann und dass sie ihren Teil beitragen muss, wenn sie in unserer Gemeinschaft leben möchte. Das hat sie sehr nachdenklich gemacht und wohl zur Einsicht gebracht, dass sie nicht in Feindschaft mit uns leben kann. Also kam sie mit uns zurück und hat sich bei allen entschuldigt. Du hast es ja selbst gehört."

Mit leeren Augen sah der Hase Erika an. Die Elster nickte. Dann wandte er seinen Blick dem Fuchs zu, dann dem Raben und schließlich wieder dem Fuchs. "Das kann nicht sein...", murmelte Hansi. Dann begehrte er auf: "Und die Sache mit dem Regen? Ich habe den Regen mit der magischen Möhre für Brumm herbei gezaubert! Du hast es selbst gesagt, es grenze an Zauberei!" Fast schrie Hansi den Fuchs an, so sehr redete er sich in Rage.

"Hansi, das ist doch nur so eine Redensart", beschwichtigte Fred den aufgebrachten Hasen. "Das sagt man so, wenn unerwartet etwas passiert, was man sich lange gewünscht hatte. Aber im Grunde war es doch ganz einfach."
Fred rückte näher an Hansi heran, rollte den Schwanz um die Pfoten und begann zu erklären: "Also: Stell dir vor, die Sonne wärmt den Waldboden. Und es war vor dem Gewitter einige Wochen wirklich sehr heiß. Die Luft erwämt sich und steigt nach oben, so wie heißer Dampf über einem Glas Tee."
Hansi nickte.



Fred fuhr fort: "Oben in der Höhe ist es aber kalt. Die warme, feuchte Luft kühlt ab, und es entstehen riesige Wolken. Gewitterwolken. In denen wuseln Tropfen und Eisstückchen herum und reiben sich aneinander. Dabei entsteht elektrische Spannung. So ähnlich wie wenn dir jemand lange genug über den Kopf streichelt, dann lädt sich dein Fell auf - die sogenannte Prijut- Frisur - und wenn das Fell dann stark genug aufgeladen ist, gibt es kleine Funken. So ist das auch in den Gewitterwolken, die sich in einem Blitz entladen."

"Und das macht dann den Donner?", fragte Hansi interessiert.
Fred nickte. "Ja. Die Luft explodiert quasi, und das hören wir dann als Donner. Und dann fängt es auch schon an zu regnen."
Der Hase sah den Fuchs schweigend an. "Du meinst, es war purer Zufall, dass es ausgerechnet in dem Moment anfing zu gewittern, als ich mir für Brumm von der magischen Möhre Regen gewünscht hatte?"
"Sieht so aus", bestätigte Fred mit einem Bedauern in der Stimme. Traurig blickte der Hase in die Runde.



"Sei nicht traurig", versuchte Kati den Hasen zu trösten. "Ich erinnere mich an ein Gedicht, dass mir meine Mama früher immer zur Beruhigung aufgesagt hatte, wenn ich mich vor dem Gewitter und vor allem vor dem Donner gefürchtet habe. Wie ging's doch gleich..." Für einen Moment konzentrierte sich das kleine Eichhörnchen und dann sagte Kati mit ihrer hellen Stimme das Gesicht aus ihrer Kindheit auf:

"Die Sonne scheint, der Boden glüht,
die Luft wird warm, ganz sanft und müd'.
steigt sie nach oben, feucht und leicht,
bis sie die kalte Höh' erreicht.
Dort sammelt sich in großer Pracht,
'ne dicke Wolke, voller Macht.
Die Tröpfchen tanzen, heiß und schnell,
und plötzlich - zisch! - da blitzt es hell,
es donnert laut, beängstigend,
im Spiel so hoch am Firnament.
So kracht's und donnert's durch den Wald,
doch ist es nur heiß gegen kalt.
Drum fürcht' dich nicht, mein kleiner Schatz,
hier ist dein sich'rer, warmer Platz.
Ein Blitz ist nur ein Gruß von oben,
so lass die wilden Wolken toben.
Ein Wetterspiel, ganz wild und frei -
und bald schon ist der Spuk vorbei!"

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"Schön!", hauchte das Einhorn in die andächtige Stille, die nun auf der großen Wiese herrschte. Versonnen lauschte Kati für einen Moment dem Klang ihrer Worte, dann wandte sie sich wieder an den Hasen: "Es ist nur ein Wetterspiel und es war nur ein großer Zufall, dass das Gewitter gerade dann einsetzte, als du dir den Regen für Brumm gewünscht hattest."

Damit schien die Sache eigentlich klar, aber noch wollte Hansi nicht aufgeben. "Und als ich den Dachs verprügelte?"
"Du hast den Dachs verprügelt?", fragte Fred sichtlich überrascht.
"Ja, na klar!", antwortete Hansi voller Stolz. "Immer volle Kanne auf die zwölf! Ihr hättet sehen sollen, wie der wimmernd davon gerannt ist!"
"Ach, deshalb lässt er sich nicht mehr hier blicken", staunte der Fuchs.
"Aber wie hast du denn das gemacht?", fragte Frau Hase bewundernd ihren Gatten. "An der Möhre kann es ja wohl nicht gelegen haben."

Erstaunt und ein wenig ratlos sah Hansi in die Runde. "Ihr meint, das war auch nicht die magische Möhre, die mir die Bärenkräfte verliehen hatte?"
"Ich fürchte, nein", antwortete Fred und überlegte einen Augenblick. "Vielleicht ist die Antwort ganz einfach", fuhr er dann fort. "Du hattest dir beim ersten Bissen von der magischen Möhre gewünscht, dass sich Lenis Launen bessern und sie wieder etwas liebevoller zu Herrn Esel ist. Und Leni änderte tatsächlich ihr Verhalten. Das war für dich der Beweis, dass sich dein Wunsch dank der magischen Möhre erfüllt hatte. Du konntest ja nicht wissen, dass Kati inzwischen mit Leni gesprochen hatte. Du warst überzeugt, die Veränderung Kraft der Möhre herbeigeführt zu haben. Deshalb warst du dir auch sicher, dass dir die magische Möhre Bärenkräfte verleiht und mit der entsprechenden Sicherheit bist du auf den Dachs los gegangen. Du warst einfach überzeugt von dir und hieltest dich für unbesiegbar. Mit dem Selbstbewusstsein hättest du wahrscheinlich sogar Brumm verkloppen können." Jetzt musste Fred lachen.

"Ja, ja, die Kraft der Imagination", pflichtete ihm Dr. Uhu bei. "Dann hat die magische Möhre vermutlich wie ein Placebo gewirkt."
Verständnislos sah Hansi den Doktor an. "Was Dr. Uhu sagen will ist, wenn du nur fest genug an etwas glaubst, dann kannst du es auch erreichen", erklärte Fred.



Brumm hatte interessiert zugehört. Das brachte ihn auf eine Idee. Wer braucht schon eine magische Möhre, wenn es laut dem Doktor auch ganz ohne funktioniert? Wenn man also einfach nur ganz fest daran glauben muss, gleich einen tollen Leckerbissen vor sich zu haben? Der Bär kniff die Augen fest zusammen und wünschte sich einen riesigen Lachs in seinen Pfoten zu halten. Aber so sehr er auch daran glaubte, es erreichen zu können - es funktionierte nicht. Enttäuscht öffnete er schließlich die Augen: "Nein, es funktioniert nicht", sagte er verdrießlich.

"Was funktioniert nicht?", fragte das Eichhörnchen, erwartete aber keine Antwort, sondern mahnte zur Eile. "Komm mein lieber Brumm, jetzt müssen wir aber nach Hause gehen. Ich habe noch ein köstliches Lachsfilet, das möchte ich als Nachtmahl zubereiten."
Ja, isses denn..., dachte der Bär überrascht. Es funktioniert also doch! Und sogar ganz ohne magische Möhre! Leise jubelte er in sich hinein. Man brauchte an seiner Seite nur ein liebes Eichhörnchen, das einem alle Liebe der Welt gibt und dann ist auch das schier Unmögliche möglich.



Bei diesem Gedanken durchströmte den Bären eine wohlige Wärme - ein ganz tiefes Glücksgefühl und die Gewissheit, dass ihm nie etwas böses geschehen wird, so lange das kleine Eichhörnchen und er in Liebe vereint sind. Und weil er nicht wusste, wohin mit all der Freude, tanzte Brumm schließlich seinen ganz persönlichen Bärenfreudentanz. Und wie wir inzwischen alle wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

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