Teil 1

Der Schwarzwälder Nusstorten-Diebstahl

© Jens Mende, 2018
Kapitel:

1

Es war einmal vor langer, langer Zeit, in einem Wald, weit, sehr weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Dieser Wald war auf keiner Karte verzeichnet und noch nie hatte sich ein GPS-Signal in sein Dickicht verirrt. Und dennoch war bekannt, dass sich dieser Forst hinter - nein, nicht sieben, sondern acht Bergen befand. Man hatte extra noch einmal nachgezählt. Jener Tann war vollkommen frei von Zwergen. Nicht einmal eine schlafende Prinzessin in einem Glassarg gab es da und niemand fand das diskriminierend, denn die Frauenquote gab es noch nicht.

Und überhaupt! Wie sollte so ein Glassarg überhaupt da hin gekommen sein? Amazon gab es noch nicht und Hermes hätte die Zustellbenachrichtigung vermutlich im Nachbarwald jenseits der Karpaten eingeworfen. Und bei der Auslieferung wäre der Glassarg ganz sicher zu Bruch gegangen. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass Paketzusteller jede Sendung besonders weit und hoch werfen, auf der sich ein Aufkleber mit der Aufschrift "Vorsicht Glas! Nicht werfen!" befindet.
Jedenfalls regierte in jenem Wald ein kluger Löwe sehr zum Wohlgefallen all seiner Untertanen und...

Entschuldigung, falsche Gemarkung.
Also von vorn: Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem Wald, der bewohnt war von vielen verschiedenen Tieren. Diese Tiere waren in Freundschaft miteinander verbunden. Sie jagten sich nicht, sie fraßen sich nicht. Sie halfen einander, wenn es erforderlich war und lebten also in Eintracht ein angenehmes Leben fern von den Menschen und deshalb auch relativ sorgenfrei.

Der Wald

Es gab einen Biber, der sehr geschickt war im Anfertigen von Staudämmen. Zudem versorgte er die Waldbewohner mit vielen hölzernen Produkten, die im Alltag sehr hilfreich waren: Kochlöffel, kleine Kommoden und später sogar ein richtiges Karussell! Das liebten vor allem die Kinder Hansi Hases. Der wiederum war ein bisschen ängstlich und träumte davon, eines Tages ein richtiger Held zu sein. Aber dazu in einer anderen Geschichte mehr.
Es gab einen Fuchs, der sehr klug war und als Privatdetektiv auf beachtliche Erfolge verweisen konnte.
Im Wald wohnten Mäuse, eine Igeldame und sogar eine Elster! Die hatte früher in der Stadt gewohnt. Aber durch ihre vielen Diebstähle hatte sie die Menschen gegen sich aufgebracht und musste schließlich fliehen.

Es gab ein Eichhörnchen namens Kati, das den ganzen Tag durch den Wald sauste und Nüsse sammelte, um sie als Vorrat für den Winter zu verstecken. Da sie aber ein bisschen vergesslich war, fand sie viele der Verstecke nicht wieder. So wurzelten die Nüsse im Frühjahr und wuchsen als Haselnusssträucher heran. Kati sah es mit großer Freude. Sie konnte sich dieses stetig wachsende Überangebot an Nahrung zwar nicht erklären, aber das würde schon seine Richtigkeit haben, befand sie. Fred, der Fuchs, hätte es ihr erklären können. Er hätte ihr sagen können, dass sich der Haselnusstrauch aus den von ihr vergessenen Nüssen entwickelt hatte und die Menschen ihm den lateinischen Namen Corylus avellana gegeben hatten, aber er wollte dem kleinen Eichhörnchen keinesfalls dessen Glauben an die Magie nehmen, die diesem Vorgang zweifellos innewohnte. Und weil Kati lieb und freundlich und hilfsbereit zu Jedermann im Wald war, gönnten ihr die anderen ihre Freude über die neu gewachsenen Haselnusssträucher.

Es gab einen Bären, der nichts als seine Ruhe wollte und am liebsten schlief. Wenn er wach war, bestand seine Haupttätigkeit darin, Nahrung zu suchen und zu fressen. Er liebte es, am Fluss zu sitzen und zu angeln. Er liebte Leckereien aller Art. Waldhonig zum Beispiel. Der Bär hieß Brumm und war ein wenig unbeholfen, um nicht zu sagen, sehr tollpatschig. Aber so kannten ihn die Waldbewohner und wenn man Brumm aus dem Weg ging, hielt sich der Schaden meist in Grenzen.

Im Wald lebte auch ein alter Hirsch, von allen liebevoll "Opa Hirsch" genannt. Er war weise und erzählte gern von früher. Unterhaltungen mit ihm konnten sehr lustig sein, da der Alte schlecht hörte und sich aufgrund dessen manche Gespräche zu divergenten Konversationen entwickelten. Vor allem Sebastian Spatz, dieser kleine freche Kerl, liebte diese Art des Austauschs mit Opa Hirsch sehr.

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2

Sebastian mochte das Leben im Wald, der seine neue Heimat geworden war. Früher, in der Stadt, musste er sich immer wieder der hinterhältigen Attacken der gemeinen Hauskatzen erwehren. Nur weil die zu doof waren, sich zwischen den Beinen der Menschen in einer Fußgängerzone Brötchenkrümel oder Asianudeln zu stibitzen, mussten sie ihm doch nicht nach dem Leben trachten! Außerdem war doch gar nichts dran an ihm!
Irgendwann im Frühjahr wurde es ihm dann zu viel. Er verließ sein Nest und beschloss, nie wieder zurückzukehren. Lieber wollte er sein Leben fortan als lonesome rider oder outlaw fristen, anstatt eines Tages als Futter einer dahergelaufenen Stadtkatze zu enden! So flog Sebastian Spatz geradewegs nach Süden. Es war, wie sich später herausstellen sollte, die beste Entscheidung seines Lebens.

Sebastian Spatz

Etwas abseits der Stadt entdeckte er schließlich ein ausgedehntes Waldgebiet. Ein Fluss teilte die grüne Welt in zwei Hälften. Am linken Ufer saß ein Bär und angelte, am rechten Ufer gewahrte er eine Mückenkolonie - voller Vorfreude auf die willkommene Nahrung begann er zu tirilieren, während er im Sturzflug mitten hinein in die Wolke aus Millionen von Insekten stieß und sich den kleinen Spatzenmagen füllte. Gestärkt und guter Dinge stieg er danach erneut hinauf in den Himmel und betrachtete interessiert dieses Kleinod abseits der Autobahnen und Eisenbahnstränge, die die Menschen scheinbar wahllos in die Welt gebaut hatten.

An eine große Lichtung schloss sich ein majestätischer Hochwald. Das Unterholz bot einer Hasenfamilie Schutz. Wiesen voll saftigen Waldgrases lockten einen alten Hirsch, den er aus luftiger Höhe erblickte. Der Alte senkte sein Haupt und begann zu grasen. Interessiert beobachte der Spatz die Szene, als ihm plötzlich gewahr wurde, dass er noch nicht eine einzige Katze hier gesehen hatte. Welch eine Idylle, dachte Sebastian. Welch ein Geschenk! Hier möchte ich gern zu Hause sein! Und während er die Thermik dieses hellen Frühlingstages zum kraftschonenden Gleiten durch die warme Luft nutzte, sich dabei nicht satt sehen konnte an diesem wunderschönen Fleckchen heile Welt - sauste plötzlich ein großes, schwarz-weißes Etwas auf ihn zu.
"Pass doch auf!", zischte ihn eine Elster an, mit der er beinahe zusammengestoßen wäre. Dabei hatte er doch nur einen winzigen Moment davon geträumt, wie es wohl sein würde, hier in diesem Wald zuhause sein zu dürfen.

Mit großer Mühe landete der Spatz neben einem Waldhimbeerstrauch und hätte um ein Haar auf einem Igel aufgesetzt.
"Huch!", entfuhr es dem Stacheltier, "wer bist du denn?!"
"Entschuldige bitte", sagte Sebastian kleinlaut, "ich hatte ein wenig geträumt und wäre beinahe mit einer Elster zusammengestoßen. Da musste ich eine Notlandung einleiten. Aber ich wollte dich wirklich nicht erschrecken."
"Ach, alles gut!", besänftigte ihn der Igel - besser: eine Igeldame namens Isabel, wie sich später herausstellte. Sie war Journalistin und immer auf der Suche nach Geschichten für die Waldzeitung, die von ihr herausgegeben wurde.
"Wovon hast du denn geträumt?", wollte sie wissen, denn schon witterte sie eine Schlagzeile für ihre Zeitung: "Fremder verursacht Chaos im Luftraum - Provokation oder Unachtsamkeit?"
"Ach", druckste der Spatz ein wenig verlegen herum. "Ich hatte mir gerade vorgestellt, wie schön es sein müsste, hier mein Zuhause zu haben."
"Und was hindert dich daran?", fragte Isabel zurück.
Vielleicht die eigene Courage, dachte Sebastian und schwieg unschlüssig.

Isabel Igel aber hörte aus dem Schweigen des Spatzes mehr als aus tausend Worten. "Komm mit", forderte sie ihn auf. "Ich zeige dir einen Platz, an dem du wohnen kannst. Es wird ein Weilchen dauern, weil ich so kurze Beinchen habe. Aber es lohnt den Weg. Ein Stück von hier liegt das alte Forsthaus. Es ist schon seit Jahren verlassen. Mit seinen Gauben bietet es Schutz vor der Witterung und könnte das schönste Zuhause für einen heimatlosen Spatz wie dich werden."
Seit jenem Tag wohnte Sebastian in einem kuscheligen Nest in einer Gaube des alten Forsthauses.

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3

Die Elster wiederum flatterte nach dem Beinahe-Zusammenstoß mit dem Spatz auf einen Ast der nächstgelegenen Fichte und ruhte sich ein wenig aus. Diese Pause brauchte sie jetzt, denn es lagen anstrengende Stunden hinter ihr. Sie war mental völlig aufgewühlt. Gerade hatte sie Hals über Kopf ihr Zuhause in der Stadt verlassen müssen und fand sich nun in diesem öden Wald wieder. Hier schien es nichts Aufregendes zu geben, wenn man von diesem Spatz absehen konnte, der ihr beinahe geradewegs gegen die Brust geflattert wäre! Der hielt ein kurzes Gespräch mit einem Igel und folgte diesem dann, weil der Igel dem Spatz etwas zeigen wollte. Da die beiden jedoch hinter einer Wegbiegung aus ihrem Blickfeld verschwanden, verlor die Elster das Interesse an dem ungeschickten Spatz und seinem stacheligen Begleiter. Gelangweilt starrte sie vor sich hin und dachte voller Wehmut, wie gut sie es doch bis eben noch gehabt hatte! Erika Elster konnte noch gar nicht glauben, dass sich ihr Schicksal in kürzester Zeit so dramatisch geändert haben sollte.

Erika Elster

Das Leben in der Stadt war sehr angenehm. Sie bewohnte ein komfortables Nest unter dem Dach des Rathauses. Das war ein solider Bau, dem auch der schlimmste Sturm nichts anhaben konnte. Aber leider, leider musste sie heute ihr gemütliches Heim aufgeben und Hals über Kopf aus der Stadt fliehen. Schuld hatten die Gäste im Marktcafé. Oder besser gesagt die feinen Kuchengabeln und Kaffeelöffel, die in der Frühlingssonne so unwiderstehlich glänzten.
Oh, dieses Blinken und Glitzern! Das lockte die Elster geradezu magisch an und schließlich wurde sie unvorsichtig. Und weil Erika Elster also nicht widerstehen konnte, unternahm sie halsbrecherische Sturzflüge in Richtung der Tische, an denen die Menschen auf der Terrasse des Cafés die ersten warmen Tage des Jahres sowie leckere Torten und ihren Kaffee genossen.

Es dauerte nicht lange und die Gäste fühlten sich "von dem aggressiven Federvieh" belästigt. Man sei seines Lebens nicht mehr sicher und bestimmt ist die Elster krank. Am Ende steckte man sich noch unheilbar an... Vogelgrippe, Maul-und-Klauenseuche oder noch viel Schlimmeres! Um es kurz zu machen: Kaum hatte sie sechs oder sieben der golden glänzenden Kuchengabeln stibitzt und damit ihr Heim geschmückt, wurde sie von den Menschen aus der Stadt gejagt. Es ging alles so schnell, dass sie ihr ganzes Hab und Gut zurück lassen musste und dankbar sein konnte, ihr nacktes Leben sowie ihre liebste Perlenkette gerettet zu haben.

Und nun saß sie hier auf diesem Baum und wusste nichts mit sich anzufangen. Sollte sie nach einer kurzen Rast weiterfliegen und sich in einer anderen Stadt niederlassen? Noch einmal ganz von vorn anfangen? Elster 2.0? Missmutig schüttelte sie den Kopf. Es würde in jener anderen Stadt auch nur wieder Menschen geben, die ihr irgendwann nach dem Leben trachten würden. Denn sie war eine Elster und würde immer eine Elster bleiben. Und weil Elstern nun einmal jenen glitzernden Tand so liebten, den die Menschen ungern hergaben, würde es früher oder später wieder so enden wie heute.

Die Lage schien ausweglos. Erika begann lauthals auf ihrem Ast sitzend zu schimpfen. Sie haderte mit der ganzen ihr bekannten Welt und wünschte jedem die Pest an den Hals, der ihr unter die Augen kam. Zum Beispiel diesem Bären da unten.

Brumm

Der schien sie weder zu sehen noch zu hören. Trottete einfach hin- und herwiegend über den Waldweg und brummelte dabei leise vor sich hin. Für die Elster unverständliche Dinge und deshalb musste sie der Bär auch nicht weiter interessieren.

"Ruhig, Erika", dachte sie und atmete kräftig ein und wieder aus. Aufregung hatte sie heute schließlich schon genug gehabt. "Jetzt beruhige dich!", sagte sie zu sich selbst und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Und dann wusste sie, was zu tun war: Die Elster beschloss, den Bären Bären sein zu lassen und sich fürs erste in dieser Fichte ein Nest zu bauen. Alles weitere würde sich dann finden.

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4

Missmutig stapfte Brumm, der Bär, durch den Wald. Weder sah noch hörte er die Elster im Baum über ihm. Er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt. Das war heute wirklich nicht sein Tag!

Er war hungrig wie ein Bär aus dem Winterschlaf erwacht - daher auch die Redewendung - aber er fand nichts Essbares in seiner Höhle. Sein Pech begann schon am Morgen nach dem Aufwachen, als er sich beim Versuch, die unter das Bett gerollte Keksdose zurück zu holen, den Kopf gestoßen hatte. Mit der Beule wuchs auch die Enttäuschung. Denn als der Bär die Dose endlich in seinen Tatzen hielt und öffnete, entdeckte er, dass sie leer war.
"So ein Pech aber auch!", dachte Brumm und beschloss, sich als Ersatz einen prächtigen Fisch aus dem Fluss zu angeln. Doch leider ging auch dieses Vorhaben schief.

Brumm angelt

Stundenlang saß er am Ufer und beobachte seine Angel, doch nichts! Kein Fisch biss an und Brumm wusste auch, weshalb: Das laute Knurren seines leeren Magens musste inzwischen auch den letzten Fisch vertrieben haben. Doch da! Plötzlich zappelte die Angel in wildem Tanz und aufgeregt packte der Bär zu, ganz fest zu, aber vergebens. Die Angel brach und der Fisch verschwand wieder in den Fluten.

"Ist denn das zu fassen!?", dachte der Bär und wollte nicht glauben, was soeben passiert war. "Ich sollte heute auf gar keinen Fall Lotto spielen", sagte Brumm zu sich selbst und warf verärgert das zerbrochene Ende seiner Angel in den Fluss. Er beschloss, nach Hause zu gehen und sich ins Bett zu legen. Er würde schrecklich lange wach liegen und vor Hunger keinen Schlaf finden. Das war dem Bären klar. Aber was soll's? Nach dem langen Winterschlaf kam es auf einen weiteren Tag ohne Nahrung nun auch nicht mehr an. Gibt halt so Tage, dachte Brumm resignierend auf dem Nachhauseweg, und er war auch schon beinahe angelangt, als er plötzlich einen Duft erschnüffelte, der ihn elektrisierte.
Waldhonig? Waldhonig! Was für ein unverhofftes Glück, dachte der Bär erfreut. Gleicht sich eben alles aus. Mal büßt man eine Angel ein, dann findet man Honig. Da vorn, in der Nähe einer Eiche, in der ein Eichhörnchen seinen Kobel hatte, musste ein Waldbienenstock sein.

Voller Vorfreude suchte sich der Bär einen Knüppel. Dann machte er sich - aufmerksam dem Honiggeruch in der Luft folgend - auf den Weg. Er wusste ganz genau, wie er es anstellen musste: Ein oder zwei kräftige Schläge mit dem Knüppel gegen den Bienenstock, einfach volle Kanne in die Mitte! Dann würden die nützlichen Insekten voller Panik das Weite suchen und der Bär konnte sich in den Schatten setzen und die leckere Köstlichkeit genießen.

Ah, das kommt mir sehr gelegen, dachte Brumm voller Vorfreude und umfasste das Holz in seinen Tatzen fester. Das Summen wurde stetig lauter, je näher er dem Bienenstock kam. Jetzt war der Bär nur noch eine Stocklänge vor seiner Mahlzeit entfernt.

Für einen Moment zögerte Brumm. Tut mir leid, liebe Bienen, dachte der Bär. Ich mache das nicht, um euch zu ärgern oder weil ich euch nicht leiden kann. Und ich will euch auch wirklich nicht den Tag verderben, aber ich habe schrecklichen Hunger. Und es ist auch nichts persönliches! Wirklich nicht! Aber ich bin ein Bär und ich mag Honig. Die Natur will es so. Ich kann nichts dafür, das müsst ihr mir glauben. Tut mir wirklich sehr leid.

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5

Für einen Moment konzentrierte er sich, um diesen seltsamen Gedanken aus seinem Kopf zu verjagen. Dann holte er weit aus und legte all seinen Kummer und Ärger in diesen ersten Schlag.
Kummer wegen der Beule an seinem Kopf und die Enttäuschung, als er die Keksdose endlich geöffnet hatte und erkennen musste, dass sie leer war.
Ärger wegen der zerbrochene Angel und überhaupt: Hunger macht wütend!

Klatsch! Das Holz schlug mittig in den Bienenstock ein. Sauber, dachte der Bär. Jetzt noch ein Schlag und das Werk vollenden, spornte er sich an. Aber dazu kam es nicht mehr. Brumm holte aus und setzte zum nächsten Schlag an, da umhüllte ihn bereits das lauteste Summen, dass er jemals gehört hatte. Die Bienen mussten direkt in seine Gehörgänge geflogen sein. Und während der Bär noch dachte, das geht ja gar nicht, befand er sich auch schon mitten im Inferno. Bienen! Überall Bienen! Über ihm, neben ihm, vor ihm. "Au! Geht weg!"

Brumm wird von Waldbienen attackiert

Doch die wütenden Insekten hörten nicht auf ihn. Selbst auf seiner Nase hatten sie sich niedergelassen... Nein, dachte Brumm entsetzt. Nein, nicht auf der Nase! Doch da hörte er sich selbst schon jammern.
"Ihr tut mir weh!" Überall hatte er Schmerzen.

Inzwischen konnte er gar nicht mehr lokalisieren, von welchen Stellen sein Körper den Schmerz meldete. Den Stock hatte der Bär längst fallen gelassen. Jetzt versuchte er nur noch, zu überleben und mit den Tatzen diese heimtückisch stechenden Insekten abzuwehren. Aber vergebens. Der Schwarm war im Verteidigungsmodus und hätte sich auch von einer ganzen Armee von Bären nicht aufhalten lassen.
In seiner Panik sammelte er mit halb geschlossenen Augen Tannenzapfen und versuchte, sie mitten in den angreifenden Bienenschwarm zu werfen. Das würde sie hoffentlich vertreiben! Doch das Gegenteil war der Fall. Je blindwütiger er mit den Tannenzapfen um sich warf, um so schlimmer wurde es. Nahezu von Sekunde zu Sekunde wurden die Bienen aggressiver. Inzwischen war der ganze Bär ein einziger Schmerz.

Brumm ließ die letzten Tannenzapfen einfach aus seinen Tatzen gleiten, dann schloss er die Augen und wünschte sich weit, weit weg. "Ich armer, armer Bär!", jammerte Brumm, dann wurde es still. Und danach dunkel. Oder anders herum.

Sein Erinnerungsvermögen kehrte zurück, als er sich auf dem Waldboden liegend wiederfand, auf seinem Bauch ein Eichhörnchen, dass ihn fragend ansah. "Was machst du denn da?", fragte es neugierig.
"Vermutlich habe ich dir gerade das Leben gerettet", antwortete der Bär voller Überzeugung und stellte sich vor: "Hallo, ich heiße Brumm."

When Kati meet Brumm

Völlig hingerissen von Brumms Worten, hauchte das kleine Eichhörnchen: "Du hattest mich schon beim Hallo. Ich heiße Kati und bin für immer dein."
So oder so ähnlich hatte sich also die erste Begegnung zwischen Brumm und Kati zugetragen. Da war sich der Bär ganz sicher. Absolut sicher. Sicher sicher.

Das Eichhörnchen erzählte die Geschichte ein wenig anders, aber dazu später. Wichtig ist im Moment nur, dass sich Kati rührend um den verletzten Bären kümmerte. Sie kühlte mit feuchten Umschlägen Brumms arg lädierte Nase. Sie bereitete ihm das Essen und pflegte ihn wieder gesund.
Fortan verbrachten sie viele gemeinsame Stunden miteinander. Und so lernten sie sich von Tag zu Tag besser kennen und wurden schließlich die besten Freunde, die man sich nur vorstellen konnte.

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6

Fortan waren die Tage voller Lachen und Harmonie. Der Sommer war viel sonniger als sonst. Die Vögel in den Wipfeln zwitscherten fröhlicher, der Hase hoppelte lustiger den Waldweg entlang und selbst die streitsüchtige Elster grüßte freundlicher von oben herab. So jedenfalls erschien es dem Bären, wenn er vergnügt durch den Wald streifte, von leckeren Blaubeeren naschte und immer eine Tatze voll für das Eichhörnchen zu dessen Kobel mitbrachte. Voller Herzklopfen stand er dann am Fuß der großen Eiche und rief mit sanfter Stimme des Eichhörnchens Namen: "Hallo, liebe Kati, du errätst nie, wer hier unten steht und dir etwas Leckeres mitgebracht hat!"

Und schon schaute Kati aus ihrem Kobel, freute sich, Brumm zu sehen und schwupps - war sie auch schon im Zickzack den Baumstamm entlang hinunter gesaust und umkreiste ein paar Mal den Bären, dass ihm, während er Kati mit den Augen verfolgte, ganz schwindelig wurde.
Ach, wie freute er sich, das liebe Eichhörnchen zu sehen! Brumm fand immer eine Möglichkeit, Kati wenigstens einmal am Tag zu sehen und Zeit mit ihr zu verbringen.

Und auch Kati suchte die Nähe des Bären. Ein Anlass war schnell gefunden, da musste Kati gar nicht lange nachdenken. Am glücklichsten war der Bär, wenn sie ihm Essen zubereitete. Er liebte Schokoladenpudding! Und Nussplätzchen! Und Lachs in Sahnesoße! So ein verfressener Bär, dachte Kati manchmal amüsiert und musste schmunzeln, wenn er beim Essen voller Wohlbehagen leise zufrieden vor sich hin brummelte.

Kati kocht für Brumm

Und auch das Eichhörnchen war viel fröhlicher als sonst und genoss Brumms Gesellschaft, der nicht nur so süß und voller Dankbarkeit bei jeder Mahlzeit, die sie ihm zubereitete, brummen konnte. Nein, der Bär war auch sehr von praktischem Nutzen: Er hatte ein gutes Gedächtnis und war sehr stark. Er merkte sich all die Verstecke der Vorräte, die sie für den Winter zusammentrug und sammelte unermüdlich Tannenzapfen und Nüsse für sie.

Und so dauerte es nicht lange, bis auch den anderen Waldbewohnern aufgefallen war, dass Brumm und Kati sehr viel Zeit miteinander verbrachten. Man sah sie übermütig über die große Lichtung toben, während sie versuchten, sich gegenseitig zu fangen. Man sah sie in der Nähe des verlassenen Hochstands beim Picknick. Man hörte sie nach Einbruch der Dunkelheit kichern, wenn sie auf dem noch warmen Waldboden lagen und den Sternenhimmel betrachteten. Ganz offensichtlich: Brumm und Kati waren ein Paar!

Alle wussten es: Sebastian Spatz, Benni Biber und auch Opa Hirsch sahen das ungleiche Paar mit Freude. Nur Erika Elster schüttelte den Kopf und ereiferte sich: "Ein Bär und ein Eichhörnchen. Nein, so etwas albernes!" Aber auch sie konnte sich dem Zauber des Anblicks der beiden nicht entziehen.
Isabel Igel wusste es, Hansi Hase wusste es. Und Fred, der Fuchs, wusste es auch. Selbst dem Eichhörnchen war es von Anfang an klar gewesen, dass der Bär und sie für einander bestimmt waren. Nur Brumm, der tolpatschige und ewig hungrige Bär, konnte die Zeichen nicht deuten.

Das Eichhörnchen bereite ihm all seine Lieblingsspeisen zu und war ihm immer mit einem Lächeln zugewandt. So ein freundliches Eichhörnchen aber auch, dachte Brumm und freute sich über das viele leckere Essen. Und freute sich über die nette Gesellschaft. Und freute sich über Katis Nähe und vermisste sie, wenn sie sich abends verabschiedeten, sich eine gute Nacht und süße Träume wünschten und er noch beobachtete, wie sie in ihrem Kobel verschwand. Dann beeilte er sich, schnell einzuschlafen, damit es ganz schnell wieder Tag wurde und er das liebe Eichhörnchen wiedersehen konnte.

Doch meist lag er nachts noch lange wach, ließ den schönen Tag mit dem Eichhörnchen Revue passieren und hatte ein nie gekanntes Gefühl im Bauch, das ihn nicht einschlafen ließ. Hunger konnte es nicht sein. Ob er sich etwa den Magen verdorben hatte? Nein, das war kein Bauchweh. Es war nicht unangenehm.

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7

"Eher so, als würden eine Million Ameisen in meinem Bauch Karussell fahren", beschrieb der Bär einige Tage später Fred, dem Fuchs, diese seltsamen Bauchschmerzen, die, so wie Brumm es erklärte, gar keine Schmerzen waren. Und deshalb hatte sich der Bär ratsuchend an den klugen Fuchs gewandt. Der war Detektiv und hatte schon ganz knifflige Fälle gelöst. Fred wusste bestimmt Rat! Und während der Fuchs dem Bären zuhörte, begann er zu lächeln.
"Ach Brumm, mein verfressener Freund, du hast ja Schmetterlinge im Bauch!"
"Was habe ich?!" Entsetzt fuhr der Bär zurück. "Schmetterlinge im Bauch? Oh weh! Wie konnte das denn passieren", jammerte Brumm und begann zu überlegen, was er in den letzten Tage gegessen haben könnte, dass er sich diese seltsame Krankheit, von der er noch nie gehört hatte, eingefangen und nun Schmetterlinge im Bauch hatte.

"Beruhige dich!", sagte Fred und musste doch wieder lachen. "Schmetterlinge im Bauch, das ist so eine Redensart der Menschen. Sie meinen damit: Du bist verliebt!"
"Ich bin was?"

Brumm ist verliebt

"Du bist verliebt!", wiederholte Fred.
Fragend sah ihn der Bär an: "Ist das schlimm?"
"Nein", antworte der Fuchs. "Wenn ich die Menschen richtig verstanden habe, ist es wohl ein sehr schönes Gefühl. Aber im Grunde geht es nur um Fortpflanzung und die Erhaltung der Art."

"Aha", sagte Brumm und tat so, als hätte er Freds Worte verstanden. Fortpflanzung! Jetzt kicherte der Bär. Was der Fuchs auch immer so redete! Hi, hi, hi! Aber trotzdem! Wie nett sie ist, diese Kati! Zu jedermann freundlich und hilfsbereit und mitfühlend und überhaupt! Wie gut sie nach Sonne und Nüssen duftete! Und immer schlug sein Herz ein wenig schneller, wenn Kati in seiner Nähe war. Und immer waren die Stunden ohne sie langweilig und wollten gar nicht enden! Aber wenn Kati dann wieder in seiner Nähe war, schien der Himmel etwas blauer, die Sonne etwas wärmer und die Blumen auf der großen Wiese etwas bunter.

Ja, Freunde, das Leben ist schön, jubelte der Bär und freute sich auf jeden neuen Tag mit seinem lieben Eichhörnchen. Und auf einmal fand er es tragisch, dass er sie nicht schon früher kennenlernen durfte. "Aber besser spät, als nie", kam ihm eine von Tante Bärnadettes Weisheiten in den Sinn. Oder, wie Fred zu sagen pflegte: Es ist nie zu spät und selten zu früh. Und so genoss der Bär die Zeit mit dem kleinen Eichhörnchen und konnte sich sein Leben gar nicht schöner vorstellen. Er genoss das gute Essen, das Kati ihm zubereitete. Er genoss ihre Fürsorge und all jene Momente, wenn sie ihn zum Lachen brachte oder einfach nur in seiner Nähe war und er fasziniert beobachtete, wie sich das Sonnenlicht in ihrem buschigen Schwanz brach. Und immer schämte er sich ein wenig, wenn er an die Umstände ihres Kennenlernens dachte. Wie konnte er auch nur so ungeschickt sein! Er, der große, starke Bär, ließ sich von so ein paar läppischen Waldbienen aufs Kreuz legen! Aber das kleine Eichhörnchen verlor darüber nie wieder ein Wort und Brumm dankte ihr im Stillen für ihr Taktgefühl.

Und so vergingen die Tage und wurden kürzer und kürzer. Im Oktober schickte die Sonne einen letzten sommerlichen Gruß vom Himmel. Dann wehte der Wind das Laub von den Bäumen, wurde dabei immer heftiger, bis sein großer Bruder, der Sturm, aus dem Norden herauf zog und die Waldluft mit einem Geruch von Schnee würzte.
Dann wurde es Winter.

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8

Vergangene Nacht hatte es zum ersten Mal geschneit. Der Wind wehte so heftig durch den dunklen Wald, dass Sebastian Spatz große Mühe hatte, den Weg zu seinem Nest in einer Gaube der verlassenen Försterei zu finden. Puh, schüttelte er sich, als er endlich mit letzter Kraft in seinem Zuhause angekommen war. Das war wirklich knapp!

Das war wirklich knapp!

Voller Dankbarkeit dachte er nun zurück an jenes Gespräch mit Isabel Igel damals im Frühling. Sie hatte ihm auf dem Weg zum alten Forsthaus allerhand Nützliches über die Waldbewohner erzählt. Über den Fuchs, der sehr klug war und immer einen Rat wusste. Üer den brummeligen Bären, der aber im Grunde gutmütig war und einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte. "Der verpennt eh immer fast das halbe Jahr", sagte sie und kicherte dabei. Sie sprach von Prof. Rabe und der Familie Maus, die immer auf Nahrungssuche waren. "So klein und putzig und fast noch hungriger als der Bär", sagte sie und musste wieder lachen. "Aber wenn du hier heimisch werden willst, musst du dich mit allen vertragen."
Sebastian hatte eifrig genickt.

Und nun, keine neun Monate später, gehörte er wie selbstverständlich zur Familie der Waldbewohner. Zufrieden kuschelte er sich noch tiefer in sein behagliches Nest und beobachtete nun fast schon vergnügt den Flockenwirbel, den der Sturm immer heftiger entfachte.
Sebastian war zu Hause. Er war in Sicherheit und kein Sturm der Welt konnte ihm hier in seinem Nest etwas anhaben. Eine wohlige Wärme durchströmte den kleinen Körper.

Erika Elster beobachtete mit großer Sorge, wie der Wind inzwischen zum Sturm herangewachsen war. Er rüttelte an den Bäumen, dass sich deren Wipfel hin und her bewegten, als würde ein Riese versuchen, aus den Kronen Zöpfe zu flechten. Ein Brausen und Tosen, dass Erika Angst und Bange wurde. Zwar war ihr Nest stabil gebaut, aber ob der Baum, in dem sie es errichtet hatte, dem Sturm noch lange widerstehen konnte, war ungewiss.
Nun saß sie hier, mitten im Wald auf einem Baum, der so wild hin und her schaukelte, dass sie sich jede Sekunde übergeben wollte. Ach, wäre sie doch jetzt in ihrem alten Nest am Rathaus der Stadt! Der Sturm könnte ihr nichts anhaben. So aber... Es ließ sich nicht leugnen: Erika Elster hatte schon bessere Tage erlebt. Missmutig starrte sie in die Dunkelheit und sehnte sich nach Sonne.

Die Schneeflocken tanzten die ganze Nacht wild miteinander und setzten ihren Tanz auch am nächsten Morgen noch fort. Hansi Hase beobachtete den Flockenwirbel missmutig aus seinem Bau heraus. Ach je, dachte er, nun wird es für die nächsten Monate schwierig, genug Futter zu finden und alle in der Familie satt zu bekommen. Bei dem Gedanken fröstelte es ihn gleich noch ein bisschen mehr. Unbemerkt trat da Frau Hase von hinten an Hansi heran und kuschelte sich an seinen Rücken. Es war ihr kein Geheimnis, welch sorgenvolle Gedanken sich ihr Gatte angesichts des Wintereinbruchs machte.
"Ach Hansi", sagte sie sanft, "es wird schon nicht so schlimm werden! Außerdem ist doch jetzt wieder die Zeit, da du mit den Kindern Schlitten fahren und Schneemänner bauen kannst. Das lieben sie doch so sehr!" Stimmt, dachte Hansi. Und für einen Moment lächelte er.

Juhu, freute sich das kleine Eichhörnchen! Schnee!

Als Kati an diesem Morgen erwachte, sah sie vor dem Fenster ihres Kobels die Wipfel der Bäume, die eine weiße Haube wie aus Puderzucker trugen. Juhu, freute sich das kleine Eichhörnchen! Schnee! Und es schneite immer weiter! Genau richtig so kurz vor Weihnachten. Ach, dachte Kati, das wird ein schönes Fest!

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9

Seit sie mit Brumm, dem Bären, befreundet war, bedeutete die Winterzeit nicht mehr Hunger und Kälte, sondern miteinander Kuscheln und viele Nüsse naschen. Denn mit Brumm gab es eine gute Arbeitsteilung: Als sie im Herbst gemeinsam die Vorräte für den Winter anlegten, zeigte es sich, das Brumm nicht nur sehr stark war und ganz viele Nüsse und Tannenzapfen auf einmal tragen konnte. Nein, er hatte auch ein gutes Gedächtnis und konnte sich deshalb immer genau daran erinnern, wo Kati die Vorräte im Wald versteckt hatte. Im Gegenzug kochte das kleine Eichhörnchen Brumms Lieblingsgerichte, und das wiederum bereitete dem Bären große Freude, dass er bei fast jeder Mahlzeit vor Vergnügen leise vor sich hin brummelte, so gut schmeckte es ihm!
Bei all der Fürsorge, die der Bär nun durch Kati erfuhr, wurde er viel ausgeglichener und brummte auch viel weniger als sonst. Das war Fred, dem Fuchs, auch schon aufgefallen und er sah das alte Sprichwort wieder einmal bestätigt: Ist der Bär satt, herrscht Ruhe im Wald. Wobei dem Fuchs nicht ganz klar war, wieso ausgerechnet das Eichhörnchen die Freundschaft zu Brumm gesucht hatte. Oder war es umgekehrt?

An einem schönen Sommertag entdeckte Fred während eines Streifzugs durch den Wald den Bären am Fluss sitzend. Er beschloss, die unverhoffte Begegnung zu nutzen und seine Fähigkeiten als erfolgreicher Detektiv auch einmal privat zu verwenden. Er wollte zu gern wissen, wie das ungleiche Paar sich kennengelernt hatte. Wäre doch gelacht, wenn er das nicht aus dem Bären heraus kitzeln könnte! Schließlich beherrschte der Fuchs auch die subtilsten Verhörmethoden. Der Bär würde singen wie eine Nachtigall!
Die Kunst bestand darin, den Befragten zu keinem Zeitpunkt wissen zu lassen, an welchen Informationen man tatsächlich interessiert ist, erinnerte sich Fred an die Zeit seiner Ausbildung, als ihn sein berühmter Großvater Poirot die verschiedenen Techniken der Befragung lehrte.

Brumm warf gerade seine Angel aus und hoffte auf einen stattlichen Fang.
"Petri heil!", grüßte Fred und setzte sich zum Bären ins Gras.
"Petri Dank!", antworte Brumm und ließ die Angel keine Sekunde aus den Augen, während der Fuchs über Belangloses sprach. Die brütende Hitze an manchen Tagen sei unerträglich, da bleibe er lieber im Bau... Aber heute geht es ja... Brummt nickte zustimmend und lobte sein liebes Eichhörnchen, dass ihm an den heißen Tagen köstliche Himbeerlimonade zubereitet hatte. "Ja, da kannst du dich wirklich glücklich schätzen", stimmte Fred zu, "so eine selbstgemachte Himbeerlimonade ist schon was feines!" - Ein Seitenblick zum Bären, der keine Regung zeigte.
"So eine selbstgemachte Himbeerlimonade ist schon was feines!", wiederholte Fred nun lauter.
"Hm", brummte der Bär zustimmend.
"...und sie dann auch noch von so einem lieben Eichhörnchen serviert zu bekommen...", schob der Fuchs nach.
Wieder nickte der Bär zustimmend. "Hm."
"Himmel!", fuhr Fred nun auf. "So richtig gesprächig bist du heute auch nicht."
"Ich bin zum Fischen hier", antwortete Brumm und wies auf die Angel im Fluss. "Ich habe Kati versprochen, uns für das Mittagessen Forellen zu besorgen. Ich glaube, sie mag sie gar nicht, aber mir zuliebe bereitet sie sie zu."
"Aha", sagte Fred und wechselte die Taktik: "Weil du gerade selbst davon sprichst: Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?"

Weil du gerade selbst davon sprichst: Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Jetzt sah ihn der Bär von der Seite an und überlegte einen Moment. "Ach, das war wieder so typisch Eichhörnchen! Du weißt ja, wie tollpatschig Kati manchmal sein kann", erzählte der Bär und die Worte sprudelten nun nur so aus ihm heraus. "Es war im Frühjahr und sie musste den Angriff eines Waldbienenschwarms abwehren. Da bin ich ihr zu Hilfe geeilt und habe die Bienen mit gut gezielten Tannenzapfenwürfen verjagt. Und danach habe ich mich um Kati gekümmert und mich erkundigt, ob es ihr gut geht. Sie antwortete, ich hätte sie schon beim Hallo gehabt. Was auch immer das bedeuten mag. Ich glaube, das hat sie aus einem Film. Na egal. Zum Dank hat sie mir Essen gekocht und seitdem sind wir befreundet."
Fred nickte, aber er glaubte dem Bären kein Wort!

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Nun hatte es also in der vergangenen Nacht geschneit. Der Wald trug eine weiße Haube.
"Endlich!", dachte Kati. Endlich hatte es geschneit. Das kleine Eichhörnchen freute sich sehr auf den Tag und schlug beherzt die Bettdecke zurück und hüpfte ins Bad. Kati beeilte sich, denn sie wollte gleich nach dem Frühstück hinüber zu Brumm gehen und mit ihm eine Schneeballschlacht veranstalten. Das würde sicher sehr lustig werden, denn der Bär konnte nicht mal halb so gut zielen wie sie. Kati kicherte. Das erinnerte sie an den Tag, als sie sich kennengelernt hatten.

Es war ein warmer Frühlingstag. Das Eichhörnchen hatte es sich wie immer nach dem Mittagessen in seinem Schaukelstuhl bequem gemacht und hielt ein kleines Schläfchen, als vor ihrem Kobel plötzlich ein lautes Schimpfen und Brummen zu hören war. Hin und wieder unterbrochen von einem tiefen "Au! Geht weg!"
Ab und an polterte etwas gegen ihren Kobel. Dann ein Schmerzensschrei: "Ihr tut mir weh!"

Missmutig stand Kati auf und ging zum Fenster. Unten auf dem Waldweg sah sie einen Bären, der einen seltsamen Tanz aufführte. Es schien eine Mischung aus mongolischer Folklore und Breakdance zu sein. Also gewiss nicht die Art, wie man Breakdance in der Bronx tanzte. Mehr so Bitterfeld oder Mühlhausen.
Interessiert verfolgte Kati die Szene. Was machte der Bär da? Rhythmusgefühl hatte er ja. Aber er fuchtelte mit den Pranken, als wolle er etwas verscheuchen. Dann versuchte er, seine Nase zu schützen und begann schließlich in einem Wutanfall wahllos mit Tannenzapfen um sich zu werfen. Einige davon prallten gegen ihren Kobel. "Hey, hey!", begehrte Kati auf. "Was soll denn das?!" Aber der Bär hatte sie nicht gehört.

Der Bär begann schließlich in einem Wutanfall wahllos mit Tannenzapfen um sich zu werfen.

Warum benahm er sich so seltsam? Kati beschloss, den Dingen auf den Grund zu gehen. Vorsichtig verließ sie ihren Kobel und vernahm sofort ein lautes Summen, dass direkt von dem Bären auszugehen schien. Und nun erkannte sie auch den Grund für das seltsame Verhalten des Bären: Er versuchte verzweifelt, einen Schwarm Waldbienen zu vertreiben. Aber es gelang ihm einfach nicht. Und weil das Eichhörnchen ein gutes Herz hatte, beschloss es, dem in Not geratenen Bären zu helfen. Schnell sammelte sie ein paar Tannenzapfen und nach einigen gezielten Würfen mitten hinein in den Schwarm ließen die Bienen endlich vom Bären ab und verschwanden.

Erschöpft legte sich der Bär auf den Waldboden und bedeckte mit seinen Pfoten die schmerzende Nase. Das Eichhörnchen verließ seinen Baum und landete mit einem geschickten Sprung auf dem Bauch des massigen Bären. Der wiederum nicht wusste, wie ihm geschah. Sein Bärengehirn stand vor der Aufgabe, zwei sich widersprechende Reize zeitgleich zu verarbeiten: Den Schmerz in der Nase und das lustige Kribbeln auf dem Bauch.

When Kati meet Brumm

"Das kitzelt", sagte er.
"Oh, entschuldige bitte", sagte Kati und sprang vom Bauch des Bären ins Gras direkt neben seinem Kopf. Dabei kitzelte sie den Bären versehentlich mit ihrem buschigen Schwanz an der Nase. Es folgte ein gewaltiges Niesen, darauf ein nicht enden wollender Schmerzenslaut.
"Was hast du?", fragte das kleine Eichhörnchen und streichelte voller Mitgefühl den Kopf des Bären.
"Mir tut alles weh, vor allem die Nase", gestand Brumm. Langsam nahm er die Pfoten vom Gesicht und nun sah Kati die arg geschwollene Nase des Bären. Das musste höllisch wehtun!
"Die Bienen haben dich wirklich übel zugerichtet! Wie konnte das nur geschehen?"

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"Ach", stammelte der Bär und begann dann zögernd zu erzählen, dass er nach dem Mittagessen einen Verdauungsspaziergang unternehmen wollte. Das Wetter sei schön und was sollte ein Bär lieber mögen, als bei schönem Wetter durch den Wald zu spazieren - als er plötzlich und heimtückisch und wirklich aus heiterem Himmel von den Bienen angegriffen worden war. Er selbst wollte nur ganz friedlich die Flora genießen.
"Stimmt ja gar nicht", rief da die Elster vom Ast über ihnen. "Wie ein Verrückter hast du mit einem Knüppel auf den Bienenstock eingeschlagen!"
Diese blöde Elster! Man müsste sie verjagen, dachte der Bär. Wer hatte ihr überhaupt erlaubt, in diesem Wald zu wohnen?!

"Stimmt das?", fragte Kati leise. Verlegen sah der Bär das kleine Eichhörnchen an und schwieg.
"Stimmt das?", fragte Kati noch einmal, jetzt vorwurfsvoll.
"Ich weiß es nicht mehr, ich habe nämlich alles vergessen", jammerte Brumm. "Kannst du mir bitte sagen, wer ich bin?" Treuherzig sah der Bär das kleine Eichhörnchen an. "Ich leide nämlich unter schlimmer Amnesie und weiß nicht mal mehr, dass ich Brumm heiße!"
"So, so", nickte das Eichhörnchen und begann zu kichern. "Da hast du armer, bedauernswerter Bär, der nicht einmal mehr weiß, dass er Brumm heißt, also nicht auf der Suche nach frischem Waldbienenhonig mit einem Knüppel auf den Bienenstock eingeschlagen?"
"Hm",brummelte der Bär und sah betreten zu Boden. "So könnte es sich allerdings auch zugetragen haben", gestand er kleinlaut und murmelte etwas wie hungrige Bären können gar nicht anders und außerdem sei Waldbienenhonig sehr gesund.

Jetzt musste Kati endgültig lachen. Dieser tollpatschige Bär schien ein lustiger Zeitgenosse zu sein! Sie war ja selbst auch gern zu jedem Schabernack bereit, so lange es nicht gefährlich wurde. Sie beschloss, sich um ihre neue Bekanntschaft zu kümmern.
"Wo wohnst du denn? Wirst du den Heimweg allein schaffen?", fragte sie. "Ich bin übrigens Kati, das kleine Eichhörnchen", stellte sie sich dem Bären vor.
"Ich bin Brumm, der Bär und wohne gleich da vorn", lautete die Antwort des pelzigen Tollpatschs, der mit seiner rechten Pfote auf eine Höhle zeigte, die sich direkt neben der Eiche befand, in der das Eichhörnchen seinen Kobel hatte. "Den Weg bis dahin schaffe ich bestimmt allein."
"Na gut", willigte Kati ein. "Dann geh schon mal nach Hause und ich hole inzwischen etwas zum Kühlen und komme dann nach."

Wenig später lag der Bär in seinem Bett und Kati kühlte mit einem feuchten Tuch seine zerstochene Nase.

Wenig später lag der Bär in seinem Bett und Kati kühlte mit einem feuchten Tuch seine zerstochene Nase. Die Fürsorge tat dem Bären gut. Das erinnerte ihn an seine liebe Tante Bärnadette, die sich immer sehr liebevoll um den kleinen Brumm gekümmert hatte. Und wie gut die Tante roch! Brumm liebte es, sich in ihrem Fell zu vergraben. Ganz tief sog er diesen einmaligen Duft nach Sonne und Honig ein. Dann fühlte er sich sicher und geborgen.

Das Eichhörnchen roch auch nach Sonne. Nach Sonne und Nüssen. Auch lecker, dachte der Bär und blieb ganz still liegen in der Hoffnung, dieser wunderbare Moment möge nie vergehen. Und so blieb Kati noch bis zur Dämmerung. Sie bereitete dem Bären sein Abendbrot und verabschiedete sich dann mit dem Versprechen, am nächsten Morgen wieder nach ihm zu sehen.

Mit einem Lächeln kehrte Kati aus ihren Erinnerungen an jenen Tag zurück, als der Bär in ihr Leben getreten war. Seit dem hatten sie viele schöne Momente miteinander geteilt.
Voller Vorfreude auf den schönen Wintertag mit Brumm deckte sie den Frühstückstisch und öffnete die Tür des Vorratsschränkchens, um ihre Lieblingsnusskonfitüre herauszuholen. Dabei fiel ihr Blick auf den Tortenteller im mittleren Fach. Er war leer!
Das kann doch gar nicht sein, dachte Kati voller Enttäuschung. Sie hatte doch extra noch zwei Stück der Torte, die sie selbst gebacken hatte, für das gemeinsame Kaffeetrinken mit Brumm aufgehoben. Aber nun fand sie nur noch den leeren Teller vor.
Sollte sie sich so getäuscht haben?

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Ja, sie war vergesslich so wie alle Eichhörnchen, aber trotzdem: Sie hätte schwören können, dass sie den Teller gestern Abend mit zwei Stück Torte darauf in das Vorratsschränkchen zurück gestellt hatte. Brumm war bereits hinüber in seine Höhle gegangen und Kati räumte noch ein bisschen ihren Kobel auf. Danach hatte auch sie sich schlafen gelegt.

Schwarzwä&oumllder Nusstorte

Es war eine ganz besondere Torte, die sie nach einem uralten Familienrezept gebacken hatte. Schwarzwälder Nusstorte! Eigentlich eine Kirschtorte, aber da Eichhörnchen nun mal Haselnüsse lieber mögen als Kirschen, wurde das Rezept entsprechend modifiziert.
Doch nun war der Kuchenteller leer und Kati dachte, da wird der Brumm aber dolle enttäuscht sein. Der liebte es, zu essen. Honigbrötchen, Süßigkeiten, Schokoladenpudding und eben auch Kuchen und Torten. Und weil er so gerne und so viel aß, hatte er ein kugelrundes Bäuchlein, an das sich das kleine Eichhörnchen so gerne schmiegte, wenn ihr kalt war oder sie Angst hatte und Schutz suchte.

Vor lauter Aufregung ließ sie das Frühstück ausfallen. Kati würde jetzt ohnehin keinen Bissen hinunter bekommen. Stattdessen setzte sie sich die dicke Bommelmütze auf den Kopf und wickelte sich in den warmen Schal, den ihr Brumm zum Geburtstag geschenkt hatte. Das kleine Eichhörnchen wollte jetzt ganz schnell den Bären wecken, auch wenn dem das gar nicht gefallen würde, und ihm vom Kuchendiebstahl berichten. Denn anders konnte es ja gar nicht gewesen sein, als das sich jemand nachts heimlich angeschlichen und die Nusstorte gestohlen hatte!

Brumms Höhle lag direkt gegenüber der Eiche, in der das kleine Eichhörnchen seinen Kobel hatte. Das war sehr praktisch! Der Bär wohnte quasi nur einen Eichhörnchensprung entfernt.
Kati verließ ihren Kobel und schnupperte zunächst sichernd in die kalte Morgenluft. Dann hüpfte sie von Ast zu Ast und schwupps, landete Kati vor dem Eingang von Brumms Höhle. Selbst hier draußen hörte sie den Bären noch schnarchen! Das Eichhörnchen kicherte und hüpfte, ohne an Brumms Tür zu klopfen - er würde das ohnehin nicht hören, so fest wie er schlief - mit flinken Bewegungen in Brumms Schlafzimmer und landete mit einem sanften letzten Sprung direkt auf dem kugelrunden Bärenbäuchlein. Im Rhythmus seines Atems hob und senkte sich die Bettdecke und mit ihm das kleine Eichhörnchen. Hui, dachte Kati, das ist ja wie Riesenrad fahren!

Liebevoll betrachtete sie den Bären, der tief und fest schlief und Kati überlegte, wie sie Brumm nun wohl am besten wecken sollte. Manchmal kitzelte sie ihn mit ihrem buschigen Schwanz an der Nase. Das mochte Brumm gar nicht, denn davon bekam er einen Niesanfall, aber dann mussten sie beide doch immer sehr lachen, wenn Brumm mit seinen zotteligen Tatzen versuchte, den Schwanz des kleinen Eichhörnchens zu haschen. Aber das Eichhörnchen war viel zu flink für den behäbigen Bären, der dann auch noch absichtlich daneben griff und dann mussten sie noch mehr lachen. So ein schönes Spiel aber auch!

Nein, dachte Kati und schüttelte den Kopf, das würde Brumm heute nicht gefallen, wenn sie ihn erst zum Lachen brächte und ihm dann von der verschwundenen Torte erzählen müsste. Der Bär würde arg enttäuscht sein, denn auch Brumm hatte sich schon sehr auf die Torte zum gemeinsamen Kaffeetrinken gefreut. Wobei der Bär Kaffee gar nicht mochte. Brumm trank am liebsten Milch mit Honig oder warmen Kakao.

Das Eichhörnchen sprang also auf das Kopfkissen des Bären und flüsterte ihm ins Ohr: "Brumm? Bru-humm?" - Keine Reaktion.
"Brumm! Wach auf!"
Der Bär drehte sich im Schlaf zur Seite und wandte ihr seinen Rücken zu.
"Jetzt wach doch endlich auf, wir sind bestohlen wurden!" Wie vom Igel gepiekst richtete sich der Bär auf. "Waaaaas?", fragte er mit verschlafener Stimme.
"Guten Morgen, lieber Brumm", sagte das kleine Eichhörnchen. "Ich habe leider keine guten Nachrichten und dabei hatte ich mich schon so sehr auf den Tag mit dir gefreut. Es hat heute Nacht geschneit und ich dachte, wir könnten durch den Schnee toben und uns mit Schneebällen bewerfen. Aber inzwischen ist mir die Lust vergangen. Stell dir vor, jemand hat die letzten zwei Stück der Nusstorte aus meinem Vorratsschrank gestohlen!"
"Oh nein!", jammerte der Bär und war hellwach, "das ist ja schrecklich! Wie konnte das denn nur passieren?"
"Ich weiß es nicht", sagte Kati mit viel Bedauern in der Stimme und zuckte mit den Schultern. "Irgend jemand, der von der Torte wusste, musste sich heute Nacht in meinen Kobel geschlichen und mich bestohlen haben."

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Der Bär saß traurig in seinem Bett und fragte ratlos: "Was machen wir denn nun?"
Das kleine Eichhörnchen zuckte mit den Schultern und kuschelte sich an Brumm. Sie sah ihn von unten an.
"Du hast da was", sagte Kati plötzlich und glaubte Krümel um Brumms Mundwinkel zu erkennen. Hastig fuhr sich der Bär mit der Zunge um seinen Mund.
Du hast da was!

"Wo hab ich was?", fragte er aufgeregt zurück.
"Du hattest da Krümel um deinen Mund... Nein, warte mal", sagte Kati nun mit Enttäuschung in der Stimme, "du wirst doch nicht etwa...?!"
"Gar nichts hab' ich", widersprach der Bär trotzig und wippte unruhig in seinem Bett hin und her.
"Sag, dass das nicht wahr ist!", forderte das kleine Eichhörnchen empört. "Du hast doch nicht etwa heute Nacht, während ich schlief, die letzten zwei Stück der Nusstorte still und heimlich aufgefuttert?!"
"Gar nichts hab ich, während du schliefst!", verteidigte sich der Bär. "Und es kränkt mich sehr, dass du mich verdächtigst!" Trotzig verschränkte Brumm die Tatzen vor seiner Brust. "Ich habe dir geholfen, deine Vorräte anzulegen und ich bin dein allerbester Freund!"

"Das stimmt", bestätigte das kleine Eichhörnchen. "Du bist mein allerbester Freund. Und du bist verfressen!" Nachdenklich verließ Kati Brumms Bett und stand unschlüssig an der Tür.
Der Bär indes wollte gar nicht glauben, was soeben passiert war: Nicht nur, dass jemand die letzten zwei Stücke der besten Schwarzwälder Nusstorte gestohlen hatte - wer auch immer es war, er sollte von allen Waldbienen dieser Welt in die Nase gestochen werden! Nein, zu allem überdruss verdächtigte seine Kati ihn, ausgerechnet ihn, den liebsten Bären auf der ganzen Welt, des infamen Raubs! Ja, wenn er die Tat begangen hätte, hätte er jetzt wenigstens keinen Hunger und wüsste die Torte in seinem Magen an einem guten Platz! So aber musste er zwei Verluste zugleich ertragen: Den der Torte und das Vertrauen seiner lieben Kati.

Das ist nicht fair, befand Brumm und sah traurig seiner Freundin nach, die langsam und mit gesenktem Kopf seine Höhle verließ.
Ja, ich bin verfressen, gab er dem kleinen Eichhörnchen im Stillen recht. Aber nie im Leben würde ich die Schwarzwälder Nusstorte ganz alleine aufessen! Und schon gar nicht heimlich!
Der Bär dachte nach. Wie konnte er nur seine Unschuld beweisen? Die Freundschaft zum kleinen Eichhörnchen war ihm sehr wichtig. Nicht nur, weil Brumm immer die schönsten Gerichte bei Kati bekam oder weil es ein unbeschreibliches Gefühl war, wenn sie sich zum Kuscheln an ihn schmiegte. Es war auch immer sehr lustig, wenn sie zusammen zum Tanzen in die Walddisco gingen oder sie in manchen Sommernächten auf der großen Wiese lagen und in den Sternenhimmel sahen. Dann fragten sie sich, ob es wohl auf anderen Sternen auch kleine Eichhörnchen und ewig hungrige Bären gab.

"Ganz bestimmt", sagte Brumm dann voller überzeugung, denn er kannte sich aus mit den Sternen, also musste es auch so sein! Er konnte jedes Sternbild am Himmel benennen! Großer Bär, kleiner Bär, schlafender Bär, hüpfendes Eichhörnchen, Haselnussstrauch...
"Und bestimmt haben die sich da oben auch so lieb wie wir", sagte Brumm in einer jener lauen Sommernächte mit sanfter Stimme, als sie eng aneinander geschmiegt in den Sternenhimmel sahen. Und dann gab er dem kleinen Eichhörnchen ganz zärtlich ein Küsschen auf die Wange.

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Der Bär brauchte Hilfe, das war klar. Allein bei dem Gedanken, dass seine Kati böse auf ihn war, bekam Brumm Magenschmerzen. Aber wen konnte er um Unterstützung bitten? Prof. Rabe, den Rektor der Walduniversität? Lieber nicht! Wer weiß, ob der sich den nicht-akademischen Dingen überhaupt widmen würde. Und außerdem sprach der immer so, als hätte er gerade ein Lexikon verschluckt. Bei dem Gedanken musste Brumm kichern. Dann wurde er sich wieder seiner traurigen Lage bewusst und dachte weiter angestrengt nach.

Vielleicht Opa Hirsch? Der war alt und erfahren und hatte schon manch schwierige Situation in seinem Leben gemeistert. Der wäre bestimmt ein guter Zuhörer, wenn er doch nur nicht so verdammt schwerhörig wäre! Brumm hatte keine Lust, sich dem alten Hirsch anzuvertrauen und ihn dabei anzuschreien. Am Ende geriet sein Kummer noch in falsche Ohren und er würde ausgelacht! Nein, das wollte Brumm auf gar keinen Fall. Betrübt sah er auf das Foto an der Wand in seiner Höhle. Darauf waren Kati und er zu sehen, wie sie sich gerade vor Lachen ausschütteten.

Es war ein lustiger Nachmittag im Sommer am Fluss. Hansi Hase hatte - wo auch immer - vergorene Heidelbeeren gefunden und sich damit den Bauch voll gestopft. Satt war er davon zwar nicht geworden, aber im Kopf brachen sich plötzlich Gedanken Bahn, die der Hase nüchtern niemals zu denken wagen würde. Zum Beispiel: "Man müsste ein Bad nehmen!", sagte der Hase wie zu sich selbst, stand auf, torkelte die paar Meter über die Wiese zum Ufer und stieg in den Fluss.
"Aber Hansi!", hatte Kati noch erschrocken gerufen, "du kannst doch gar nicht schwimmen!"
Doch zu spät. Schon war der Hase im Wasser und wurde sofort von der Strömung weggetrieben. Geistesgegenwärtig sprang Brumm in den Fluss, packte den Hasen gerade noch so an den Ohren und zog ihn aus dem Wasser.

Das erfrischt!

Doch kaum an Land, wollte Hansi geradewegs zurück ins kühle Nass.
"Das erfrischt", verkündete er und torkelte erneut in Richtung Fluss.

"Hase, du bleibst hier!", schritt nun energisch Isabel Igel ein. Die Journalistin wollte eigentlich einen Beitrag über die hervorragende Wasserqualität des Flusses für die Waldzeitung schreiben. Bei der Gelegenheit machte sie auf Katis drängen ein Foto von dem schönen Paar, das sich übrigens immer noch vor Lachen krümmen wollte ob des wenig vernünftigen, dafür aber sehr betrunkenen Hasen, den es immer wieder ins Wasser zog.

Brumm kehrt aus seinen Gedanken zurück. Sofort verflog das Lächeln in seinem Gesicht bei der Erinnerung an diesen schönen Nachmittag mit seinem lieben Eichhörnchen. An wen könnte er sich denn nur wenden? Und plötzlich hatte Brumm eine Idee. Fred, der Fuchs! Der war klug. Und er war der beste private Ermittler, der je in diesem Wald ein Detektivbüro eröffnet hatte.

Fred hatte schon viele spektakuläre Fälle gelöst. Ihm war es gelungen, den Versicherungsbetrug mit der Perlenkette von Frau Erika Elster aufzuklären. Kaum war sie in diesem Wald sesshaft geworden, zeigte sie den Diebstahl ihrer geliebten Perlenkette an. Altes Familienstück. Unersetzbar! Teurer als ein Ageordneter!
Dieses raffinierte Federvieh hatte doch tatsächlich geglaubt, den schlauen Fuchs überlisten zu können! Aber nicht mit Fred!

Oder das Verschwinden des wertvollsten Buches aus der Bibliothek von Richard Rabe. Das wollte doch tatsächlich ein reicher Ornithologe stehlen! Der kam aus einem fernen Land angereist, dessen Namen die Tiere des Waldes noch nie gehört hatten. Jenes wertvolle Buch beschrieb die Ernährung von Krähen nur auf Basis original Thüringer Knackwürste, die bei Minusgraden auf einer Fensterbank ausgelegt werden mussten.
Nun ja, der wissenschaftliche Wert des Buches war fraglich - zweifellos. Aber vielleicht lag ja gerade darin die Genialität des Professors. Zudem schwor Richard Rabe 1000 Eide, das Pamphlet nahezu nüchtern und auf Basis empirischer Untersuchungen geschrieben zu haben. Es musste sich also doch um ein großes Stück wissenschaftlicher Weltliteratur handeln!

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Egal.
Unmittelbar nach der Abreise jenes Fremden, der tagelang sein Zelt auf der großen Wiese inmitten des Waldes aufgeschlagen hatte, war auch Richard Rabes Buch verschwunden. Fred erkannte sofort den Zusammenhang, eilte dem Fremden nach und biss ihn ins Bein, als der gerade am Bahnhof in den Zug einsteigen wollte.



Während der Ornithologe in der städtischen Poliklinik weilte, um seine Wunde versorgen zu lassen und sich eine Impfung gegen Tollwut applizieren ließ, durchwühlte Fred das Gepäck des Fremden und förderte Richard Rabes Buch zu tage. Und wieder einmal zeigte sich die unerreichte Genialität des Fuchses. Es stimmte: Keinem war es je gelungen, Fred zu täuschen. Und ganz sicher würde er den wahren Dieb der Schwarzwälder Nusstorte überführen und den Bären entlasten können. Das war Brumm nämlich sehr wichtig, vor seiner lieben Kati rehabilitiert zu sein. Wie konnte sie nur annehmen, dass er - ausgerechnet er - sie so hintergehen könnte?

Und genau so wichtig war es dem Bären, nicht ausgelacht zu werden, wenn Fred erführe, in welch delikater Angelegenheit Brumm den Fuchs um dessen Dienste bat. Aber da war sich Brumm nun nicht so sicher. Was, wenn er einfach abwinkt und sagt, mit so einem trivialen Fall verschwende ich doch nicht meine wertvolle Zeit?

Brumm wusste es nicht anders zu beschreiben: Für ihn war der Fuchs ein seltsamer Gesell und manchmal schwer einzuschätzen. Ein Einzelgänger, sich stets seiner Bedeutung bewusst, fand Fred doch immer den kürzesten Weg, die treffendste Beschreibung und den logischen Zusammenhang. Der Fuchs schien all das zu sein, was Brumm nie war und niemals sein würde. Und Brumm beneidete den Fuchs sehr. Der Bär wäre auch gern so klug wie Fred gewesen. Aber dafür bin ich wenigstens verfressen und trotzdem mögen mich alle, dachte Brumm.

Was der Bär zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, war, dass es keinen Grund gab, sich in Freds Nähe klein zu fühlen. Fred mochte Brumm und beneidete ihn ebenfalls. Für Fred war der Bär ein gutmütiger Tollpatsch, der in den Tag hinein lebte, die Dinge nahm, wie sie kamen und den nichts aus der Fassung bringen konnte, außer vielleicht Wildschweine und Hunger!
Brumm lebte das Leben in vollkommener Gemütlichkeit. Keine Termine, keinen Stress so wie der Fuchs, der sich ständig beweisen musste. Dieser ungeschickte Bär, der mal hier auftauchte und ungefragt helfen wollte und dabei das komplette Chaos hinterließ oder auch mal dort erschien und ein bisschen Unfug trieb und man ihm trotzdem nie böse sein konnte...
Vielleicht ergibt sich ja mal eine Gelegenheit, für den Bären tätig zu werden, dachte Fred und stopfte seine Pfeife. Er würde sogar mit sich reden lassen, was die Höhe des Honorars anbetraf.
Und Brumm dachte, wenn ich Fred frage, ob er dann vielleicht mit sich reden lässt, was die Höhe des Honorars anbetrifft? Vielleicht eine paar fangfrische Forellen aus dem Fluss? Oder vergorene Heidelbeeren? Aber um Himmelswillen bloß keinen Waldbienenhonig!

Ich muss jetzt sofort zu Fred und ihn bitten, mir zu helfen, dachte Brumm, aber sein Magen knurrte nun doch ganz fürchterlich laut. Kein Wunder, er hatte ja noch gar nicht gefrühstückt!
Ach was, dachte der Bär. "Ich werde erst wieder etwas essen, wenn meine Unschuld bewiesen ist!"
Und zur Bekräftigung stampfte er mit seinem rechten Hinterbein auf. Dann machte er sich auf den Weg zu Fred.

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16

Es klingelte.
Das ist bestimmt Brumm, dachte Kati, die nachdenklich mit einer Tasse Pfefferminztee in ihrem Schaukelstuhl saß und den ersten Wintertag, auf den sie sich doch so gefreut hatte, gar nicht mehr genießen konnte. Jetzt wird er mir gleich lang und breit erklären, dass ich mich geirrt hätte und dass es niemals die Krümel der Nusstorte waren, die er sich vorhin aus seinen Mundwinkeln geschleckt hatte. Andererseits, er bräuchte es doch nur zuzugeben. Sie weiß doch, wie verfressen ihr Brumm ist! Und außerdem kann sie ihm ja doch nicht lange böse sein.

Gedankenversunken ging sie zum Fenster, öffnete es und schaute nach unten. Doch vor der Tür stand nicht Brumm, der Bär. Es war Roswitha Reh, die im Winter vertretungsweise für Susi Schnecke die Zustellung der Postsendungen übernahm. Roswitha hatte ein Paket für Kati dabei.
"Wie siehst du denn aus, meine liebe Kati?", fragte das Reh voller Mitgefühl, als das kleine Eichhörnchen aus seinem Kobel hinunter zur Postbotin gehüpft kam, um ihre Sendung in Empfang zu nehmen. "Hast du geweint?"
"Ein bisschen", sagte Kati und erzählte vom Kuchendiebstahl, erwähnte aber nicht die Krümel um Brumms Mund.
"Was?!", empörte sich Roswitha. "Da musst du sofort die Polizei rufen!"
"Ach, lieber nicht", antwortete das kleine Eichhörnchen traurig, "sonst wird der Dieb am Ende noch eingesperrt und das möchte ich wirklich nicht."

Kopfschüttelnd sah Roswitha das kleine Eichhörnchen an. "Na du hast vielleicht ein komisches Rechtsverständnis. Natürlich muss der Dieb hinter Gitter! Wo kämen wir denn da hin?" Dann sah sie Katis traurigen Gesichtsausdruck und stoppte ihren Redefluss. "Du bist einfach zu gut für diese Welt", befand sie, dann verabschiedete sich das Reh und zog seinen Schlitten, voll bepackt mit Paketen, zum nächsten Empfänger.
Kati winkte ihr zum Abschied nach.



Unterdessen eilte Brumm, so schnell ihn seine zotteligen Pfoten trugen, durch den verschneiten Wald. Er beachtete nicht die fragenden Blicke von Erika Elster, die auf dem Ast einer alten Buche saß und ihm neugierig hinterher sah. Er jagte an Hansi Hase vorbei, der gerade mit seinen Kindern aus dem Bau heraus kam, um mit den Kleinen Schlitten zu fahren. Um Haaresbreite verhinderte der Hase einen Zusammenstoß mit dem Bären, in dem er zur Seite sprang und im Schnee stecken blieb.
Verärgert rief er dem Bären nach: "Kannst du denn nicht aufpassen?!" Dann ließ er sich von den Hasenkindern aus dem Schnee befreien.
Der Bär aber sah und hörte nichts. "Ich muss dem kleinen Eichhörnchen beweisen, dass ich unschuldig bin!", kreiste es wieder und wieder durch seinen Kopf.

Er kam an der kleinen Lichtung vorbei, an deren Rand er noch vor sechs Wochen die letzten Vorräte für den Winter gemeinsam mit dem Eichhörnchen versteckt hatte. Das war so ein schöner Tag! Die Sonne schien hell aus einem klaren Himmel und färbte die Blätter an den Bäumen golden. Fleißig sammelten sie Eicheln und Tannenzapfen und lachten viel.
Mehrmals erkundigte sich das kleine Eichhörnchen, ob der Bär wirklich alle Verstecke wiederfinden würde.
"Na klar", beruhigte er seine Kati. "Oder hab ich je auch nur ein Versteck vergessen?"
Das kleine Eichhörnchen lächelte. "Nein, hast du nicht."
Sie hüpfte auf die Schulter des Bären, umfasste mit ihren Pfötchen seinen wuscheligen Kopf und küsste ihn ganz zärtlich auf seine Nase. Beim Gedanken daran spürte Brumm nun einen heftigen Stich in seinem Herzen. Ich muss zu Fred. Nur er kann mir helfen!

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17

Inzwischen hatte Roswitha Reh all ihre Pakete ausgetragen. Und weil sie mit jedem Empfänger stets auch ein kleines Schwätzchen hielt, sprach sich die Neuigkeit vom Einbruch in Katis Vorratsschränkchen schnell unter den Waldbewohnern herum. Doch wie das so ist, die Nachricht verselbstständigte sich recht schnell: "Haben Sie schon gehört", fragte Frau Hase den alten Opa Hirsch, der gerade von seinem Morgenspaziergang zurück kam, "bei Kati Eichhörnchen ist letzte Nacht eingebrochen worden und eine Torte wurde gestohlen!"

"Wer ist aus Polen?", fragte der schwerhörige Opa Hirsch zurück.
"Quatsch!", mischte sich Richard Rabe, der gerade vorbei geflogen kam, in das Gespräch ein. "Das Eichhörnchen wurde letzte Nacht überfallen und eine kostbare Vase, ein altes Erbstück, wurde gestohlen. Sagt Benni Biber und der weiß es von Roswitha Reh und..."
"Tschiep tschiep", wurde der Rabe vom stets vorlauten Sebastian Spatz unterbrochen. "Stimmt gar nicht, es ist alles noch viel, viel schlimmer", rief der kleine Naseweis von einem Ast herunter und flatterte dabei aufgeregt mit den Flügeln. "Die kleine Kati wurde entführt und es soll ein Lösegeld in Höhe von drei Nusstorten gefordert worden sein! Ich weiß es von Isabel Igel und die muss es ja wissen", erklärte der Spatz wichtig, "schließlich ist sie ja Reporterin unserer Waldzeitung!"

Weiter oben, im Wipfel der Eiche, saß Erika Elster und wurde Zeugin dieses Gesprächs. Sie dachte kurz über das eben Gehörte nach. Dann kam ihr eine Idee. Aufgeregt flatterte sie davon.



Derweil saß das kleine Eichhörnchen in seinem Kobel und wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass es entführt worden war. Nachdenklich rührte Kati in ihrem inzwischen kalt gewordenen Pfefferminztee. Und wenn Brumm nun doch die Wahrheit gesagt hatte? Langsam stiegen Zweifel an der Schuld des Bären in ihr auf. Aber sie hatte doch bemerkt, wie nervös er wurde, als sie ihm von dem Diebstahl berichtete! Und hatte er sich nicht auch verstohlen einige Kuchenkrümel aus dem Mundwinkel geschleckt? Sollte sie sich so getäuscht haben? Aber würde ihr Brumm sie denn bestehlen und belügen?

Andererseits: Er war ein Bär. Er liebte Kuchen und jeden Süßkram über alles. Vielleicht konnte er ja gar nicht anders. Vielleicht war es genetisch determiniert, dass er die Reste der Torte stibitzen musste und ganz sicher hatte er gar nicht über die Folgen seiner Tat nachgedacht.
Aber trotzdem: Würde er sie dann belügen? Und je länger sie in ihrem Schaukelstuhl über das Verschwinden der Nusstorte nachdachte, um so größer wurden ihre Zweifel an Brumms Täterschaft.
Entschlossen stand sie auf und räumte die halb ausgetrunkene Teetasse in den Abwasch. Schnell setzte sie sich nun die warme Mütze auf, wickelte sich den Schal um den Hals und machte sich erneut auf den Weg zu Brumm.

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18

Endlich stand Brumm vor Freds Tür. Völlig außer Atem drückte er den Klingelknopf. Daneben war ein Schild befestigt, das golden glänzte. Darauf stand in geschwungenen Buchstaben "Fred Fuchs, Privatdetektiv". Das beeindruckte den Bären schon sehr! An seiner Höhlentür stand einfach nur "Brumm", und eine Klingel hatte er auch nicht.

Ungeduldig klingelte der Bär noch einmal. Jetzt hörte er schlurfende Schritte, die sich der Tür näherten. "Herrje! Was kann denn so früh schon so wichtig sein?!", fragte der Fuchs verärgert, als er die Tür öffnete. In einen seidenen Morgenmantel gehüllt, fragte er: "Na, Bär, was verschafft mir das frühe Vergnügen?"
"Lieber Fred Fuchs, du musst mir helfen, bitte! Ich bin nämlich unschuldig!", sprudelte die Worte nur so aus dem Bären.
"Jetzt komm' erst mal 'rein und erzähl' mir in Ruhe, was passiert ist!", sagte der Fuchs. "Aber vorher gestattest du, dass ich mich ankleide, ja?"



Er führte Brumm in sein Büro, wies ihm einen Platz in einem bequemen Sessel, vor dem ein Clubtisch stand, darauf eine Dose mit Keksen.
"Bedien' dich doch inzwischen", sagte Fred und verschwand. Wenig später kehrte er in einen eleganten Anzug gekleidet, zurück. In der rechten Pfote hielt er eine Tabakspfeife. Oho, dachte Brumm und war beeindruckt von der Aufmachung des Fuchses.
Oho, dachte Fred, als sein Blick auf die leere Keksdose fiel. So schnell hatte die hier noch keiner leer gefuttert. Ob er den Bären wohl zu diesem Rekord beglückwünschen sollte? Lächelnd schob Fred den Gedanken dann beiseite.

"Und jetzt erzähl'!", forderte er Brumm auf. Und Brumm erzählte. Wie ein Wasserfall redete der Bär und schloss seinen Bericht schließlich mit den Worten: "Nur du kannst mir helfen, meine Unschuld zu beweisen."
Fred benötigte einen Moment, sich zu sammeln, nach dem er die ausführliche Schilderung der Geschehnisse dieses Morgens aus dem Munde des Bären gehört hatte.
"So, so", fasste Fred dann Brumms Bericht zusammen. "Es wurden also über Nacht zwei Stück Nusstorte gestohlen? Und du hast allein in deiner Höhle geschlafen? Und morgens hattest du Krümel um dein Schnäuzchen?"
Brumm beantwortete jede Frage des Fuchses mit einem eifrigen Nicken.

Nachdenklich musterte Fred den kugelrunden Bauch des Bären. Dann wanderte sein Blick zurück zur leeren Keksdose. Der wird mir doch wohl keinen Bären aufbinden wollen - und jetzt musste Fred doch ein wenig lächeln angesichts des Gedankens, der Bär könne versuchen, ihm einen Bären aufzubinden.
Doch zurück zum Thema: Sollte Brumm wirklich so gerissen sein wie damals Erika Elster mit ihrer angeblich gestohlenen Perlenkette? Die sich wiederfand, weil Fred die Spuren einer frischen Grabung direkt am Stamm des Baumes entdeckt hatte. Ausgerechnet am Fuße jenes Baums, in dem die Elster kurz nach ihrer "Abreise" aus der Stadt ihr Nest gebaut hatte. Der Rest war ein bisschen Erdaushub, dann hielt er der Elster die Kette vor den Schnabel.
"Ich weiß auch nicht, wie die dahin gekommen ist. Vermutlich hat sie der Dieb hier vergraben, um sie später abzuholen", mutmaßte die Elster. Aber Fred wusste, dass sie log. Und die Elster wusste, das Fred es wusste, Schließlich zog sie auf Freds Rat hin die Diebstahlsanzeige zurück.

Aber Brumm? Sollte der wirklich so arglistig sein? Fred wog seinen Kopf hin und her, aufmerksam beobachtet vom Bären, dem das Schweigen des Fuchses immer unangenehmer wurde. Müsste der ihn nicht schon längst beruhigt haben? "Keine Sorge, alter Kumpel, ich hau dich da raus!" Oder so ähnlich? Aber der Fuchs machte keine Anstalten, ihn zu beruhigen oder sofort mit der Ermittlungsarbeit zu beginnen. Fred schwieg und schien in seinen Gedanken festzustecken.

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19

Das hatte man schon oft in der einschlägigen Literatur gelesen, dachte der Fuchs, dass Täter vollkommen von ihrer Unschuld überzeugt waren und die Tat perfekt verdrängen konnten. Andererseits musste dem Bären doch klar sein, dass er beim Diebstahl Spuren hinterlassen haben würde. Und dass Fred diese Spuren finden würde. Und trotzdem beauftragte der Bär ausgerechnet ihn, den besten Detektiv des Waldes, wo doch von vornherein fest stand, dass Fred sich nicht täuschen ließ und den Dieb - und sei er noch so zottelig - überführen würde? Seltsam, das alles...

"Beim Schwanze meines Großvaters", sagte der Fuchs schließlich zu Brumm, "dir ist schon klar, dass du der Hauptverdächtige in diesem Fall bist?"
Brumm verdrehte die Augen. Hätte ich mich doch bloß zum Winterschlaf hingelegt und nicht auf Katis Bitten gehört, doch mit ihr Weihnachten zu feiern und nicht die schönste Zeit des Jahres zu verschlafen! Dann hätte ich jetzt ein prima Alibi und Fred könnte mir im Frühjahr nach dem Aufwachen erzählen, wie der Fall ausgegangen ist...

Aber den Fuchs hatte dieser Fall längst gepackt. Jetzt musste er nur noch überprüfen, ob Brumm ihn belogen hatte oder, wie er immer wieder beteuerte, unschuldig war. Also griff er nach seinem Mantel und forderte Brumm auf, ihn zu begleiten.
"Wohin gehen wir?", wollte der Bär wissen.
"Wir sehen uns den Tatort an und sprechen mit der Geschädigten."
"Aha", sagte Brumm. Aber er verstand kein Wort. Muss ich auch nicht, dachte er bei sich. Hauptsache, der Fuchs hilft mir. Und voller Hoffnung folgte er Fred durch den verschneiten Wald zu Katis Kobel.



Unterdessen hatte das kleine Eichhörnchen mit drei, vier großen Sprüngen den Eingang zu Brumms Höhle erreicht und klopfte so stark sie nur konnte mit ihren Pfötchen an die Tür.
"Du großer, lieber, verfressener Bär", würde sie zu ihm sagen, sobald Brumm die Tür geöffnet hätte, "es ist mir egal, ob du heimlich die letzten beiden Stückchen der Torte aufgefuttert hast oder nicht. Dann backe ich eben eine neue und wenn du mir dabei hilfst, können wir heute Nachmittag doch wie verabredet gemeinsam Kaffeetrinken. Aber lass uns wieder vertragen, ja? Und das nächste Mal sagst du Bescheid, wenn du nachts vor Hunger nicht schlafen kannst und dir meine letzten Tortenstücke beim Einschlafen helfen. Oder hinterlasse wenigstens einen Zettel, damit ich dich nicht verdächtigen muss."

Doch Brumm schien ihr Klopfen nicht zu hören. Wahrscheinlich schämt er sich, dachte Kati, und nun liegt er im Bett und versteckt seinen Kopf unter dem Kissen. Noch einmal hämmerte sie mit ihren Pfötchen gegen die Tür. Nichts!
Beherzt öffnete das kleine Eichhörnchen schließlich die Tür zur Höhle des Bären und trat ein.
Brumm war nicht zu Hause, stellte Kati erstaunt fest. Er musste Hals über Kopf weggegangen sein, denn er hatte nicht mal sein Bett gemacht. Das war ungewöhnlich, denn nie verließ Brumm seine Höhle ohne sein Bett zu machen. Brumm war nämlich ein sehr ordentlicher Bär.
Wo kann er denn hingegangen sein? Das kleine Eichhörnchen überlegte fieberhaft, während sie unschlüssig Brumms Höhle verließ und sich auf die Suche nach ihm machte.

Keine fünf Minuten später hatten Fred und Brumm die große Eiche erreicht, in der Kati ihren Kobel hatte.
"Ich werde zunächst die Geschädigte befragen, du wartest hier und sagst keinen Ton", ordnete Fred an und betätigte die Klingel am Fuße des Baums. Doch Kati öffnete nicht. Nach dem dritten erfolglosen klingeln sah der Detektiv den Bären fragend an. Brumm hob ratlos die Schultern: "Ich weiß auch nicht, wo sie sein könnte. Vielleicht einkaufen. Sie kauft nämlich für ihr Leben gerne ein."

"Nun gut", murmelte der Fuchs etwas ungehalten, "dann sehe ich mir jetzt den Tatort an. Vielleicht finden sich ja verwertbare Spuren."
"Das wäre toll!", stimmte Brumm zu. "Darf ich dein Detektivgehilfe sein? Ja? Darf ich? Bitte!", bettelte er und sah den Fuchs mit großen Augen an.

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20

Während Fred und Brumm nun den Tatort des Tortendiebstahls untersuchten, hatte sich das kleine Eichhörnchen auf den Weg gemacht, um den Bären zu finden. Wo kann er sich nur versteckt haben? Er wird doch nicht einfach davon gelaufen sein, weil er sich schämt?

Ziellos irrte Kati durch den verschneiten Wald. Am Kleinen Berg traf sie auf Isabel Igel, der Reporterin der Waldzeitung, die gerade damit beschäftigt war, Fotos von Hansi Hase und den Hasenkindern beim Schlittenfahren zu machen. "Winterfreude" sollte der Artikel anlässlich des ersten Schnees heißen, der pünktlich und ausgiebig so kurz vor dem Weihnachtsfest gefallen war.

Als Isabel aber das kleine Eichhörnchen sah, rief sie überrascht: "Oh prima, die Entführer haben dich wieder freigelassen! Wer hat denn die drei Torten Lösegeld übergeben? Brumm? Sag schnell, dann kann ich das noch als Titelgeschichte in der Mittagsausgabe unterbringen!"
Kati verstand kein Wort. Sie brauchte eine ganze Weile, die Reporterin zu überzeugen, dass sie gar nicht entführt wurden war.
"Na, das ist ja ein Ding", sagte Isabel, und fast schien sie ein bisschen enttäuscht zu sein, dass sich der große Entführungsfall dann doch nur als profaner Tortendiebstahl entpuppte.

"Du weißt nicht zufällig, wo ich Brumm finden kann?", fragte nun Kati die Reporterin. Die hob nur die Schultern, doch Hansi Hase antwortete an ihrer Stelle: "Der hat mich vor gut einer Stunde vor meinem Bau über den Haufen gerannt! Und er hat sich nicht einmal entschuldigt!"
Na so was, dachte Kati. Das sieht meinem Brumm aber gar nicht ähnlich. Der muss ja wirklich komplett durch den Wind sein! Ob ich ihm vielleicht doch Unrecht getan habe? Oje! Unruhig hüpfte das Eichhörnchen auf und ab und versuchte sich durch die Bewegung warm zu halten. Sie sah den Hasenkindern beim Schlittenfahren zu und war in Gedanken bei ihrem Brumm.

Inzwischen sicherte Fred, der Fuchs, die Spuren am Tatort. Er fand im Neuschnee die Abdrücke vieler Tiere. Die hier stammten eindeutig von einem Waschbär. Daneben, das könnten Mäusepfötchen sein. Und hier die Abdrücke eines Eichhörnchens! Fred fertigte von allen gefunden Spuren Fotos an, um sie später im Verhör mit einem Verdächtigen abgleichen zu können.



Wenige Meter von der alten Eiche entfernt fand Fred noch etwas interessantes. Der Fuchs entnahm der Innentasche seines Mantels eine Lupe und beugte sich tief hinunter in den Schnee. "Sieht aus wie Kuchenkrümel", murmelte der Detektiv vor sich hin. Interessiert sah ihm der Bär dabei über die Schulter.
"Schau mal", sagte Fred und reichte Brumm die Krümel. "Könnten diese Krümel von der gestohlenen Torte stammen?"

Brumm schnupperte ein wenig an den Krümeln, verdrehte verzückt die Augen und - schwupps! - hatte er sie auch schon aufgeschleckt. Fassungslos schaute Fred den Bären an: "Brumm, sag mal, hast du gerade ein Beweisstück aufgefressen?!"
"Ich mache das nur, um dich bei deinen Ermittlungen zu unterstützen", versuchte der Bär sich herauszureden. "Und ja", sagte er dann, "nach eingehender Überprüfung der Beweisstücke kann ich dir jetzt aber bestätigen, dass es sich um Krümel von Katis leckerer Nusstorte handelt. Gehandelt hat."
"Du bist mir ja ein toller Detektivgehilfe", sagte der Fuchs und schüttelte den Kopf, als er plötzlich ein schnell näher kommendes Geräusch hörte.

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21

Ein schwarz-weißer Fleck schien geradewegs aus dem Himmel auf ihn zuzustürzen. Instinktiv zog der Fuchs den Kopf ein.
"Meine Svarowsky-Eier! Hilfe, meine Svarowsky-Eier!", jammerte die Elster, die im Sturzflug auf Fred zugeschossen kam. Bei der Landung wirbelte sie so viel Schnee auf, das die von Fred begutachteten Spuren sofort bedeckt wurden.
"Geh mal beiseite!", herrschte sie Brumm an, während sie ihre Flügel richtete. "Ich muss mit Fred etwas wichtiges besprechen." Und während der Bär aus dem Weg ging, redete die Elster ohne Punkt und Komma auf den Fuchs ein: "Du kommst jetzt mal mit und hilfst mir weil stell dir vor ich bin schon wieder bestohlen wurden und diesmal wirklich und du musst das Aufklären oder mir bestätigen dass die teuren Svarowsky-Eier gestohlen wurden damit mich die Versicherung entschädigen kann..."



"Ach komm, Erika!", unterbrach sie der Fuchs und winkte energisch ab. "Nicht schon wieder! Erinnerst du dich noch daran, wie du den angeblichen Diebstahl deiner Perlenkette angezeigt hattest?"
Die Elster schüttelte wider besseren Wissens den Kopf. "Nein, nein, nein! Das war ein großes Missverständnis und du hättest dir damals ruhig etwas mehr Mühe geben können bei deinen Ermittlungen", klagte Erika den Fuchs an.

"Ich werd' dir was!", parierte Fred den Angriff Erikas. "Mehr Mühe geben?! Versteckt hattest du die Perlenkette und wolltest die Versicherung betrügen", stellte der Fuchs noch einmal klar.
"Dann erklär mir doch mal, du neunmalkluger Fuchs, wie sollte ausgerechnet ich meine Perlenkette vergraben haben können, wo ich doch gar keine Grabepfoten habe wie zum Beispiel der Maulwurf?"
"Mit dem Schnabel zum Beispiel", antworte der Fuchs. "Da ist ja immer noch Erde dran!"
"Was, immer noch?", fragte die Elster erstaunt und begann sofort, ihren Schnabel unter ihren Flügeln zu reinigen. Plötzlich hielt sie inne - erst jetzt erkannte sie, dass der Fuchs sie schon wieder der Lüge überführt hatte.

"Nein, so was aber auch!", schimpfte sie und machte sich auf den Heimweg. "Dir sollte man die Lizenz entziehen", rief sie wütend dem grinsenden Fuchs nach und dachte, eines Tages werde ich dich den Menschen ausliefern. Die mögen dich nicht! Die machen Jagd auf dich! Und dann bin ich dich endlich los!
"Ach, lass mich in Ruhe", rief Fred dem diebischen Vogel hinterher, als hätte er die Gedanken der Elster gehört. "Ich habe hier einen wirklich wichtigen Fall zu lösen."
Brumm sah der Elster nach, die sich schnell entfernte. "Die ist bestimmt mal beim Landeanflug mit dem Kopf gegen einen Baum geprallt. So, wie die sich aufführt!"
Jetzt musste Fred doch lachen.

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22

Unterdessen, gar nicht weit vom Eichhörnchenkobel entfernt, machte Mama Maus sich große Sorgen. Pieps und Pups, die Zwillinge, lagen in ihren Betten und jammerten und stöhnten, so schlimme Bauchschmerzen hatten sie! Nicht einmal zum Frühstück wollten sie herauskommen, obwohl die beiden sonst immer mit Leckereien zu locken waren. Und auch das Mittagessen ließen sie ausfallen.
Wieder setzte sich die Mäusemama mit kummervoller Miene an die Bettchen ihrer Zwillinge. Sie legte Pieps prüfend die Pfote auf die Stirn. Nein, Fieber hatte er nicht. Und Pups auch nicht.



Ob die beiden etwas Verdorbenes gegessen hatten? Die Mäusezwillinge schüttelten vehement die Köpfe. Hm, dachte Mama Maus, was kann das nur sein? Sie ging in die Küche und kochte eine große Kanne Kamillentee, denn Kamillentee half immer, wenn man Bauchschmerzen hatte.
"Außer bei einem entzündeten Blinddarm", warf Papa Maus aus dem Wohnzimmer ein, der auf der Couch lag und die Morgenausgabe der Waldzeitung las.
"Um Gottes Willen! Blinddarm!", durchfuhr es Mama Maus. Schnell lief sie in den Flur, wo das Telefon stand. Sie rief Dr. Uhu an und bat um einen Hausbesuch. Dringend!

Unterdessen stand Kati noch immer mit Hansi Hase und Isabel Igel am Fuße des Kleinen Berges und sah den Hasenkindern beim Schlittenfahren zu. Doch das kleine Eichhörnchen war in Gedanken vertieft. Wenn sie im Geiste eine Linie zog von Brumms Höhle zu der Stelle, an der der Bär um ein Haar mit Hansi Hase zusammengestoßen wäre, dann ist Brumm in Richtung des Tannenwäldchen unterwegs gewesen. Hatte nicht auch Fred, der Fuchs, dort sein Detektivbüro?

"Was glaubt ihr", wandte sie sich nun an den Hasenpapa und die Reporterin, "ob Brumm zu Fred, dem Fuchs, wollte? Vielleicht, um den Detektiv zu bitten, den Tortendiebstahl aufzuklären?"
"Das klingt vernünftig", stimmte Hansi Hase zu.
"Nein, das klingt nach einer aufregenden Story!", freute sich Isabel Igel. "Der Bär will seine Unschuld beweisen und bittet den großen Detektiv Fred um Hilfe!"
"Meinst du?", fragte das Eichhörnchen unsicher, "dann sollten wir jetzt ganz schnell zu Fred gehen, damit ich Brumm helfen kann."
"Nein, nicht zu Fred", entgegnete die Reporterin. "sondern zu dir nach Hause. Wenn Brumm den Fuchs wirklich um Hilfe gebeten hat, dann müssten die beiden jetzt am Tatort sein, wo der Detektiv den Täter zu ermitteln versucht. Und wo ist der Tatort? Richtig, in deinem Kobel!"
Kati nickte. Sie verabschiedete sich von Hansi Hase und den Hasenkindern, die ihr fröhlich ein "viel Glück" nachriefen, dann folgte sie Isabel Igel, die sich durch den hohen Schnee in Richtung Kobel kämpfte.

Da eilte Dr. Uhu mit wehendem Mantel an ihnen vorbei.
"Guten Tag, Dr. Uhu", grüßte Isabel, "wohin des Wegs und noch dazu so eilig?", wollte die ewig neugierige Reporterin wissen.
"Guten Tag", grüßte der Doktor etwas kurzatmig zurück. "Keine Zeit, keine Zeit. Ich muss zur Familie Maus, die Zwillinge haben wahrscheinlich eine akute Blinddarmentzündung!"
"Oh!", rief die Reporterin beinahe entzückt, "ein medizinischer Notfall! Da werde ich Sie wohl besser begleiten, lieber Herr Dr. Uhu, denn diese Neuigkeit muss unbedingt in die Mittagsausgabe!"
Schnell verabschiedete sich Isabel vom kleinen Eichhörnchen. "Geh schon mal nach Hause, ich komme später nach."

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23

Kopfschüttelnd sah Kati den beiden nach, wie sie mit schnellen Schritten zum Haus der Familie Maus eilten. Dann machte sie sich auf den Weg zu ihrem Kobel.

"Es ist in der Tat ein seltsames Krankheitsbild", erläuterte Dr. Uhu der Reporterin auf dem Weg zur Familie Maus. "Wenn ich der Mutter glauben darf, und warum sollte ich nicht? - dann paart sich bei den kleinen Patienten eine akute Appetitlosigkeit mit Berührungsempfindlichkeit im Unterbauch. Da Mäuse aber normalerweise alles problemlos verdauen, was sie zu sich nehmen, lautet meine vorläufige Diagnose Appendizitis."



Das versprach eine spannende Reportage zu werden, frohlockte Isabel und bemühte sich, mit dem Doktor Schritt zu halten. Heute ist aber auch wieder was los im Wald, frohlockte sie! Erst der Entführungsfall - nun ja, nicht wirklich, aber immerhin noch ein handfester Einbruch in den Kobel der Frau Eichhörnchen und ein ganz gemeiner Diebstahl! Und jetzt auch noch eine Arztgeschichte, die sich bei der Leserschaft stets großer Beliebtheit erfreute! Doktor Uhu rettet das Leben der Mäusezwillinge. Direkt aus dem Operationssaal berichtet für Sie unsere Reporterin Isabel Igel... Dafür war sie sogar bereit, die Fortsetzung ihres Berichts vom Nusstortendiebstahl zu verschieben. Im Geiste sah sie sich bereits bei der Übergabe des Pulitzerpreises. Ach, welch großer Tag das werden würde!

Derweil an einer anderen Stelle des Waldes: Mit äußerster Gründlichkeit hatte Fred alle Spuren am Tatort gesichert. Gelernt ist gelernt, dachte er zufrieden bei sich und dankte im Stillen seinem Großvater Poirot, bei dem er seine exzellente Ausbildung erhalten hatte. Fokussiert wie Fred war, hatte er bereits alle Fotos vom Tatort und dessen Umgebung angefertigt, bevor die Elster die meisten der Spuren verwischt hatte. Jetzt ging es darum, unter den Verdächtigen den Täter zu finden.

"Brumm", wandte sich der Detektiv an den Bären, "wenn du nicht die Torte aus Katis Kobel gestohlen hast, wie ist es dann zu erklären, dass ich hier jede Menge Spuren von dir finde?"
Der Bär kratzte sich am Hinterkopf und überlegte. "Na klar doch", sagte er dann, "weil ich mit dir den Tatort untersucht habe. Ich bin doch dein Detektivgehilfe!"
Gut, das konnte man als Erklärung gelten lassen, dachte der Fuchs und nickte.

Nach einer kurzen Pause fügte der Bär hinzu: "Warum soll ich denn da hoch klettern, wenn mir Kati, so hatten wir es ja gestern ausgemacht, die Torte zum Kaffeetrinken so wie so in meine Höhle bringt?"
"Hm, das klingt nun nicht gerade überzeugend", wandte der Detektiv nach kurzer Überlegung ein. "Du würdest sogar auf den höchsten Turm der Welt klettern, wenn du da oben etwas leckeres zu Essen bekommen würdest!"
"Würde ich nicht", widersprach Brumm. "Ich habe nämlich Höhenangst." Und betreten sah er zu Boden.

"Aber Brumm", sagte Kati, die gerade zu ihrem Kobel zurückgekehrt war und das Gespräch gehört hatte, "du würdest vielleicht nicht auf den höchsten Turm der Welt steigen, aber für leckeres Essen auf den allerhöchsten Berg. Dafür ist dir keine Anstrengung zu groß." Das kleine Eichhörnchen sagte es lächelnd und mit viel Nachsicht in der Stimme.
"Und außerdem habe ich doch gesehen, wie du dir die Kuchenkrümel aus den Mundwinkeln geschleckt hast, als ich dir heute früh von dem Diebstahl erzählt hatte!"
Brumm nickte.
"Du leugnest das nicht?", fragte Fred erstaunt.
"Nein, warum auch?", antwortete der Bär leise. "Es waren ja keine Kuchenkrümel", und verschämt wich er Katis Blick aus.

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24

"Du musst dich nicht herausreden, mein lieber Brumm", sagte Kati freundlich zum Bären, der noch immer mit gesenktem Kopf vor ihr stand. "Du musst doch nur die Wahrheit sagen."
"Hab ich doch!", bekräftigte der Bär.

"Die Beweislage ist eindeutig", sagte der Detektiv zu Kati, worauf hin Brumm auffuhr: "Ich habe die Torte nicht gestohlen! Ich bin unschuldig!" Und trotzig stampfte er mit seiner Hintertatze auf. Langsam nervte es den Bären, dass ihm niemand glauben wollte und offensichtlich auch der beste Detektiv der Welt seine Unschuld nicht beweisen konnte.
Ich werde auf ewig als Justizirrtum in den Geschichtsbüchern stehen, dachte der Bär und überlegte fieberhaft, was er jetzt noch tun konnte.
Flucht?

Könnte eventuell als Schuldeingeständnis gewertet werden. Aber vielleicht ziehe ich mich auch nur so lange in die Berge zurück, bis jemand Schlaueres kommt, der beweist, dass man mich zu Unrecht des Tortendiebstahls bezichtigt hatte. Und dann kehre ich zurück und allen tut es leid, dass sie mich so ungerecht behandelt haben und entschuldigen sich bei mir und wir feiern mir zu Ehren ein großes Fest und der Fuchs mag mir gar nicht in die Augen gucken, weil er so ein schlechtes Gewissen hat.
Und mein liebes Eichhörnchen muss mir als Wiedergutmachung jeden Tag eine Bärenportion Schokoladenpudding kochen! So! Und noch eine Schwarzwäldernusstorte dazu! Jeden Tag! Strafe muss sein! Und dann werde ich eventuell eines Tages vielleicht bereit sein, diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zu verzeihen, brumm!

"Die Beweislage ist eindeutig", wiederholte Fred, der Fuchs, und wies auf die noch sichtbaren Spuren im Schnee, die von der Elster nicht verwischt worden waren und die vom Kobel in verschiedene Richtungen führten.
Interessiert folgte das Eichhörnchen den Ausführungen des Fuchses. Brumm tat, als hörte und sähe er nichts.
Der Detektiv erklärte: "Seht ihr diese Spuren hier? Das muss der kleine Waschbärenjunge Willi gewesen sein, die Spuren führen direkt hinüber zum Haus der Familie Waschbär. Dazwischen ganz viele Abdrücke von Brumm, der mir eigentlich helfen wollte, aber tollpatschig, wie er nun mal ist..."
"...aber tollpatschig, wie er nun mal ist", äffte Brumm den Fuchs nach. "Ich wollte nur helfen und beinahe wäre es mir auch gelungen, aber du hast ja schon dein Urteil gefällt. Hast gar nicht alles überprüft, von wegen bester Detektiv der Welt!"



Irritiert sah Fred den Bären an, dann sammelte er sich und setzte seine Erklärung fort: "Ist schon gut, Brumm. Lassen wir das." Er wies auf eine Doppelspur im Schnee: "Seht euch mal das hier an: Diese Spuren sind nahezu identisch. Es sieht aus, als wären da zwei nebeneinander vom Haus da drüben direkt zum Kobel gelaufen und dann wieder zurück. Dazwischen fand ich Krümel, die Brumm mittels Geschmacksprobe zweifelsfrei als Krümel der gestohlenen Nusstorte identifizierte. Ich halte es also für sehr wahrscheinlich, dass wir den - oder vielmehr - die Täter da drüben finden müssten."
Vor überraschung blieb Brumm der Mund offen stehen. Und Kati murmelte fassungslos: "Das gibt's doch gar nicht!"

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25

"So, Mund auf, Zunge 'raus und A sagen", befahl Dr. Uhu dem kleinen Pieps. Mit einer Taschenlampe leuchtete er den Rachen des Mäusejungen aus. "Schmerzen beim Schlucken?", fragte der Doktor. Pieps schüttelte den Kopf.
Dr. Uhu nahm sein Stethoskop und hörte aufmerksam Pieps' Brust ab. Dann betastete er den Bauch des Mäusejungen. Pieps begann, genau wie sein Bruder Pups bei der Untersuchung durch den Doktor zuvor, schrecklich zu jammern.



"Fieber haben die beiden nicht", stellte Dr. Uhu schließlich fest und wandte sich an die Mäuseeltern. "Dann war meine erste Diagnose aus der Ferne zum Glück falsch. Keine Blinddarmentzündung. Die beiden haben sich wohl nur ganz gründlich den Magen verdorben. Fragt sich nur, womit."

Isabel Igel, die bislang still der Untersuchung beigewohnt hatte, kam ein Verdacht: "Sagt mal, ihr zwei Helden, habt ihr letzte Nacht die Nusstorte von Kati Eichhörnchen gestohlen und heimlich aufgegessen?"
Dr. Uhu blickte die Zwillinge streng über den Rand seiner Brille an. "Stimmt das?!"
"Nein! Na ja, ...ein bisschen", stammelte Pieps.
"Ja oder nein", fragte Papa Maus energisch nach.
"Es waren nur zwei Stück", gestand Pups schließlich zögernd ein. "Für jeden von uns ein Stück. Weil doch die Kati Eichhörnchen immer so leckere Kuchen und Torten backt und nie die Tür zu ihrem Kobel abschließt und da dachten wir..."

"So, so, da dachtet ihr", unterbrach die Reporterin das Geständnis der Mäusezwillinge.
"Es war Pieps' Idee, ich bin nur mitgegangen", versuchte Pups seine Haut zu retten.
"Ach ja?!", ereiferte sich Isabel immer mehr. "Wisst ihr eigentlich, dass Privatdetektiv Fred, der Fuchs, in dem Fall ermittelt und das Brumm, der Bär, als Hauptverdächtiger gilt? Da habt ihr ja 'was schönes angerichtet!"
Nun baute sich auch Papa Maus vor den Bettchen der Mäusezwillinge auf: "Und jetzt will ich die Wahrheit hören!"

"Es war eigentlich ganz harmlos", begann Pieps leise, und sein Bruder Pups bestätigte es, um dann die Erklärung fortzusetzen: "Wir lagen ganz brav in unseren Betten und konnten vor Aufregung nicht einschlafen. Weil doch bald Weihnachten ist und wir unbedingt wissen möchten, welche Geschenke wir wohl bekommen werden."
"Genau so war's", bekräftigte Pieps, "und dann haben wir noch mal Hunger bekommen und weil doch Frau Eichhörnchen immer so schöne Torten und Kuchen backt und der Bär die immer gleich auffrisst..."
"...aber diesmal war noch etwas übrig geblieben", fiel Pups seinem Bruder ins Wort, "und da meinte Pieps, wir sollten uns die Tortenreste holen, der Bär ist ja schon dick genug."
Und Pieps ergänzte: "Außerdem waren es doch nur zwei Stück und die Tür zum Kobel war auch gar nicht abgeschlossen!"
"Aha, und das hattet ihr dann für eine Einladung gehalten?!", fragte Papa Maus mit einem drohenden Unterton in der Stimme.

Die Zwillinge machten sich ganz klein und wären am liebsten unter die Bettdecke gekrochen.
"Jetzt aber 'raus aus den Betten und dann ab zu Frau Eichhörnchen, ihr werdet euch bei ihr entschuldigen und auch bei Brumm, dem Bären! Keine Widerrede!", ordnete Papa Maus an.
Mama Maus schaute noch immer fassungslos ihre Zwillinge an.
"Gute Idee, lieber Herr Maus", sagte Isabel Igel, "ich wollte ohnehin noch zu Kati gehen, da kann ich die beiden Übeltäter gleich mitnehmen."

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26

So standen die Mäusezwillinge also mit gesenkten Köpfen vor Kati, dem kleinen Eichhörnchen, und entschuldigten sich kleinlaut für den Kuchendiebstahl.
"Fall gelöst", sagte Fred, der Fuchs, lächelnd.
"Fall gelöst", wiederholte Brumm erleichtert.
"Ja, Fall gelöst", sagte das kleine Eichhörnchen. "Aber nun erzähl' doch mal, mein lieber Brumm, was es mit den Krümel auf sich hatte, die du heute früh heimlich aus deinen Mundwinkeln geschleckt hattest!"

Verschämt gestand der Bär: "Manchmal wache ich nachts auf und habe Hunger und dann nasche ich eben ein paar Kekse, die ich unter meinem Bett versteckt habe, damit ich bis zum Morgen nicht verhungere! Aber weil du mit mir geschimpft hast wegen meines kleinen Bäuchleins und weil du gesagt hast, ich wäre ganz schön dick geworden, seit du für mich kochst, nasche ich jetzt eben heimlich und deshalb habe ich mir auch ganz schnell meinen Mund sauber geschleckt, damit du die Kekskrümel nicht siehst und du nicht mit mir schimpfst. So, nun weißt du's!"

Fred musste laut lachen. "Beim Schwanze meines Großvaters, du bist ja ein ganz ausgebuffter Bär!", und alle stimmten in das Lachen des Fuchses ein. Nur die Mäusezwillinge standen still und verlegen da. Am liebsten wären sie im Erdboden versunken, so sehr schämten sie sich.
Fred deutete mit dem Kopf auf die Kuchendiebe. "Was machen wir mit den beiden Delinquenten? Möchtest du eine Anzeige erstatten, Kati? Dann nehme ich die zwei gleich mit zur Polizei."

Das Eichhörnchen schüttelte den Kopf. "Nein. Bring sie bitte nach Hause. Papa Maus wird mit den beiden dann schon tüchtig schimpfen, das ist neben den Bauchschmerzen, die sie haben, Strafe genug."
Dann wandte sie sich an Brumm: "Und wir zwei trinken jetzt auf den Schreck erst mal einen Pfefferminztee. Und dann schmücken wir deine Höhle ganz festlich und feiern unser erstes gemeinsames Weihnachten. Ich backe nur noch schnell einen neue Schwarzwälder Nusstorte, ja?"

Wie erleichtert Brumm jetzt war! Die ganze Last dieses schrecklichen Verdachts war von ihm genommen! Er wusste gar nicht, wohin mit all der Freude in ihm. So schüttelte er voller Dankbarkeit dem Fuchs die Pfote und bedankte sich überschwänglich für dessen Hilfe. "Ach, nicht der Rede Wert", murmelte Fred und hatte plötzlich einen dicken Klos im Hals.



Dann umarmte Brumm ganz vorsichtig sein kleines liebes Eichhörnchen und gab ihm einen dicken Kuss. Und weil er noch immer nicht wusste, wohin mit all der Freude und dem Glück, tanzte er schließlich seinen ganz persönlichen Bärenfreudentanz. Und das tat er nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

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