Teil 7

Brumm und Kati heiraten

© Jens Mende, 2024
Kapitel:

1

Voller Vorfreude hatte sich Brumm, die Angel über der Schulter, auf den Weg zum Fluss gemacht. Es war einer jener Tage, die Kati, sein liebes Eichhörnchen, als Brumm-Tag bezeichnete. Das bedeute, Brumm konnte tun und lassen, wonach ihm der Sinn stand. Er konnte den Tag verschlafen oder mit Schafi und Herrn Esel Dummheiten machen oder ganz ernsthaft an der Erfindung des Vollkomfortbettes tüfteln - kurz: Ein Brumm-Tag gehörte dem Bären ganz allein und er konnte bestimmen, wie er diese kostbare Zeit nutzte.

Manchmal durchstreifte Brumm an solchen Tagen den Wald auf der Suche nach einer Höhle, die sich als Eingang zu einem Portal in die Vergangenheit herausstellen könnte. Wie gern würde er noch einmal in seine Kindheit reisen und seine liebe Tante Bärnadette besuchen! Noch einmal von ihr in die wuscheligen Arme genommen zu werden und ihre lieben und aufmunternden Worte hören. Nur ein einziges mal!

Gern suchte er die Stelle im Wald auf, zu der die Tante in seiner Kindheit so oft mit ihm gegangen war und die die Menschen als "Bärenstein" bezeichneten. Angeblich sollen dort in der Nähe eines großen Steins vor langer, langer Zeit regelmäßig zwei Bären gesichtet worden sein - ein großer und ein kleiner - die gemeinsam picknickten, anschließend ein Schläfchen in der Sonne hielten und dann wieder im Dickicht des Waldes verschwanden. Auf diese Weise hatte der Stein wohl seinen Namen bekommen.

Auf dem Weg dahin plapperten Brumm und Tante Bärnadette allerhand alberne Dinge und lachten viel. Später saßen sie im weichen Gras nahe des großen Steins und aßen den mitgebrachten Picknickkorb leer. Unerreicht waren der Tante Honigkekse. Sie schmeckten wie Rückenkraulen und faul sein in einem! Nie würde Brumm den Geschmack dieser leckeren Plätzchen vergessen!

Abschließend noch ein kleines Nickerchen in der Sonne und auf dem Heimweg spielten sie Fangen oder Verstecken. Wenn Brumm dann abends müde in seinem Bettchen lag, gab ihm Tante Bärnadette des besseren Einschlafens wegen zärtlich einen Kuss auf die Stirn. Brumm versank wohlig im Duft des Fells der Tante, das nach einer Mischung aus Honig, Sonne und dem warmen Gras roch. Ein Duft, der dem kleinen Bären Liebe und Schutz bedeutete.

Brumm dachte voller Wehmut an die Zeit mit Tante Bärnadette zurück. Und wenn er an manchen Tagen als erwachsener Bär den Picknickplatz am Bärenstein aufsuchte, wurde ihm vor Sehnsucht die Brust eng. Dann dachte er, "sieh mal, Tante Bärnadette, wie groß ich geworden bin! Und ich teile mein Leben mit einem Eichhörnchen, dass mich bestimmt ganz genau so sehr lieb hat wie du mich lieb hattest. Und ich denke, du würdest das kleine Eichhörnchen auch so lieb haben wie ich."
Wie gern würde er noch ein einziges mal einen dieser Momente mit Tante Bärnadette erleben! Und so wuchs der Wunsch in ihm, in seine Kindheit Reisen zu können.

Brumms Theorie war einfach: Wenn es im Wald ein Portal hinüber in die Menschenwelt gibt, muss es so etwas auch in die Vergangenheit geben. "Und in eine Welt voller Sauerampfer", ergänzte Schafi begeistert, als Brumm ihm und Fred von seinem Gedanken erzählte.
"Ihr stellt euch das zu einfach vor", warf der Fuchs sehr sachlich und nüchtern ein. "Es ist ein wahres Wunder, dass es ein solches Portal, wie wir es gefunden haben, überhaupt gibt! Es kann sich dabei nämlich nur um eine singuläre Anomalie im Universum handeln!"

Aber was wusste der Fuchs schon, dachte Brumm. Fred ist einfach viel zu klug für die wirklich einfachen Wünsche. "Da muss man die Windrichtung beachten und nicht zu vergessen die Fallgeschwindigkeit, Neunkommaachteins Meter pro Sekunde ins Quadrat..." dachte Brumm und ahmte in Gedanken Freds Stimme nach.

Während Brumm also an solchen Tagen durch den Wald zog auf dem Weg zu seinem Angelplatz im Schatten der großen Fichte, saß Kati zuhause im Höhlenkobel und verbrachte den Tag nach ihren Wünschen. Denn so ein Brumm-Tag war zugleich auch ein Kati-Tag.
Sie liebte es, in ihrem Schaukelstuhl zu sitzen und fernzusehen. Seit ihrer Reisen in die Menschenwelt las sie gar nicht mehr so oft in ihren Büchern. Bei den Menschen gab es ein Ding namens Fernseher, von dem das Eichhörnchen sehr begeistert war und das ihr dort die Bücher ersetzte. Nur leider, leider gab es dieses wunderbare Ding nicht in ihrer Welt im Wald. Das änderte sich, als das Eichhörnchen mit einem mächtigen Schnupfen im Bett lag und gelangweilt in einem Buch über digitale Selbstverteidigung blätterte.

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2

Kati mochte vor lauter Kopfschmerz gar nicht mehr die Augen öffnen. Zu allem überdruss bekam sie schlecht Luft, weil ihr ständig die Nase lief und sich zum Schnupfen nun auch noch Husten gesellte. Sie legte das Buch weg und beschloss, ein wenig zu schlafen. Plötzlich öffnete sich die Höhlentür und Brumm trat ein. In der Hand hielt er - ein tragbares Fernsehgerät!
"Wo hast du denn das her?", fragte Kati und wollte ihren Augen nicht glauben.

"ähm..." stammelte der Bär ein wenig verlegen. Nun hatte er die Wahl, seinem lieben Eichhörnchen eine fantastische Geschichte zu erzählen, die sie ihm aber vermutlich gar nicht glauben würde, oder er blieb einfach bei der Wahrheit.
"Den hab ich aus der Siedlung. Die Menschen sind gerade im Urlaub und brauchen ihn nicht."
"Aus der Siedlung?", fragte Kati ungläubig.
"So ist es", bestätigte der Bär.
"Von den Menschen?!"
"Exakt."
"Und die brauchen den Fernseher nicht, weil sie gerade im Urlaub sind?!"
Wieder nickte Brumm. "Das hast du sehr schön zusammengefasst", lobte er sein kluges Eichhörnchen. Kati war sich nicht sicher, ob sie mit Brumm ob des Diebstahls schimpfen oder sich über diese unerwartete Gabe freuen sollte.

"Aber um fernzusehen, brauchen wir elektrischen Strom", warf das Eichhörnchen schließlich ein, denn sie wusste, dass in der Menschenwelt nahezu jedes Gerät, das man benutzen wollte, mit Elektrizität versorgt werden musste.
"Dieses Problem haben wir bereits gelöst", sagte der Fuchs, der hinter dem Bären in den Höhlenkobel getreten war. "Sieh mal!" In der Hand hielt er ein dünnes Kabel, dass offensichtlich als Stromversorgung für das Fernsehgerät dienen sollte.

"Wir haben den Hamsterbau am Feldrand kurz vor der Siedlung ein wenig präpariert. Immer, wenn die Hamster in den Bau hinein wollen oder ihn verlassen, passieren sie eine Rolle, die über einen Dynamo bei jeder Bewegung Elektrizität erzeugt", erklärte er. "Allein am Speicherproblem haben wir viele Tage und Nächte gegrübelt. Dabei ist die Lösung ganz einfach: Das Netz ist nämlich der Speicher!"

Was ist das denn für ein Quatsch, dachte Kati. Sie verstand kein Wort. "Und die Antenne? Braucht man nicht auch eine Antenne für den Fernsehempfang?"
"Auch daran haben wir gedacht", sagte der Fuchs lächelnd. "Komm mal mit", forderte er Kati auf.
Neugierig verließ sie ihr Krankenlager. Der Schnupfen war schon gar nicht mehr so schlimm.
Vor dem Höhlenkobel sah sie, wie Sebastian Spatz, ein dünnes Kabel im Schnabel, auf den höchsten Ast der Eiche flog, in der Kati früher ihren Kobel hatte. Ganz oben angekommen, befestigte der Spatz das Kabel mit etwas Harz.

"Kupferdraht", klärte Fred auf. "Haben wir auch in der Siedlung gefunden. Gibt 'ne prima Antenne!"
Schnell stellten sie den Fernseher vor Katis Schaukelstuhl auf, schlossen es an das Stromkabel an und steckten den Antennendraht in die dafür vorgesehene Buchse. Voller Spannung und mit angehaltenem Atem verfolgte Kati, wie Brumm das Gerät einschaltete.
Der Höhlenkobel versank in einer Flut bunter Bilder. Ein Druck auf die Fernbedienung - zack, andere Bilder. Badende Eisbären, wilde Verfolgungsjagden mit schnellen Autos, ein Musikvideo, Bildungsfernsehen, Kriminalfilme...

Fasziniert starrte Kati in den Fernseher. Sie bemerkte nicht einmal, dass Brumm ihr vorsorglich eine Decke umlegte, schließlich hatte sie ja eine schlimme Erkältung! Aber Kati fühlte sich pudelwohl. Spontanheilung.

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3

Weil also heute ein Brumm-Tag war, hatte das Eichhörnchen viel Zeit für sich. Und das hieß, sie konnte in aller Ruhe all die vielen wichtigen Dinge erledigen, bei denen ihr Brumm sehr im Weg war.
Zum Beispiel schöne Sendungen im Fernsehen verfolgen, in denen alte und oft baufällige Höhlenkobel in wunderschöne, neue Zuhause verwandelt wurden. Mit ganz tollen Sachen, ohne die ein wunderschöner Höhlenkobel nun mal kein wunderschöner Höhlenkobel ist. Zum Beispiel mit Grünpflanzen! Und Sofakissen! Und sehr vielen Dingen zur De-ko-ra-ti-on! Kati fand, ohne De-ko-ra-ti-on - der Fachbegriff lautete wohl Interieur - konnte ein Höhlenkobel niemals ein schöner Höhlenkobel sein.

Aber das verstand Brumm nicht. Wenn sie in seiner Gegenwart eine solche Sendung sah und ihn begeistert auf all das Schöne hinwies, brummte er meist nur und schüttelte verständnislos den Kopf. Was brauchte er Interidingszeugs? In einer Höhle hatte es einen Kamin zu geben, einen Herd zum Kochen und ein breites Bett, in dem man bequem schlafen und unter dem man Schokokekse verstecken konnte. Das war dem Bär Ongteriejör genug.

Es gab noch andere schöne Sendungen, die Kati sehr begeisterten. Eine handelte davon, dass meist dicke Frauen Hochzeitskleider aussuchten und sich dabei filmen ließen. Ach, war das aufregend! All der viele Tüll! Und die Schleier und Schleppen! Und dann die große Auswahl: A-Linie! Prinzessinenkleid! Carmen-ärmel! Toll, worauf die Menschen alles achteten, wenn sie eine Hochzeit vorbereiteten, dachte Kati begeistert. Und wenn sie Brumm auf ein besonders schönes Kleid hinwies, konnte er Katis Begeisterung nicht teilen. Der Bär sah nur Gardinenstoff und dicke Menschen.

Und so beschloss das Eichhörnchen, sogenannte Brumm-Tage einzuführen. Dann zog ihr lieber Brumm los, um Bärendinge zu tun, während Kati es sich in ihrem Schaukelstuhl gemütlich machte, hin und wieder nach der Schüssel mit den Nüssen griff und in Ruhe ihre Lieblingssendungen im Fernsehen verfolgte.

Die zweifellos schönste Sendung von allen handelte von Frauen, die Geld bekamen und dann einkaufen gingen. Sie kleideten sich neu ein und wurden zum Ende der Sendung bewertet. Wer die meisten Punkte bekam, erntete neidische Blicke von den anderen Frauen. Der Leiter der Sendung, ein sogenannter Guido, gratulierte der Siegerin und erklärte sie zur Königin einer Stadt. Dieser Umstand verwirrte Brumm sehr, wenn er zufällig eine dieser Sendungen mit Kati ansah. Er wusste ganz genau, dass man nur Königin oder König eines Landes oder Königreichs sein konnte, aber niemals von einer Stadt! Er bedauerte es, dass sein Eichhörnchen ganz offensichtlich Gefallen an einer Sendung voller Hochstapler fand!

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4

Aber es gab auch Sendungen, die der Bär mit großem Vergnügen ansah. Zum Beispiel Olsenbanden-Filme. Oder Bildungsfernsehen! Aber am allerliebsten mochte Brumm Fußballspiele im Fernsehen anschauen. Man konnte sich da so schön aufregen. Das allerdings missfiel seiner Kati, die dann regelmäßig damit drohte, gleich den Fernseher abzuschalten, wenn er sich weiter so aufregte. Deshalb schaute er Fußballspiele am liebsten nachts, wenn das Eichhörnchen schon im Bett lag und schlief.

Dann kommentierte er Ballverluste mit Flüsterstimme, nicht weniger schimpfend und doch sehr wichtig im Tonfall. Oder vergebene Torchancen. Wenn aber auf besonders schöne Weise ein Tor erzielt wurde, dachte der Bär, das hätte ich wohl auch so gemacht. Und dabei nickte er anerkennend mit seinem zotteligen Kopf. Meist gesellten sich an solchen Abenden Herr Esel und das Schaf hinzu.
Beide liebten Fußball sehr. Das war noch richtiger Jungs-Sport! Man konnte Schimpfworte verwenden und so tun, als sei Katis Himbeerlimonade richtiges Bier.

Es war also mal wieder ein Brumm-Tag, als sich der Bär mit der Angel über der Schulter auf den Weg zum Fluss gemacht hatte. Kati saß derweil in ihrem Schaukelstuhl vor dem Fernseher und freute sich auf einen Tag voll mit ihren Lieblingssendungen. Das letzte, was Brumm von ihr hörte, war "viel Spaß und... oh! So ein schönes Kleid!"

Doch leider bissen die Fische heute nicht. Und so saß Brumm, die Angel am Ufer befestigt, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, mit dem Rücken an eine Fichte gelehnt und döste vor sich hin.
"Was machst du hier so allein?", hörte er plötzlich eine vertraute Stimme. Brumm schob den Hut aus dem Gesicht und öffnete die Augen. Vor ihm stand das Schaf und sah ihn neugierig an.

"Ich angle, heute ist nämlich Brumm-Tag!"
"Aha. Und was ist das, ein Brumm-Tag?", wollte Schafi nun genauer wissen.
"Ein Brumm-Tag ist ein Tag, den Kati sich ausgedacht hat und an dem ich machen kann, was ich will."
"Wow!", antwortete das Schaf begeistert und hatte sofort eine Idee: "Lass uns Sauermampferbier brauen und dann schlüpfen wir durchs Portal in die Menschenwelt und gucken Fußball! Ja? Ja ja ja ja ja?!"

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5

Einige Tage später.
"Kreativenkonferenz!", rief der Fuchs mit fröhlicher Stimme.
Überrascht hob Brumm den Kopf. Er hatte Fred gar nicht kommen hören, so vertieft war er in seine Arbeit. Seit Tagen schon baute er gemeinsam mit Herrn Esel, Schafi und Hansi Hase und unter fachmännischer Anleitung Benni Bibers einen neuen, großen Stall für den Esel und seine Leni, dem schönsten Einhorn auf der ganzen Welt. Mehr als einmal hatte sich das Eselchen darüber beschwert, dass es auf Dauer doch sehr an Privatsphäre mangele, wenn er und seine Leni sich einen Stall mit dem Schaf teilen müssen.

"Kreativenkonferenz!", rief Fred noch einmal, dieses mal aber etwas lauter. Nun endlich legte der Bär den Hammer beiseite. Was hatte der Fuchs gesagt? Conferenziengratin? Oh, wenn das so lecker schmeckt, wie es klingt, werde ich mir glatt eine Extraportion geben lassen, dachte Brumm und sah Fred voller Vorfreude an.
"Nein, nein", wehrte der Fuchs ab. "Du kannst ruhig weiterarbeiten, Brumm. Ich muss nur mal schnell Herrn Esel, den Hasen und Schafi entführen."
Fragend sah der Bär seine Freunde an. Herr Esel schüttelte den Kopf mangels der Fähigkeit, die Schultern hochziehen zu können, um mit dieser Geste sein Nichtwissen auszudrücken.

"Wir haben etwas wichtiges zu besprechen", klärte Fred auf.
"Und ich darf nicht dabei sein?", fragte Brumm enttäuscht.
"Nein, diesmal nicht." Weitere Erklärungen mochte der Fuchs offensichtlich nicht abgeben. Verständnislos wandte sich der Bär ab und kehrte dem Fuchs demonstrativ den Rücken zu. "Dann besprecht halt eure super hoch geheime Besprechung ohne mich! Interessiert mich ja auch gar nicht!", brummelte er und beschloss, nie wieder auch nur ein Wort mit dem Fuchs zu wechseln, brumm!

Unschlüssig schauten die Freunde abwechselnd zu Brumm, dann zum Fuchs. Dem war inzwischen auch klar, dass er seinen zotteligen Freund nicht so stehen lassen konnte.
"Hör mal Brumm, ich kann dich jetzt noch nicht einweihen. Du hast schon ganz richtig erkannt, dass es sich um eine hoch geheime Sache handelt. Und sehr gefährlich noch dazu! Sollte die Sache schief gehen, findest du alle erforderlichen Dokumente in der linken Tasche meines Morgenmantels. Dann erfährst du, was du zu tun hast, um uns zu retten. Du bist nämlich unser Back up."

Oho! Dachte der Bär, ich bin also ein Back up. Er hatte zwar keine Ahnung, was das sein könnte, aber es musste etwas ungemein wichtiges sein. Und während Brumm dem Fuchs bereits wieder verziehen hatte, wurde dem Hasen ganz flau im Magen. Was zum Geier hatte Fred mit ihnen vor, dass ausgerechnet der tollpatschige Bär als Retter vorgesehen war, falls die Sache schief gehen sollte? Welche Sache überhaupt?

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6

Mit zittrigen Beinen und einem flauen Gefühl im Magen folgte der Hase seinen Freunden in Freds Bau. Dann saßen sie im Büro des berühmten Detektivs, und während Fred seinen Gästen Getränke anbot, sahen Schafi und Herr Esel den Fuchs erwartungsfroh an. Nur Hansi Hase war irgendwie nicht bei der Sache. Angestrengt überlegte er, mit welcher Ausrede er sich davon schleichen und nach Hause gehen könnte.

Hoch geheime Sache! Na, das fehlte noch! Seine Frau würde ihm kein Wort glauben und ihm ganz sicher nicht erlauben, an so einer Sache teilzunehmen. Zumal er quasi noch auf Bewährung war, nach dem er sich im vergangenen Jahr, als sie die Flaschenpost aus dem Fluss angelten, so unglaublich wild betrunken hatte. Und wenn es schief geht, muss der Bär uns retten kommen? Na super! Am Ende hat es wieder mit Wölfen zu tun und Hansi pieselt sich fast ein vor Angst, sich hinter dem Rücken des Bären versteckend. Nö, auf so eine Sache hatte Hansi keine Lust.

"Hört mal, Freunde", begann der Hase schließlich und sah dabei verlegen zu Boden, doch da fiel ihm der Fuchs ins Wort: "War natürlich alles Quatsch, von wegen hoch geheim und gefährlich und dass uns der Bär retten muss und so. Ich musste doch einen Vorwand finden, um ungestört mit euch reden zu können. Aber Hansi, ich hatte dich unterbrochen. Was wolltest du sagen?"
"Ich? ähm", stammelte der Hase. War es also doch keine gefährliche Sache, über die der Fuchs mit ihnen sprechen wollte?
"Ja, ähm - was wollte ich sagen? ähm, was war's doch gleich? - Hab ich vergessen." Puh, gut herausgeredet!

"Na schön, wenn es dir wieder einfällt, unterbrich mich einfach", schlug Fred vor. Dann weihte er seine Freunde ein. Mit gedämpfter Stimme, so, als hätte er Sorge, dass jemand, der nicht zum Kreis der hier Anwesenden gehörte, von dem Gesprächsinhalt erfahren könnte, begann der Fuchs zu sprechen: "Ihr wisst ja, dass Brumm und Kati bald Hochzeit feiern werden. Ich konnte inzwischen ermitteln, dass Brumm keinen geeigneten Anzug für solch einen feierlichen Anlass hat. Na ja, wie ihr euch denken könnt, hat er im Grunde gar keinen Anzug. Und deshalb dachte ich mir, es wäre doch eine prima Idee, wenn wir als seine Freunde dem Bären einen Anzug für die Hochzeit schenkten."

"Na klar!", rief Schafi begeistert. "Wir stricken ihm einen Anzug aus Sauerampfer! Und wann immer wir wollen, können wir während der Trauung an Brumm herum knabbern. Das wird bestimmt eine ganz tolle Hochzeit!" Genießerisch rollte das Schaf die Augen.
"Blödsinn!", wehrte Fred ab.
"Natürlich ist es Blödsinn, weiß ich ja selbst", sagte Schafi mit Trauer in der Stimme. "Wir können nicht stricken, weil wir keine Daumen haben. Aber es war so eine schöne Vorstellung. Ein Anzug komplett aus Sauerampfer!" Und dabei reckte es die Nase mit geschlossenen Augen nach oben, als könne es Brumms Anzug riechen.

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7

"Prima", sagte der Hase, "dann wäre das also geklärt. Wir schenken dem Bären einen Anzug zur Hochzeit. War's das?" Und schon stand er auf und wollte gehen.
"Aber noch lange nicht!", widersprach der Fuchs. "Wir haben doch noch gar nicht besprochen, wie wir Brumm überraschen können." Hansi setzte sich wieder.
"Wo ist das Problem?", fragte das Schaf. "Wir gehen zu Brumm, nehmen ihn mit zum Einkaufen, lassen den Anzug gut verpacken, Schleife drauf, fertig!"

Der Fuchs schüttelte energisch seinen Kopf: "Nein, so geht das nicht. Das wäre doch keine überraschung! Seid doch mal ein bisschen kreativer!"
Und so schwiegen die Freunde eine ganze Weile und schauten angestrengt in die Luft, was den Fuchs sehr freute, vermittelte die Szene doch den Eindruck, dass seine Gäste intensiv über die Lösung der Aufgabe nachdachten.

Herr Esel dachte, keine Ahnung, was Fred nun wieder will. Schade um die schöne Zeit! Wir sitzen hier und starren Löcher in die Luft, während Brumm alleine am neuen Stall arbeitet. So werden wir nie fertig!
Schafi dachte, gar nicht so schlecht, hier zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren. Da kann Brumm noch ewig alleine am neuen Stall basteln und wird trotzdem nicht fertig. Es ist nämlich viel schöner, Herrn Esel und das Einhorn zur Gesellschaft zu haben. Man war nie allein und konnte vor dem Einschlafen so schön mit den beiden erzählen.
Hansi Hase dachte, na gut, sitze ich eben bisschen hier herum und kann mich vom anstrengenden Stall bauen ein wenig erholen. Vielleicht sollte ich die Backen aufblasen, damit der Fuchs denkt, dass ich mich ganz sehr aufs Nachdenken konzentriere?
Und Fred dachte, sieh an, wie angestrengt sie alle nachdenken und eine Lösung suchen. Der Hase bläst beim Überlegen sogar die Backen auf!

Dann brach die Dämmerung herein, schließlich wurde es Nacht und die vier Freunde dachten immer noch nach. Die Sonne stieg am nächsten Morgen über den Horizont und die Freunde dachten immer noch nach. Schließlich kamen und gingen die Jahreszeiten und die Freunde dachten immer noch nach...

Nein, natürlich nicht, denn irgendwann wurde Fred ungeduldig. Er hatte beobachtet, wie dem Schaf beim Nachdenken immer wieder die Augen zufielen und der Esel auf dem Tisch imaginäre Zeichnungen des neuen Stalls malte. Die waren doch gar nicht bei der Sache! Und der Hase musste inzwischen schon schlimme Krämpfe in der Gesichtsmuskulatur haben, schließlich saß er nun schon über eine Stunde mit aufgeblasenen Backen am Tisch. Der denkt ja gar nicht nach! Will der mich veralbern?!

Jetzt reichte es dem Fuchs: "Jungs, ich erwarte bedingungslose Hingabe an das Projekt! Irgendjemand eine Idee?" Kopfschütteln der anderen.
"Gut", sagte Fred. "Wenn euch nichts besseres einfällt, dann machen wir es so." Und dann erläuterte er seinen Plan, den Bären zu überraschen.

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8

Brumm werkelte an einer der Seitenwände des neuen Stalls und freute sich, dass er auch allein so gut vorangekommen war. Ein bisschen wird es noch dauern, bis Herr Esel mit seiner Leni einziehen kann, dachte Brumm, aber so langsam nahm das Projekt Gestalt an.

Er mochte den Esel sehr! Der konnte so schöne Geschichten aus dem Zirkus erzählen und war dem Bären inzwischen ein guter Freund geworden. Es stellte sich heraus, dass Herr Esel einen berühmten Vetter hatte, der als Musiker in Bremen große Erfolge feiern konnte. Der hatte sogar eine Band mit einer Katze, einem Hund und einem Hahn gegründet! Brumm kannte auch einen berühmten Sänger: "Der hieß Luciano Bärwarotti und war vielleicht dick, kann ich dir sagen! Aber singen konnte der!"

Plötzlich hörte er hinter sich schnell näher kommendes Gelächter. Seine Freunde kehrten endlich von ihrer Besprechung mit dem Fuchs zurück. Sie kicherten albern und tobten herum, und das verwunderte den Bären, schließlich hieß es doch, dass es bei ihrer Besprechung um eine hoch geheime und allem Anschein nach sehr gefährliche Sache ginge, da kann man doch nicht albern kichern! Oder hatte das Schaf etwa die anderen vom Sauerampfer kosten lassen? Vielleicht, um die Gefahr zu vergessen und sich zu Berauschen? Oje, dachte Brumm, dann muss es aber wirklich eine ganz schlimme Sache sein, wenn schon Sauerampfer eingesetzt werden muss. Am besten, ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt.

"Gut, dass ihr kommt", rief Brumm seinen Freunden zu. "Ich kann jetzt eine helfende Pfote wirklich gut gebrauchen!" Der Bär tat ganz unbefangen.
"Einen Moment, Brumm", rief da der Fuchs, "ich muss mal bei dir Maß nehmen."
"Was musst du?"
"Maß nehmen", antwortete Fred und trat mit einem Maßband an den Bären heran.
"Was wird das denn jetzt?", fragte Brumm, dem das alles nicht geheuer war. Sollte die Sache denn am Ende so gefährlich sein, dass Fred schon vorsorglich die Maße für Brumms Sarg nehmen wollte? Aber ich sollte doch nur der Back up sein, dachte Brumm verzweifelt und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit.

"Keine Sorge, es wird nicht weh tun", beruhigte Fred, aber Brumm trat dennoch einen Schritt zurück. Oder sollte er mit dem komischen Band da in Freds Pfoten gefesselt werden! Aber warum nur? Der Bär wich langsam immer weiter zurück.
"Bleib doch mal stehen!", forderte Fred den Bären auf, nun die Geduld verlierend und setzte zu einem Sprung an. Behende wich Brumm zur Seite aus, lief flink zum nächsten Baum und kletterte am Stamm nach oben.
"So! Ihr erzählt mir jetzt, worum es bei eurer Besprechung ging und was ihr wirklich mit mir vorhabt! Ich bleibe so lange hier oben, bis ich alles weiß. Mindestens aber so lange, bis ich wieder hungrig bin!"

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9

Neugierig beäugte Brumm aus sicherer Höhe, wie sich Fuchs, Hase, Esel und Schaf um den Stamm herum niederließen und sich flüsternd berieten. Noch ein kurzes Mäh, ein leises ie-ah, dann räusperte sich Fred.

"Also gut", sagte er schließlich: "Du sollst es erfahren." Er machte eine kurze Pause, so, als suche er nach den richtigen Worten. Aufmunternd nickte Schafi dem Fuchs zu und forderte ihn auf, weiterzusprechen.
"Wir.. ähm, also... Es ist so: Wir fliegen auf den Mond!", offenbarte Fred schließlich.
"Das ist doch Quatsch mit Soße!", entfuhr es dem Bären spontan. "Was wollt ihr denn auf dem Mond?! Ihr seid wohl alle voll auf Sauerampfer?!"

"Sauerampfer? Wo?" Das Schaf reckte die Nase so hoch es nur konnte und schnüffelte nach allen Seiten, um den Ursprung des Sauerampferduftes zu ergründen. Aber da war nichts. Mäh!
Der Fuchs stellte sich auf die Hinterbeine, umfasste mit beiden Pfoten Schafis Kopf und drückte ihn zurück ins Gras. Dort schnüffelte das Schaf weiter suchend nach dem leckeren Kraut. Fred sah es mit Erheiterung und wandte sich dann wieder an Brumm.
"Ich weiß ja, dass es seltsam klingt, aber wir fliegen wirklich zum Mond. Ich sagte doch, es ist eine heikle Mission und wir brauchen dich, um uns zu retten, falls wir in Schwierigkeiten geraten."

"Ja, das sagtest du", bestätigte Brumm. "Aber soweit ich weiß, war außer einer Hündin namens Laika noch nie ein Tier im Weltall. Und auf dem Mond waren auch nur Menschen, aber nie Tiere. Das wird schon seinen Grund haben. Denn was bitte soll ein Fuchs - und Achtung: Ein Esel, ein Schaf und ein Hase dort oben?" Brumm schüttelte den Kopf. "Und dann soll ich da auch noch mit? Nö! Ihr spinnt doch!"

Um seine Ablehnung zu verdeutlichen, verschränkte der Bär die Pfoten vor der Brust, was jedoch dazu führte, dass er sich nun nicht mehr im Baum festhalten konnte und um ein Haar aus luftiger Höhe abgestürzt wäre. In letzter Sekunde verhinderte Brumm den Sturz und hielt sich an einem mächtigen Ast fest. Er suchte sich eine neue Sitzposition und widmete sich dann wieder ganz Freds abenteuerlicher Idee.

Ich schaffe es ja gerade mal mit Mühe und Not nicht von einem Baum zu fallen, musste sich der Bär im Stillen eingestehen - da soll ich zum Mond fliegen? Ich bin ja nun ganz gewiss nicht der Gagarin unter den Bären, dachte Brumm. Denn allein schon der Gedanke, über Tage in eine enge Kapsel gezwängt zu sein und auf unvorstellbare Geschwindigkeit beschleunigt zu werden, verursachte ihm heftige übelkeit.

Und überhaupt: Wie sollen in so winzige Raketen all die notwendigen Vorräte hineinpassen? Und wenn man dann den Mond verfehlte und wer weiß wie lange im Weltraum herum irrte, was sollte man dann essen, wenn keine Vorräte mehr da waren? Oder Weltraum-Wildschweine die Vorräte plünderten... Gibt es im Weltraum Wildschweine?

Brumm war sich nicht sicher, wollte den Fuchs jetzt aber nicht danach fragen. Und außerdem würde ihm sein liebes Eichhörnchen niemals erlauben, an so einer gefährlichen Sache teilzunehmen. Denn eingezwängt in so einer winzigen Kapsel und irgendwann auch noch ohne Vorräte, würde es Brumm auf gar keinen Fall gut gehen. Seine Kati war nämlich immer in Sorge um ihren lieben Brumm und wollte, dass es ihm immer gut ginge. Das war auch ein Grund, weshalb der Bär das Eichhörnchen so sehr liebte und es in diesem Sommer heiraten wollte.

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10

Je länger der Bär also auf dem Baum hockte und über Freds Vorhaben nachdachte, um so absurder erschien ihm die Situation. Obendrein musste der sonst immer ach so kluge Fuchs ein sehr wichtiges Detail übersehen haben. Ein Detail jedoch, dass es ziemlich schwierig machen dürfte, überhaupt auf dem Mond zu landen.

Brumm war sich des Problems bewusst und teilte sein Wissen gern mit dem Fuchs: "Außerdem, falls ihr es noch nicht mitbekommen habt, der Mond wird mal kleiner und mal größer. Ich habe das schon ganz oft am Abend gesehen, wenn ich mit meinem lieben Eichhörnchen auf der Wiese liege und in die Sterne sehe. Der Mond verändert ständig sein Aussehen. Eine Woche so, eine Woche so. Mal riesig groß und manchmal ist er auch gar nicht mehr am Himmel zu sehen. Und wenn es ganz dumm läuft, erwischt ihr gerade eine Phase, da ist der Mond so winzig klein wie eine Sichel und dann fallt ihr, kaum dass ihr angekommen seid, gleich wieder herunter. Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?"

Verständnislos sahen sich die Tiere an. Meinte Brumm das wirklich ernst? Nein, unmöglich. Brumm, dieser Scherzkeks, dachte Schafi und rollte lachend durch das Gras. Der Fuchs traute seinen Ohren nicht und war hin und hergerissen. Wollte Brumm sie auf den Arm nehmen? Einem Impuls folgend, wollte Fred ebenfalls lauthals loslachen, aber etwas in ihm schien warnend zu sagen, dass der Bär keineswegs spaßte. Und so beschloss das schlaue Füchslein, Brumms wirre Theorie von der Größenveränderung des Mondes - immerhin war sie durch den Bären empirisch belegt - für ihr Vorhaben zu nutzen.

"Ganz richtig, Brumm. Ganz richtig." Pause. Nein, das war aber auch zum Schießen komisch! Was der Bär nur immer für lustige Vorstellungen hatte! Tapfer verbiss sich der Fuchs ein Lachen und stieß Schafi in die Seite, damit es sich wieder beruhigte.
"Und genau darum musst du vorbereitet sein, uns zu retten. Falls wir Pech haben und vom Mond stürzen, weil er gerade so klein ist." Und nun musste der Fuchs doch lachen. Das ist aber auch zum Wiehern! Er tarnte seinen Heiterkeitsausbruch als Hustenanfall und fuhr dann ernst fort: "Um überhaupt gesund auf den Mond zu kommen, brauchen wir richtige Raumfahreranzüge. Sogenannte Skaphander. Und die müssen richtig gut passen, sonst nützen sie nämlich nichts. Deshalb möchte ich jetzt bei dir Maß nehmen. Also komm bitte wieder herunter."

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11

Nach einiger Bedenkzeit und auch, um nicht als Feigling bei seinen Freunden zu gelten, stieg Brumm schließlich doch vom Baum herunter. Was auch immer deren Pläne waren, Brumm würde sie davon abhalten. Außerdem würde er auf gar keinen Fall zum Mond fliegen!
Als er den weichen Waldboden wieder unter seinen Tatzen spürte, wollte er Fred dessen irrwitzige Mondreise ausreden. Doch der Fuchs ließ ihn gar nicht zu Wort kommen und begann sofort, den massigen Körper des Bären zu vermessen.

"Respekt, Brumm! Du hast ganz ordentlich zugelegt", staunte der Fuchs über Brumms Leibesfülle.
"Hm, mein Fell ist ein bisschen voluminös geworden", bestätigte der Bär. "Ist mir auch schon aufgefallen. Das liegt wahrscheinlich am Klimawandel. Da kann ich absolut gar nichts machen. Selbst wenn ich wollte."
Da musste der Fuchs lachen: "Nein, nein. Das, was ich meine, ist kein Fell. Das ist ein Speckmantel!" Und wie zum Beweis versank Fred bis zu den Schulterblättern in Brumms massigem Bauch, dabei verhedderte er sich im Maßband.
"Ach, das meinst du. Das ist nur, weil ich immer so viele Vitamine essen muss! Kati besteht darauf."
"Aha", quittierte Fred Brumms Erklärung und rief dem Hasen die genommenen Maße des Bären zu.

Hansi notierte sie sehr korrekt auf einem Zettel. So richtig klar war dem Hasen allerdings noch nicht, was mit dem Zettel zu geschehen hatte. Sie würden mit den Maßen anschließend wahrscheinlich nicht in einen Herrenausstatter gehen können und einen Anzug für Brumm kaufen. Aber der Fuchs hat bestimmt schon eine Idee, dachte Hansi und schrieb weiter die Zahlen auf, die Fred ihm zurief.

"So, das hätten wir", sagte der Fuchs schließlich und wollte zufrieden das Bandmaß einrollen.
"Aber sollten wir nicht auch Brumms Kopf vermessen? So ein Raumfahreranzug hat ja auch einen Helm, nicht wahr?", widersprach Schafi und kicherte dabei.
"Aber natürlich!", rief Fred und schlug sich die Pfote gegen die Stirn. "Was bin ich nur für ein Esel?!"
"Was willst du denn damit sagen?", fragte Herr Esel sofort und nicht gerade freundlich nach.
"Ach nichts", antwortete Fred und begann, das Bandmaß um Brumms Kopf zu legen. "Was man eben manchmal so für dummes Zeug daher redet." Dann rief er dem Hasen das Maß von Brumms Kopfumfang zu und sagte lächelnd zu Brumm: "Fertig! Jetzt kannst du nach Hause gehen, es ist Abendbrotzeit und du hast bestimmt schon großen Hunger."

"Stimmt", bestätigte Brumm. "Woher du das nur immer weißt?"
Der Bär wünschte seinen Freunden einen schönen Abend und begab sich nach diesem aufregenden Nachmittag schnell nach Hause zu seinem lieben Eichhörnchen.

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12

Als Brumm außer Hörweite war, fragte Hansi, wie es nun weitergehen sollte. Fred antwortete mit gesenkter Stimme: "Das weiß ich auch noch nicht. Aber die erste Hürde haben wir übersprungen und besitzen nun Brumms Maße. Überlegt heute Nacht noch ein bisschen und morgen treffen wir uns nach dem Frühstück bei mir. Dann besprechen wir das weitere Vorgehen, wie wir einen Anzug für den Bären organisieren können. Codename 'Operation Beschaffung'. Und kein Wort zu Brumm, hört ihr!" Die Freunde nickten mit ernsten Minen und gingen auseinander.

Und als der Fuchs, nun auch im Gehen begriffen, sich noch einmal umdrehte, sah er Brumm hinter der Wegbiegung verschwinden. So ein Glückspilz, dachte Fred. Und ein bisschen beneidete er den Bären um dessen schönes Leben. Aber der Bär wiederum empfand sein Leben in diesem Moment gar nicht so schön. Er musste unbedingt mit seiner Kati über Freds absonderlichen Plan sprechen. Zum Mond fliegen! Und der Bär sollte als Rettungskommando dienen und im schlimmsten Fall zu Hilfe kommen.
Auf den Mond! Nein, nein, schüttelte der Bär wiederholt seinen zotteligen Kopf. Soviel stand fest: Brumm würde es niemals zulassen, dass seine Freunde sich einer solchen Gefahr aussetzten!

Nur seltsam, sagte Kati, als Brumm ihr nach dem Abendessen von den jüngsten Ereignissen erzählte, dass ausgerechnet der Fuchs, der klügste von allen hier im Wald, so eine verrückte Idee haben sollte. Der war doch sonst so besonnen! Nein, da musste mehr dahinter stecken. Offensichtlich hatte Fred Brumm nicht die ganze Geschichte erzählt. Oder hatte Brumm vielleicht nicht richtig zugehört? Auf jeden Fall aber verbot sie Brumm unter Androhung der allerschlimmsten Strafe - nie wieder Schokoladenpudding für ihn zuzubereiten - sich an Freds neuester Unternehmung zu beteiligen.

Ob er schon vergessen habe, wie es ihm damals im Flugzeug auf dem Weg zum Nordpol ergangen war? Der Flug in einer Raumkapsel ist dagegen noch tausendmal schlimmer. Mindestens. Und überhaupt! So kurz vor der Hochzeit! Was Fred sich manchmal so ausdachte! Und um sich ein wenig abzulenken, schaltete Kati das Fernsehgerät ein und versank augenblicklich in einer bunten Bilderflut, in der ein abgewohnter Wohnkobel bis zum Ende der Sendung in eine wahre Traumresidenz verwandelt wurde. Oh wie schön! So wollte Kati auch gern wohnen.

Brumm war unterdessen ins Bett gegangen. Aber er fand keinen Schlaf nach der Aufregung dieses Tages. Was wohl Leni dazu sagte, wenn sie erführe, dass sich ihr geliebter Herr Esel an der Schnapsidee des Fuchses beteiligte und sich solch großer Gefahr aussetzte? Und nun wusste Brumm, was zu tun war: Er musste sich Verbündete suchen, die den Fuchs von seinem Plan abbrachten. Was auch immer der auf dem Mond wollte - Brumm müsste zunächst Frau Hase informieren. Die würde Hansi die Teilnahme verbieten. Ganz sicher! Dann müsste er mit Leni sprechen. Die würde dem Herrn Esel bestimmt die passenden Takte sagen und dann wäre vom Quartett der Raumfahrer nur noch ein Duo übrig. Schafi ließ sich bestimmt von Kati überzeugen, nicht an dieser törichten Aktion teilzunehmen. Auf das Eichhörnchen hörte Schafi. Bliebe noch der Fuchs. Dem könnte man zur Not von hinten eins mit der Pfanne... und wenn er wieder aufwacht, erzähle ich ihm, dass er alles nur geträumt hatte.
-Die Kopfschmerzen? Ja, ähm... Keine Ahnung wo du die wieder herhast. Wahrscheinlich irgendwo gestoßen. Und so schlief Brumm endlich ein.

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13

Am nächsten Morgen trafen sich die Freunde wie vereinbart und unter aller größter Geheimhaltung in Freds Büro. Schafi und Herr Esel schlichen sich in aller Herrgottsfrühe unbemerkt aus ihrem Stall, und auch der Hase schaffte es, ohne dass seine Frau aus dem Schlaf fuhr, aus dem Bau zu entwischen und pünktlich bei Fred zu erscheinen.

"Ihr wisst, warum wir hier sind?", fragte Fred und bot seinen Gästen Platz am großen Konferenztisch an. Erwartungsfrohes Nicken.
Dann setzten sie sich und blickten einander an, darauf wartend, dass einer von ihnen den ultimativen Plan zur Anzugbeschaffung vortrug.
Doch leider, leider... nichts. Selbst der Fuchs schien keine Idee zu haben und pfiff gedankenversunken leise vor sich hin.

"Gut", brach der Hase schließlich das Schweigen, weil ihm die Warterei zu langweilig wurde. "Jetzt haben wir Brumms Maße, aber was machen wir damit?" Fragend sah Hansi seine Freunde an.
Schafi schüttelte unwirsch mit dem Kopf. Beinahe war ihm eine tolle Idee gekommen, hätte der Hase doch nur nicht Schafis überlegungen mit seinem Geplapper gestört!

"Warte!", zischte das Schaf den Hasen an. Es schloss die Augen und konzentrierte sich so sehr es nur konnte. Dann ließ er seinen Gedanken freien Lauf: "Ein berühmter Verwandter von mir, ein gewisser Shawn, übrigens bekannt aus Funk und Fernsehen, verkleidet sich gern als Mensch und fährt dann mit dem Bus in die Stadt. Dort kauft er Pizza für seine Freunde und bezahlt mit Knöpfen. Vielleicht können wir ja Brumms Hochzeitsanzug in der Stadt mit Knöpfen kaufen? Wir müssten uns nur verkleiden."

"Quatsch", warf der Fuchs ein. "Wir können nicht einfach in die Stadt fahren. Die meisten von uns wagen sich nicht mal bis zur Siedlung, die inzwischen immer näher an unseren Wald herangewachsen ist."
Die Freunde stimmten dem Fuchs zu. Also musste ein anderer Plan gefunden werden. Und so saßen sie also wieder schweigend da und überlegten angestrengt.

Plötzlich wurde Hansi unruhig. Eine verwegene Idee stieg in ihm auf. Sollte das tatsächlich funktionieren? Seine Gedanken abwägend, musterte er die anderen. Und wenn sie ihn auslachten?
Dem Hasen stand das Gemüt nach einem Abenteuer, nach einer richtigen Heldentat. Es war mal wieder an der Zeit. Es musste ja nicht unbedingt darin gipfeln, hinter Brumms mächtigem Körper versteckt abzuwarten, bis der Bär die Wölfe verjagt hatte. Aber so gefährlich war sein Plan ja auch nicht, dass es auf Leben und Tod gehen könnte. Es würde aufregend, ja. Vielleicht auch nicht ganz ungefährlich, aber es war ein Plan für richtig große Jungs. Und da Hansi im vergangenen Jahr familienbedingt nur wenig zur Befreiung der neuen Freunde aus dem Zirkus beitragen konnte, wollte er nun seinen Anteil zur 'Operation Beschaffung' beisteuern. Noch zweifelte er ein bisschen...

"Hansi, was hast du?", fragte Fred, dem die Unruhe des Hasen nicht verborgen geblieben war. Musste er nur mal dringend pieseln oder hatte er tatsächlich eine Idee?
Hansi brauchte noch einen Moment. Zögernd begann er: "Wisst ihr, in der Siedlung der Menschen wohnt ein sehr dicker Mann. Also ein wirklich dicker Mann. Und ich frage mich gerade, ob wir..." Und dann sprudelte eine Idee aus ihm heraus, so verwegen und tollkühn, dass seine Freunde vor Überraschung die Augen weit aufrissen und selbst der Fuchs einen Moment brauchte, um zu verstehen, wie brillant der Plan des Hasen war.

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14

Staunend sahen die Freunde den Hasen an. Was für ein Plan! Darauf muss man erst mal kommen! Selbst der Fuchs konnte seine Anerkennung nicht verbergen. In seiner Genialität ist das ja schon fast ein Fuchs-Plan, dachte Fred und fragte sich für einen Moment, ob er Hansi all die Jahre nicht unterschätzt hatte. Dieser kleine Möhrenfresser stiehlt mir doch glatt die Show, dachte der Fuchs erheitert, schob dann aber diesen winzigen Anflug von Eifersucht beiseite. Was zählte, war einzig die Mission!

"Gut, dann machen wir es so", sagte Fred und wies die nächsten Aufgaben zu: "Schafi und Herr Esel, ihr observiert vom Waldrand aus das Objekt."
"Was sollen wir servieren?", fragte Schafi nach.
"Ihr observiert das Objekt", stellte der Fuchs richtig. "Das bedeutet, ihr beobachtet, wann da jemand ist und wann die Luft rein ist für unsere Aktion."
"Ach so", jetzt hatte Schafi verstanden. "Wir sollen die Bude ausbaldowern. Sag das doch gleich!"

Fassungslos verdrehte Fred die Augen. "Ausbaldowern! Ausbaldowern!", ereiferte er sich. "Wenn ich das schon höre! Das riecht ja schon nach Dilettantismus, nach Amateurgehabe, nach... ach, was weiß ich! Profis würden eine solche Operation nie mit 'Ausbaldowern' beginnen! Merk dir das! Und wir sind Profis! Erinnerst du dich noch an die großartig gelungene Befreiungsaktion letzten Sommer? Wie wir die Zirkusleute sauber ausgetrickst haben? Das war professionell! Das war genial! Also..." Fred holte tief Luft: "Ihr zwei observiert das Objekt vom Waldrand aus..." Schafi schüttelte den Kopf und setzte zu einer Erwiderung an, aber Herr Esel, der besänftigend eingreifen wollte, war schneller: "Na gut, dann werden wir das Objekt eben ab-ser-vie-ren." Und lächelte Fred dabei entwaffnend an. Der Fuchs winkte resignierend ab. Er überlegte kurz und verteilte die Aufgaben neu:

"Wir machen es anders. Hansi, du observierst das Objekt, während ich die notwendigen Werkzeuge beschaffe. Herr Esel und Schafi, ihr bleibt bei Brumm und sorgt dafür, dass er uns nicht in die Quere kommt!"
Hansi war begeistert und übte sofort das lautlose anschleichen im Gras. "Beinahe wärst du unsichtbar gewesen. Aber deine aufgestellten Ohren überragen einfach jeden Punkt im Gelände", lachte Schafi. Sofort legte der Hase die Ohren an.

"Hansi", rief nun das Schaf, "Hansi, wo bist du?" und tat so, als könnte es den Hasen, der keine zwei Meter vor ihm durch das Gras robbte, nicht mehr sehen.
"Aber da ist doch der Hase", half Herr Esel. "Keine zwei Meter vor dir. Tritt nicht drauf!" Als Reaktion hielt sich der Hase nun die Augen zu und rief: "Und jetzt? Siehst du mich jetzt immer noch?"
Und in die Geräusche des Waldes mischte sich ein Klang, den die Tiere nie zuvor gehört hatten. Schafi sah zu Fred und dachte, sieh an, Füchse können doch weinen!

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15

Eine Woche später - der Bau des neuen Stalls für Herrn Esel und das Einhorn war ein gutes Stück vorangekommen - trafen sich die Freunde wieder bei Fred, um den finalen Teil ihres Plans zu besprechen.
Zunächst erstattete Herr Esel Bericht: "Weisungsgemäß haben wir die Zeit mit Brumm verbracht und am neuen Stall gearbeitet. Es gab keine besonderen Vorkommnisse, wir haben ihn selbst auf dem Weg zur Toilette nicht aus den Augen gelassen und zusammenfassend kann ich sagen: Der Bär hat nichts bemerkt und kommt uns bei der Ausführung unseres Plans nicht in die Quere!"

"Sehr gut", lobte Fred und wandte sich nun an den Hasen. "Hansi, leg doch bitte deine Observierungserkenntnisse vor."
Der Hase setzte sich in Position, räusperte sich und begann mit einem tiefen "also" seinen Report:
"Ich habe ein Dossier angefertigt. Da steht alles drin. Ich beginne jetzt, daraus vorzulesen." Wichtiger als in diesem Moment hatte sich noch niemals in der Waldgeschichte ein Hase gefühlt. Er kramte wer weiß woher eine Mappe mit der Aufschrift "Streng geheim!" und legte sie vor sich auf den Tisch. Noch einmal räusperte er sich, dann er schlug mit seinen Pfötchen die Mappe auf und begann laut vorzulesen.

"Der dicke Mann bewohnt das vom Waldrand aus gesehen entfernteste Haus in der Siedlung. Das bedeutet, dass wir bei der An- und Abreise kaum Deckung finden werden. Zur Tarnung schlägt der ausführende Observateur vor" - an dieser Stelle unterbrach der Hase - "das bin ich", und zeigte dabei mit dem linken Vorderpfötchen auf sich - "wie Waldtiere aufzutreten, die sich verirrt haben oder auf Futtersuche sind. Dabei sollte aber der Sicherheit wegen stets darauf geachtet werden, dass immer mindestens eine Armlänge Abstand zu eventuell anwesenden Menschen eingehalten wird."

Anerkennend nickten die Freunde; Hansi wartete einen kurzen Moment, dann las er weiter: "Der dicke Mann lebt allein in seinem Haus. Er öffnet jeden Morgen um null sechshundert sein Schlafzimmerfenster, dass an der Ostseite des Hause gelegen ist. Hier befindet sich auch sein Kleiderschrank; er ist mit Schiebetüren verschlossen. Der dicke Mann frühstückt ausgiebig, schließt danach die Fenster und fährt um null siebenhundert mit dem Fahrrad zur Arbeit. Nach knapp 100 m Wegstrecke beginnt er doll zu schwitzen. Gegen siebzehn null null kehrt er zurück, jetzt noch mehr schwitzend. Um achtzehn null null isst er Abendbrot und sieht bis zweiundzwanzig null null fern. Dann geht er schlafen. Am Wochenende ist der Ablauf ganz genau so, nur dass der dicke Mann länger schläft und nicht zur Arbeit fährt."

Noch bevor der Fuchs seine Anerkennung ausdrücken konnte, rief Schafi begeistert: "Das hast du wirklich sehr gut ausbaldowert!" Fred schluckte, zuckte nervös mit den Ohren, dann murmelte er:
"Ausgezeichnet, Hansi!"
Sie besprachen noch eine geraume Zeit das weitere Vorgehen, bis der Fuchs seine Freunde mahnte, sich auf den Heimweg zu begeben und zeitig schlafen zu gehen. Schließlich müsse man an einem so wichtigen Tag wie morgen ausgeruht sein. Die Freunde nickten ernst.
"Dann also morgen früh um null sechshundert! Und seid pünktlich!", ermahnte Fred seine Freunde noch einmal.

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16

Unterdessen war den anderen Waldbewohnern nicht verborgen geblieben, dass der Fuchs mit seinen Freunden etwas im Schilde führte. Was es konkret sein könnte, blieb im Reich der Spekulationen.
Als erstes war der Elster aufgefallen, dass sich der Fuchs mit dem Hasen, dem Schaf und dem Esel neuerdings verdächtig oft traf. Sie verschwanden in Freds Büro und dann waren bei geöffnetem Fenster hin und wieder Satzfragmente zu hören. Vereinzelte Worte: Mond, Brumm, dicker Mann. Ab und an lautes Gelächter.

Zweifellos ein Code für eine streng geheime Ermittlung, zu deren Hilfe der Fuchs seine Freunde herangezogen hatte. Was es damit nur auf sich hat, fragte sich Erika Elster, als sie mal wieder bei Fred am Fenster lauschte. Sie beschloss, die Augen offen zu halten und die Vorgänge weiter zu beobachten. Da sie aber ihren Schnabel nicht halten konnte, dauerte es nicht lange und ein wildes Gerücht machte im Wald die Runde: Angeblich ermittle der Fuchs in einer Erbsache. Oder einem Diebstahl. Jedenfalls ging es um einen dicken Mann, der wohl mondsüchtig sei und Brumm habe auch irgendwie mit der Sache zu tun.

Und so sprach Isabel Igel eines Tages Kati an, ob sie mehr darüber wisse, schließlich sei Brumm ja involviert und vielleicht könnte sie mit den neuen Informationen ihren Webblog befüllen. Die Zugriffszahlen waren in der letzten Zeit rasant gesunken.
Erst wollte das kleine Eichhörnchen seinen Ohren nicht trauen, dann lachte es lauthals los: "Aber Isabel, wie kommst du denn auf so etwas?"

"Erika Elster erzählt die Geschichte überall herum. Da dachte ich, ich frag dich mal."
"Du kennst doch die Elster", wiegelte Kati ab. "Die erzählt viel, wenn der Tag lang ist." Insgeheim aber dachte sie, da muss ich wohl doch noch mal genauer bei Brumm nachfragen. Nicht, dass er mir etwas verschwiegen hat aus Furcht, dass ich mit ihm schimpfen könnte.

Brumm machte sich derweil immer noch große Sorgen wegen der bevorstehenden Mondmission. Zwar hatte sich der Fuchs schon eine ganze Weile nicht mehr bei ihm sehen lassen und auch das Schaf und der Esel, die fleißig mit ihm am neuen Stall gearbeitet hatten, verloren kein Wort mehr über die Sache, aber gerade das machte es ja so verdächtig!
Im Auge des Sturms ist es windstill, kam ihm einer der klugen Sprüche seiner geliebten Tante Bärnadette in den Sinn. Stand er tatsächlich im Auge des Sturms und bemerkte nicht, wie alles um ihn herumwirbelte? Ein schrecklicher Gedanke! Er legte das Werkzeug aus der Hand und beschloss, nach Hause zu gehen.

Plötzlich landete wie aus dem Nichts Sebastian Spatz neben ihm und zwitscherte fröhlich: "Brumm, du glaubst nicht, was ich gerade gehört habe: Angeblich will der Fuchs mit dir in einem gestohlenen Raumschiff zum Mond fliegen. Was ihr beiden dort wollt, variiert je nach dem, wer das Gerücht erzählt." Und der kleine Spatz wollte sich schier ausschütten vor Lachen. Brumm stimmte gequält mit ein.

In diesem Moment kehrten Schafi und Herr Esel zurück, die aus einem wichtigen Grund, über den sie aber nicht sprechen durften, heute Nachmittag die Arbeit am Stall früher beendet hatten.
"Wo kommt ihr denn jetzt her?", fragte Brumm.
Wahrheitsgemäß antwortete Herr Esel: "Vom Fuchs."
"Dürfen wir nicht sagen", fiel Schafi dem Esel ins Wort und sah betreten nach unten. "Leider, leider..."

Jetzt reichte es Brumm endgültig! Gleich morgen wollte er den Fuchs zur Rede stellen und dann muss Schluss sein mit dieser schlimmen Geheimniskrämerei! Ein für allemal! Und trotzig stampfte der Bär mit seiner Hintertatze auf, dass Sebastian Spatz erschrocken aufflog.

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17

"Wollen wir das Einhorn mitnehmen?", fragte das Schaf noch ein wenig benommen, als es von Herrn Esel geweckt wurde. "Schafi, wir müssen los", flüsterte der Esel. Schließlich war heute der große Tag, heute sollte Hansis Plan umgesetzt werden.
"Operation 'Beschaffung', das ist heute!", sagte Herr Esel flüsternd und mit wichtiger Stimme. Er war furchtbar aufgeregt. Zum ersten Mal durfte er Teil einer jener verrückten Aktionen sein, die seine neuen Freunde scheinbar jährlich unternahmen. Zumindest hatte Brumm ihm das eines Abends, als sie gemeinsam mit Kati und Leni auf der großen Wiese lagen und den Sternenhimmel betrachteten, erzählt.

Oh, was die schon alles erlebt hatten! Herrn Esels neue Freunde waren schon am Nordpol, hatten gemeinsam nach Schafis Mama gesucht und einen Nusstortendiebstahl aufgeklärt. Und nicht zu vergessen, ihn selbst und seine Leni aus dem Zirkus befreit! Nun galt es wieder, gemeinsam eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Und er war Teil dieser Gemeinschaft! Entsprechend unruhig hatte das Eselchen geschlafen. Als die ersten rötlichen Streifen der Morgensonne am Himmel über dem Wald sichtbar wurden, verließ der Esel vorsichtig sein Nachtlager und weckte das Schaf.

"Wollen wir das Einhorn mitnehmen?", fragte das Schaf noch einmal.
"Ach", antwortete flüsternd der Esel. "Lieber nicht. Leni hat es nicht so mit dem Einbrechen. Aber sie mag Kosmetik und Schmuck."
"Aha", quittierte das Schaf und versuchte gar nicht erst, etwas logisches in Herrn Esels Antwort zu finden. Dann machten sie sich auf den Weg.
Am Waldrand, von dem man die Siedlung schon recht gut erkennen konnte, warteten bereits Fred und Hansi auf sie. Nun mussten die Freunde das schützende Dickicht des Waldes verlassen und folgten hintereinander her laufend der Ringstraße zum Haus des dicken Mannes.

Rentnerin Erna B. hatte schlecht geschlafen. Wie nahezu jede Nacht war sie gegen vier Uhr aufgewacht und lag nun schon seit beinahe zwei Stunden hellwach in ihrem Bett, drehte sich von einer Seite zur anderen, in der Hoffnung, wieder einschlafen zu können, doch es half nichts. Kurz vor sechs Uhr beschloss sie seufzend, aufzustehen. Wird ja doch nichts mehr...

Sie öffnete das Fenster ihres Schlafzimmers und - erstarrte. Was war das? Die alte Frau wollte ihren Augen nicht trauen. Mitten auf der Ringstraße, die um die Siedlung führte, lief ein Fuchs, dahinter ein Hase, gefolgt von einem Schaf und einem Esel. Sie stützte sich auf die Fensterbank und wollte nicht glauben, was sie sah. Hatte ihr das Schaf nicht sogar zugewunken? Ungläubig schüttelte die alte Frau den Kopf. Ob vielleicht der Kräuterlikör, den sie allabendlich als Einschlafhilfe verwendete, ihr Sehvermögen beeinträchtigt hatte?

Unmöglich, dachte Erna B. Schließlich verwendete sie den Likör ja als Medizin und beinahe in homöopathischen Dosen und noch nie hatte sie gehört, dass Kräuterprodukte oder ganz allgemein homöopathische Erzeugnisse Nebenwirkungen haben könnten. Doch um ganz sicher zu gehen, lief sie zu ihrem Nachtschränkchen und setzte die dort während des Schlafens abgelegte Brille auf. Sie eilte zum Fenster zurück und sah - nichts. Kein Fuchs, kein Hase, kein winkendes Schaf, kein Esel.

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18

Angeführt vom Fuchs, folgten die Freunde dem Verlauf der schmalen Straße, die um die Siedlung führte. Fred war ein wenig mulmig zumute, ohne jede Deckung so nahe an den Häusern der Menschen zu sein, doch der Hase beruhigte ihn. Zu so früher Stunde drohte von den Menschen meist keine Gefahr.

"Du hast gut reden", flüsterte der Fuchs. "Du bist ein Hase, dich mögen die Menschen. Man kann dich aus der Ferne leicht mit einem Hund verwechseln, der Männchen macht. Aber ich bin ein Fuchs und ohne Deckung als solcher immer gut zu erkennen. Außerdem mögen mich die Menschen nicht besonders. Wahrscheinlich beneiden sie mich um meine Klugheit."

"Keine Sorge, Fred. Wir haben es gleich geschafft", beruhigte Hansi den Fuchs. "Es ist jetzt nicht mehr weit bis zum Haus des dicken Mannes, da vorn ist es schon."
In diesem Moment erschreckte sich das Schaf fürchterlich. An dem Haus, an welchem der seltsame Aufzug soeben vorbei lief, wurde ein Fenster geöffnet, aus welchem eine alte Frau ungläubig auf die vier Freunde sah.
Oje, durchfuhr es Schafi, was die alte Frau wohl denken mag, wenn sie uns hier so sieht? Was würde ich an ihrer Stelle denken, würde ich vor meinen geöffneten Stallfenster plötzlich vier alte, graue Menschen den Weg entlang gehen sehen? Die haben sich bestimmt verlaufen, dachte das Schaf, würde es denken, wäre es die Rentnerin da am Fenster. Das entsprach exakt der Legende, die sich der Hase für sie ausgedacht hatte. So stand es auch in seinem Observierungsbericht, und da stand schließlich alles drin, was der Hase beim Ausbaldowern des Hauses gesehen hatte.

Um aber ganz sicher zu gehen, dass wirklich keine Gefahr drohte, prüfte Schafi wie von Hansi Hase empfohlen, ob der erforderliche Mindestabstand von einer Armlänge gegeben war. So streckte es also seinen rechten Vorderlauf ein wenig unbeholfen aus, machte ihn kerzengerade und nickte dann zufrieden. Inzwischen war die alte Frau aber nicht mehr am Fenster zu sehen und schnell hatten die Freunde das Haus passiert.

Merkwürdig, dachte die Rentnerin, als sie mit ihrer Brille zum Fenster zurückgekehrt war! Verwundert schüttelte sie den Kopf. Was war das denn? Um der Sache auf den Grund zu gehen, beschloss Erna B., ehemalige Krankenschwester im städtischen Klinikum, einen Selbstversuch: Sie holte das große Jagdbuch ihres verstorbenen Mannes aus dem Bücherregal im Wohnzimmer, schlug es auf und sah prächtige Fotos eines Hirsches mit einem imposanten Geweih. Auf ihren Notizblock, der sonst als Erinnerungsstütze für zu erledigende Besorgungen diente, schrieb sie mit von der Aufregung noch zitternder Hand: 6.04 Uhr, Hirsch.

Dann goss sie sich einen Kräuterlikör ein, trank das Glas in einem Zug aus und starrte unablässig auf das Foto. Schließlich ergänzte sie ihre Aufzeichnung: 6.05 Uhr, ein Kräuterschnaps. Hirsch klar zu erkennen.
Geduldig wartete sie, bis der Minutenzeiger ihrer Armbanduhr die Zehn erreicht hatte. Nun goss sie sich ein zweites Glas Likör ein und trank es aus. Sie notierte: 6.10 Uhr, zweiter Kräuterschnaps. Hirsch klar zu erkennen.
Um exakt 7.00 Uhr schlief die Rentnerin mit dem Kopf auf dem Tisch ein. Die letzte Notiz ihres Experimentes lautete: 6.55 Uhr, fünfter Schnaps, übelkeit, Hirsch beginnt zu winken. - Voilá!

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19

Endlich hatten sie das Haus des dicken Mannes erreicht. Sie versteckten sich so gut es ging hinter der Hecke und warteten darauf, dass die Zielperson das Haus verließ.
Als der dicke Mann dann endlich auf seinem Fahrrad zur Arbeit fuhr, wurde es ernst: Der Fuchs mahnte zu äußerster Konzentration, damit jeder seine Aufgabe zu 100 Prozent erfüllen konnte. Er kramte aus der Tasche, die der Esel um den Hals getragen hatte, die benötigten Utensilien hervor und teilte dann Schafi und Herrn Esel als Wachen ein.

"Herr Esel, du übernimmst die Vorderfront und warnst uns, falls der dicke Mann überraschend zurückkommen sollte." Herr Esel nickte ernst und blieb hinter der Hecke liegen, die das Grundstück zur Straße hin abschirmte.
"Schafi, du beobachtest den Garten und meldest dich, sollte uns von der rückwärtigen Seite des Hauses Gefahr drohen." Und während sich Fred und Hansi an der Terrassentür des Hauses zu schaffen machten, trottete das Schaf gemütlich in den hinteren Teil des Grundstückes und begann zu Grasen.
Was kann schon unauffälliger sein, als ein Pflanzenfresser, der auf einer Wiese steht und sich am leckeren Grün labt, dachte Schafi und freute sich, ganz offensichtlich die bestmögliche Tarnung für seine Aufgabe gefunden zu haben. Wer soll da schon Verdacht schöpfen? Anpassungsfähig wie ein Aal, dachte Schafi zufrieden. Oder war es ein Chamäleon? Egal. Gesagt, getan!

So begann Schafi also zu grasen und dachte noch, so ein schöner Morgen und die Aktion läuft auch ziemlich entspannt, als es einen vertrauten Geschmack auf seiner Zunge wahrnahm. Was war das? So lecker, so fruchtig, so... bewusstseinserweiternd? Sauerampfer! Und zwar in rauhen Mengen! Halleluja! Der dicke Mann wusste, wie man Gäste bewirtet, dachte Schafi voller Anerkennung und gab sich ganz dem unerwarteten Genuss hin.

Unterdessen werkelte der Fuchs, gedeckt vom Hasen, konzentriert an der Terrassentür. Noch ein letzter Handgriff, dann war es dem Fuchs gelungen, die Tür zu öffnen. Zielstrebig begab er sich gemeinsam mit Hansi Hase ins obere Stockwerk, wo sie das Schlafzimmer wussten.
Schnell öffneten sie den großen Schrank und durchwühlten ihn, bis sie fündig wurden: Ein riesiger, wunderschöner schwarzer Frack, eingehüllt in einen durchsichtigen Stoff, der sich seltsam anfühlte, hing auf einem Kleiderbügel, der wiederum auf unbekannte Art mit dem Kleidungsstück verbunden schien. Der dicke Mann musste ihn nach dem letzten Tragen offensichtlich in die Reinigung gegeben haben.

"Perfekt! Genau danach hatte ich gesucht", murmelte Fred zufrieden. Sie zerrten ihre Beute aus dem Schrank und vermaßen sie. Erfreut lächelte der Fuchs. Noch ein letzter, prüfender Blick darauf - "Hm, dürfte dem Bären passen".
Plötzlich durchschnitt ein schrilles Geräusch die Stille im Haus. Panisch flüchteten Fred und Hansi unter das Bett des dicken Mannes.

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20

Herr Esel lag geduckt hinter der Hecke, als er ein sich schnell näherndes Brummen vernahm. Er konnte durch die dicht bewachsene Hecke leider nur schemenhaft sehen, was sich auf der Straße tat. Er erkannte ein dunkles Lieferfahrzeug, dass vor dem Haus des dicken Mannes hielt. Der Esel hörte das Klappen einer Autotür, ein paar Schritte hin zur Klingel, es folgte ein unangenehmes Schrillen, dann - Nichts.

Schließlich ein paar Schimpfworte, die der Esel nicht verstand, dann ein hohes, sich schnell näherndes Sirren, gefolgt von einem plötzlichen Schmerz an der Stirn. Herr Esel hatte so eben ein Amazon-Paket an den Kopf geworfen bekommen. Gleich darauf fuhr das Auto weiter. Als es nicht mehr zu hören war, begann der Esel leise zu jammern.

Fred hatte sich schließlich wieder unter dem Bett hervorgetraut und schaute, gedeckt von der Gardine, aus dem Fenster. Er sah einen Lieferwagen vor dem Haus des dicken Mannes, der in diesem Moment abfuhr.
"Die Luft ist rein", rief er Hansi zu und begann, den Frack so gut es ging zusammenzurollen, damit er besser zu transportieren war. Kaum war der Hase unter dem Bett hervor gekommen, um dem Fuchs behilflich zu sein, durchschnitt zum zweiten Mal ein sehr unangenehmes Schrillen die Stille dieses friedlichen Morgens. Wie vom Blitz getroffen flohen Fuchs und Hase erneut unter das Bett.

Herr Esel lag hinter der Hecke und wagte nicht zu atmen. Er kannte dieses Geräusch eines sich nähernden Autos. Und auch dieses hielt direkt vor dem Haus des dicken Mannes. Eine Autotür öffnete sich, Schritte hin zur Klingel, dann wieder das schrille Geräusch. Stille.
Schließlich vernahm das Eselchen die Stimme eines Menschen, aber er verstand die Worte nicht:
"Verflixt und zugenäht! Verstehe einer die Leute! Bestellen sonstwas und sind dann tagsüber nicht zu Hause!" Dann ein hohes, sich schnell näherndes Sirren - auch dieses Geräusch kannte der Esel inzwischen und schloss voll unguter Erwartung die Augen: Bumm! Nun spürte er einen weiteren dumpfen Schmerz an der Stirn. Das Auto fuhr davon, aber das hörte der arme Esel schon nicht mehr, nach dem er nun auch noch von einem DHL-Paket am Kopf getroffen worden war.

Als Hansi und Fred aus dem Haus des dicken Mannes zum Eselchen zurückkehrten, trauten sie ihren Augen nicht. Der Esel lag bewusstlos hinter der Hecke, hatte zwei große Beulen am Kopf und neben ihm lagen zwei Pakete im Gras. Der Fuchs zählte zwei und zwei zusammen. So ein Pech aber auch, dachte Fred bedauernd und rüttelte den Esel solange, bis dieser wieder die Augen öffnete.

"Wirst du den Rückweg schaffen?", fragte Hansi besorgt. Der Esel nickte tapfer. Und während Fred die Beute in Herrn Esels großer Tasche verstaute, holte der Hase das Schaf aus dem Garten... Wollte der Hase das Schaf aus dem Garten holen. Aber Schafi reagierte nicht auf Hansis Worte, dass es nun Zeit für den Heimweg sei.
Schafi schlief. Tief und fest, wie sich der hinzugerufene Fuchs überzeugen musste.

"Und nun?" Ratlos sahen sich Hansi und Fred an.
"Ich verstehe das nicht!", murmelte der Fuchs, dann sah er die übriggebliebenen Sauerampferstengel auf der Wiese. Und er verstand.

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21

Mit übermenschlicher Anstrengung... Aber kann man dieses Adjektiv überhaupt verwenden, um die folgende Szene zu beschreiben? Ein Fuchs, ein Hase und ein Esel, dieser beeinträchtigt durch zwei Beulen und starken Kopfschmerzen, versuchten, ein unter massivem Sauerampfereinfluss stehendes Schaf - na ja, im Grunde stand es nicht, sondern lag auf dem Rasen im Garten des dicken Mannes - mit letzter Kraft quer und bäuchlings auf den Rücken des Esels zu hieven. Als es endlich unter großer Mühe geschafft war, traten sie den Heimweg an.

Fred mahnte zur Eile und schlug ein ordentliches Tempo an. Bloß schnell zurück in den schützenden Wald! Der Hase hoppelte mühelos hinterher. Nach wenigen Metern aber rief der von Kopfschmerzen geplagte Esel: "Ich kann nicht so schnell!"
"Wieso?", fragte der Hase. "Ist Schafi zu schwer?"
"Zu schwer nicht", gab Herr Esel zurück, "aber zu warm. Mir ist, als hätte ich ein Schaffell auf dem Rücken."
"Hast du ja auch", bestätigte der Fuchs. "Komm schnell, wenigstens bis wir wieder im Wald sind. Dann machen wir eine Pause, ja?"

Nun erwachte ausgerechnet in diesem Moment das Schaf aus seinem Sauerampferdelirium. Wie der Zufall es will, spielte sich die Szene direkt vor dem Haus der Rentnerin Erna B. ab. Sie war in diesem Augenblick aus ihrem Kräuterlikörrausch erwacht und beschloss, sich ins Bett zu legen. Sie fühlte sich nach ihrem Kräuterlikör-Experiment ein wenig unwohl. Zuvor schloss sie das Schlafzimmerfenster und erstarrte. Da waren sie wieder! Ein Fuchs, ein Hase und ein Schaf quer auf dem Rücken eines Esels liegend. Unmöglich!

Schafi wurde also wach und sah im Haus gegenüber an einem Fenster wieder die alte Frau. Zur Sicherheit prüfte es noch einmal den vom Hasen empfohlenen Sicherheitsabstand, das rechte Vorderläufchen wollte jedoch nicht so ganz gehorchen und zuckte wie zu einer imaginären Breakdance-Melodie, dann glitt das Schaf sanft zurück ins Reich der Sauerampferträume.

"Ich kann euch sehen", hauchte Erna B. trunken vom Alkohol und schloss resignierend das Fenster. Jetzt schien ihr das Schaf auch noch zu winken! Vor Schreck zog sie die Vorhänge zu. Tief in ihrem Inneren wusste die alte Frau, dass das alles gar nicht stattgefunden haben konnte. Und trotzdem... Hatte sie je in ihrem Leben unter Halluzinationen gelitten? Nein, sie konnte sich nicht an einen Vorfall wie diesen erinnern. Dann gab es nur eine Erklärung: Der Kräuterschnaps war schuld! Nie wieder Alkohol, dachte Erna B. und beschloss, eine kühle Dusche zu nehmen. Das würde ihr jetzt sicher gut tun. Gibt so Tage, dachte sie und begab sich also ins Bad im Erdgeschoss.

Die Freunde wollten gerade weitergehen, da stutzte Fred. Moment mal, dachte der Fuchs. War dieser Stoff nicht exakt das genaue Ebenbild dessen, was das Eichhörnchen jedes Mal entzückte, wenn sie in ihrer Lieblingssendung den Menschen zusah, die sich Hochzeitskleider aus eben diesem Stoff aussuchten? Brumm hatte es ihm genau beschrieben, als er sich wieder einmal bei ihm über die Fernsehsucht seiner lieben Kati beschwert hatte. Und hier hängt dieser Stoff einfach so vor dem Fenster und wird nicht gebraucht, dachte der Fuchs fassungslos. Kurz entschlossen bat er seine Freunde zu warten, dann zwängte sich Fred durch das angekippte Fenster im Erdgeschoss. Was tut man nicht alles für das junge Glück, dachte der Fuchs und machte sich so klein er nur konnte, um sich durch den schmalen Fensterspalt zu zwängen.

Ha, immer noch beweglich wie ein junger Fuchs, sagte Fred begeistert zu sich selbst, als er mit der Schnauze die Barriere überwunden hatte. Er versuchte, seinen Körper durch den schmalen Spalt zu zwängen, aber es gelang nicht. Verdammt eng! Puh! Hoffentlich breche ich mir keine Rippen, dachte Fred besorgt.
Er stellte das Atmen ein und wand und drehte sich hin und her. Leider vergebens. Langsam wird die Luft knapp, dachte Fred und versuchte, ruhig zu bleiben. Mit aller Kraft kämpfte er sich durch den engen Spalt des angekippten Fensters und fiel in vollem Schwung kopfüber in den Raum.

In diesem Moment betrat Erna B. das Badezimmer und traute ihren Augen nicht. Ein rotes Etwas war auf dem gefliesten Fußboden gelandet und verdichtete sich in Sekundenbruchteilen zu einem klaren Bild. Als die alte Frau realisierte, was sie da sah, entwich ihrer Kehle ein Mark erschütternder Schrei.
Erschrocken schnappte Fred nach dem kostbaren Stoff, hielt ihn fest in der Schnauze und sprang mit einem beherzten Satz zurück auf die Fensterbank und zwängte sich anschließend mit viel Mühe und unter Aufbringung all seiner Kräfte durch das gekippte Fenster nach draußen.

Erna B.s Puls raste. Das konnten unmöglich Halluzinationen sein! Sie hätte schwören können, dass ihr soeben ein Fuchs die Scheibengardine von ihrem Badezimmerfenster gestohlen hatte.

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22

Endlich lag die Siedlung der Menschen hinter ihnen. Die Freunde hatten den schützenden Wald erreicht und verschnauften.
"Was war das denn eben?", wollte Hansi vom Fuchs wissen und deutete auf den Stoff, den Fred noch immer in der Schnauze trug.
"Das wird Katis Hochzeitskleid. Was wird sie für Augen machen! Allein dafür hat sich die Mühe gelohnt!", sagte Fred und begann, den kostbaren Stoff in der Tasche, die Herr Esel um den Hals trug, zu verstauen. Hansi nickte und klopfte dem Fuchs anerkennend auf die Schulter. Dieser verbarg die Schmerzen, so gut er nur konnte.

Dann glitt Hansis Blick über die Beulen am Kopf des Herrn Esel und dann zum Schaf, das schwer atmend quer auf Eselchens Rücken lag. "Ich schätze, es wird 'ne Weile dauern, bis alle wieder auf dem Damm sind."
"Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut", scherzte Fred, die Schmerzen in seinem Brustkorb ignorierend, dann machten sie sich in gemütlichem Tempo auf den Heimweg. Jetzt eilte nichts mehr. Nur noch nach Hause kommen. Und so schleppten sich die Helden heimwärts.

Brumm wollte wie jeden Tag am neuen Stall arbeiten und Schafi und Herrn Esel wecken, aber sie waren nicht zu Hause. Leni wusste auch nicht, wohin sie gegangen waren: "Als ich aufwachte, waren sie schon fort."
Verstimmt begann der Bär am Stall zu werkeln, als er plötzlich Stimmen hörte. Neugierig drehte er sich um und um ein Haar wäre ihm beinahe der Hammer aus der Pfote gefallen. Neugierig betrachtete er die seltsame Karawane, die sich ihm auf dem Waldweg näherte. Der Fuchs schleppte sich ihm müde und unter Schmerzen entgegen. Der Hase hoppelte leichtfüßig hinterher. Herr Esel aber machte einen arg ramponierten Eindruck und hatte zudem auf seinem Rücken noch das - offensichtlich bewusstlose - Schaf aufgeladen.

"Herr Esel, du hast da was auf dem Rücken", rief Brumm dem Esel zu. Der schüttelte sich erschrocken und um ein Haar wäre das Schaf heruntergefallen. Dann besann sich Herr Esel. "Ach so, du meinst Schafi. Ja, das ist schon in Ordnung."
"Glaub ich nicht", zweifelte Brumm. "So wie ihr ausseht, ist eure Mondmission gescheitert. Ihr seid gleich wieder runter gefallen. Stimmt's?", mutmaßte der Bär.
"Wir waren nicht auf dem Mond", stellte Fred mit müder Stimme richtig. "Und keine Sorge, Brumm, du musst da auch nicht hin. Den Rest erzählen wir dir morgen, wenn wir dich zu deinem Junggesellenabschied abholen. Aber jetzt müssen wir erst mal nach Hause und uns ein bisschen ausruhen."

Gemeinsam legten sie das Schaf vorsichtig in den Stall. Nun musste es nur noch seinen Sauerampferrausch ausschlafen. Leni aber erschreckte sich sehr, als sie die Beulen am Kopf ihres lieben Herrn Esel sah und begann sofort, die Blessuren zu versorgen.
Fred und Hansi verabschiedeten sich von einem sichtlich verwirrten Brumm, dem nicht klar war, weshalb seine Freunde so ramponiert waren, in dessen Kopf sich aber Freds Worte festgesetzt hatten: "Keine Sorge, Brumm, du musst da auch nicht hin." Erleichtert, dass die Mondmission offensichtlich abgesagt war, gab der Bär sich einen Tag frei und ging, vergnügt ein fröhliches Lied vor sich hin brummend, nach Hause zu seinem geliebten Eichhörnchen.

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23

Kati räumte gerade das Frühstücksgeschirr vom Tisch, als es am Höhlenkobel klopfte. Überrascht hob der Bär den Kopf. Wer konnte das sein um diese Uhrzeit?
Das kleine Eichhörnchen öffnete die Tür. Draußen standen Fred, Hansi, das noch ein wenig benommene Schaf und Herr Esel.
"Hier meine liebe Kati", sagte Fred und übergab dem Eichhörnchen ein mit einer prächtigen Schleife verziertes Päckchen. Frau Hase hatte sich wirklich große Mühe gegeben, Katis Hochzeitskleid hübsch zu verpacken.

"Es ist unser Hochzeitsgeschenk für dich, aber du kannst es sofort auspacken." Das musste Kati niemand zweimal sagen. Mit einer Schnelligkeit, zu der nur Eichhörnchen fähig sind, öffnete sie das Geschenk und verharrte sprachlos: "Das ist ja... das ist ja... oh wie schön!" Und voller Freude umarmte sie ihre Freunde. "Habt tausend Dank für dieses wunderschöne Hochzeitskleid!"

"Gern", sagte Fred lächelnd und bat Brumm, sich ihnen anzuschließen. "Junggesellenabschied, du weißt schon", sagte er und zwinkerte vielsagend mit den Augen. So erhob sich Brumm aus seinem bequemen Sessel und folgte seinen Freunden.
Als sie ein Stück außer Hörweite des Höhlenkobels waren, wandte sich Brumm flüsternd an den Fuchs: "Junggesellenabschied? Was ist das?"
"Das ist ein Brauch, den die Menschen sehr pflegen", antwortete Fred. "Aus Angst, nach der Trauung ein Leben in Unfreiheit und voller Verbote führen zu müssen, betrinken sie sich vor der Hochzeit noch einmal, machen allerhand Unsinn und können sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern."

An Brumms fragendem Blick erkannte Fred, dass der Bär den Sinn des Abschiednehmens vom Junggesellendasein noch nicht verstanden hatte.
"Dann lass es mich anders erklären: Ihr werdet dieses Schicksal nicht teilen, aber wir dachten, wir verbringen noch ein bisschen Zeit mit dir an deinem Lieblingsplatz und feiern unsere Freundschaft, bevor die Hochzeitsvorbereitungen keine Zeit mehr dafür übrig lassen."

Diese Idee gefiel dem Bären und so wanderten sie zu Brumms Lieblingsstelle am Fluss, wo er so gern angelte und an der sie im vergangenen Sommer die Flaschenpost aus dem Wasser gefischt hatten. Aber was lag da im Gras, groß und glänzend und mit einer Schleife geschmückt? "Unser Hochzeitsgeschenk für dich", sagte Hansi. "Wir hoffen, er passt."
In Windeseile hatte Brumm die Verpackung geöffnet und starrte fragend die Freunde an. "Das ist ein Frack, das festlichste Kleidungsstück, dass die Menschen kennen. Wir dachten, es ist gerade gut genug für deine Hochzeit mit Kati."

Und nun erzählten ihm die Freunde die ganze Geschichte. Dass der Flug zum Mond nur ein Ablenkungsmanöver war, um ihn für die Beschaffung des Hochzeitsanzuges vermessen zu können. Dass die Geheimniskrämerei nur dazu diente, um ihn überraschen zu können.
Voller Dankbarkeit sah Brumm seine Freunde an. Dann boxte er Fred in die Schulter. "Du bist mir ja vielleicht ein ganz ausgebuffter Fuchs, du Fuchs!", sagte Brumm voller Anerkennung. Und so verbrachten sie den Rest des Tages am Fluss, alberten herum und erzählten sich lustige Geschichten.

Als Brumm am Abend von den Freunden zurück zum Höhlenkobel gebracht wurde, zeigte er Kati voller stolz den Frack, den Fred, Hansi, Schafi und Herr Esel unter großer Gefahr für ihn organisiert hatten. Dankbar umarmte das Eichhörnchen noch einmal die Freunde.
"Wir sind vielleicht 'ne dolle Truppe!", sagte Hansi voller Rührung und in diesem Wir steckte alles, was es braucht, um bedingungslose Freundschaft und eine große Portion Wagemut mit einem Wort zu beschreiben.

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24

Isabel Igel hatte versprochen, Kati bei der Anprobe ihres Brautkleides behilflich zu sein. Und während Brumm am neuen Stall werkelte, passte Isabel den Stoff an Katis Körper an. Heftete hier ein bisschen, legte dort den Stoff in zwei Falten, nahm prüfend Abstand und nickte zufrieden.
Kati platzte vor Neugier. "Wie seh' ich aus, wie seh' ich aus?", fragte sie und wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten.

"Halte still, warte!", wies Isabel das Eichhörnchen freundlich, aber bestimmt zurecht.
Aber Kati wollte nicht warten. Voller Ungeduld sehnte sie den Moment herbei, sich nun endlich wie die Menschen in ihrer Lieblingsfernsehsendung im großen Spiegel betrachten zu können.
"Hier noch ein bisschen... jetzt halt doch mal still!", sagte Isabel Igel nun sehr energisch und drapierte den überschüssigen Stoff zu einer beeindruckenden Schleppe. "Jetzt", sagte sie und forderte Kati auf, sich dem Spiegel zuzuwenden.

"Oh wie toll!", sagte Kati, als sie sich in ihrem wunderschönen Brautkleid sah. Zwei kleine Tränen kullerten über ihr Gesicht. "Das hast du gut gemacht", sagte sie zu Isabel voller Dankbarkeit und deutete eine Umarmung an. Aber natürlich kommt niemand, der seiner Geisteskraft mächtig ist, auf die Idee, einen Igel zu umarmen. Noch dazu, wenn er ein Brautkleid angezogen hat!

Da landete Erika Elster auf der Fensterbank und beäugte Kati lange. "Oh, ist das komisch!", lachte die Elster schließlich lauthals, als sie Kati in ihrem Brautkleid sah. "Das Eichhörnchen hat sich in einer Gardine verheddert! Oh wie komisch, ha ha ha!"
"Aber Frau Elster! Kati hat ein Brautkleid an, siehst du denn das nicht?", stellte Isabel Igel richtig. "Ich finde, sie ist eine wunderschöne Braut."

"Papperlapp, ich sehe doch, was ich sehe", widersprach die Elster. "Ich sehe ein Eichhörnchen, verheddert in einer Gardine! Oh wie komisch!" Und wieder wollte sie sich ausschütten vor Lachen.
Erst war Kati sprachlos, dann wechselte ihr Gemütszustand zu wütend. Und innerhalb einer Zehntelsekunde zu sehr wütend. Darauf folgte schließlich Eskalationsstufe Eichhörnchen-wütend. Sie packte eine Haselnuss und warf sie der Elster mit voller Wucht an den Kopf. Die flatterte erschrocken davon.
"Also sowas, nein! Das Eichhörnchen hat mich mit Steinen beworfen! Bestimmt habe ich jetzt eine Gehirnerschütterung!", schimpfte sie, während sie das Weite suchte.

"So eine Arschkuh!", begann Kati zu schimpfen und wollte sich partout nicht von Isabel Igel beruhigen lassen. Zur Verdauung von Erika Elsters Taktlosigkeit trank Kati ein ganzes Glas Heidelbeerlikör.
"Die kann mir gestohlen bleiben!", schimpfte das Eichhörnchen und schickte der Elster ein weiteres "Arschkuh!" hinterher. Dann goss sie sich ein weiteres Glas des leckeren Likörs ein.
"Hörst du", rief sie der längst davon geflogenen Elster hinterher, "du kannst mir gestohlen bleiben! Du bist hiermit ganz offiziell von der Hochzeitsfeier ausgeladen! Hörst du?" Und benebelt fügte sie nuschelnd zur Bekräftigung ein weiteres "Arschkuh" hinzu.

"Aber Kati", versuchte Isabel Igel zu schlichten, "sie hat es bestimmt nicht so gemeint. Sie wäre bestimmt sehr traurig, nicht an der Hochzeitsfeier teilnehmen zu dürfen."
"Is mir wumpe!", antwortete Kati, nun vom Heidelbeerlikör arg berauscht. Und um zu unterstreichen, wie wumpe ihr die Elster war, ballte sie ihr Pfötchen zu einer kleinen Faust und drohte in die Richtung, in der die Elster davon geflogen war.
Dann setzte die finale Wirkung des Likörs ein. Der Kopf des Eichhörnchen sank wie in Zeitlupe auf den Tisch, dann fielen Kati die Äuglein zu. Kaum hörbar murmelte sie noch einmal "wumpe!". Dann schlief sie ein.

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25

Es war ein Morgen wie gemalt! Die aufgehende Sonne streichelte die Wipfel der Bäume, die Glockenblumen bimmelten feierlich und stimmten die Waldbewohner auf einen ganz besonderen Tag ein. Die große Wiese, auf der sich die Tiere gelegentlich trafen, wenn es etwas von besonderer Wichtigkeit zu besprechen galt, war feierlich geschmückt: Heute sollte hier die Trauung von Kati und Brumm stattfinden.

Aufgeregt lief der Bär vor dem Höhlenkobel auf und ab. Isabel Igel hatte Brumm vor die Tür geschickt. Sie müsse sich nun um die Braut kümmern und da wäre er nur im Weg. Und außerdem durfte der Bär sein Eichhörnchen vor der Hochzeit nicht in ihrem Kleid sehen. Das war auch so ein komischer Brauch aus der Menschenwelt, wie er sich von Isabel erklären ließ. Also ging er, bereits festlich gekleidet in seinem neuen Frack, unschlüssig vor der Höhle auf und ab. Und dann begab er sich, wie ihm von Isabel geheißen war, zur großen Wiese.

Unterwegs kam ihm seine liebe Tante Bärnadette in den Sinn. Jeden Abend saß sie in ihrem bequemen Sessel dicht am Kamin und bestickte Küchentücher jeglicher Art. Es waren allesamt kleine Kunstwerke und waren gern genommene Geschenke zu jedweden Anlässen. Die Motive ähnelten sich und zeigten Bilder aus dem Leben einer fleißigen Bärin, geschmückt mit teils hoch philosophischen Sprüchen. Zum Beispiel dampfende Teller voll Suppe und darüber die bedeutungsschweren Worte: "Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß' Wasser zur Suppe, heiß' alle willkommen!" Brumm hatte ihr gern beim Sticken zugesehen, wenn er die Ferien bei ihr verbrachte.

Ach Tante Bärnadette, dachte Brumm. Wenn du doch heute bei uns sein könntest! Und das Herz wurde ihm eng. Plötzlich tauchte aus den Tiefen seiner Erinnerung einer jener Sprüche von Bärnadettes gestickten Tüchern auf. Ein Motiv mit einem Eichhörnchen und einem sehr zu Herzen gehenden Spruch, aber Brumm brachte das Bild vor seinem geistigen Auge nicht mehr vollständig zusammen. Na ja, dachte der Bär, ist ja auch schon so lange her.

Nun hatte er die große Wiese erreicht und staunte nicht schlecht: Da warteten bereits all ihre Freunde und tuschelten aufgeregt durcheinander. In der Mitte glaubte Brumm zwei Silhouetten auszumachen, die ihm bekannt vorkamen. Waren das nicht...? Na klar, so eine Überraschung aber auch! Sein Verwandter von Nordpol, Björn, der Eisbär und dessen Kumpel, der Polarfuchs Ragnar, liefen überschwänglich winkend und lachend auf ihn zu. Mit festen Umarmungen feierten sie das Wiedersehen.

"Karl Kranich hat uns hergeflogen", klärte Björn ihn schließlich aus. "Stell dir vor, sein Flugzeug fliegt jetzt mit Solarstrom! Wir haben fast eine Woche bis hier her gebraucht. Aber war schon okay. So haben wir uns besser an die heißen Temperaturen bei euch gewöhnen können."
In diesem Moment verstummte das Stimmengewirr auf der Wiese und verwandelte sich in ein vielfaches, erstauntes Ah und Oh. Neugierig drehte Brumm sich um und wollte nicht glauben, was er sah.

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26

Eine kleine, offene Kutsche, gerade groß genug, dass ein Eichhörnchen bequem in ihr Platz fand, gezogen von zwei Mäusen, kam ihm auf dem Waldweg in gemächlichem Tempo entgegen. Benni Biber hatte sie heimlich gebaut und er fand, sein Hochzeitsgeschenk war ein echtes Meisterstück geworden.
Und wirklich! Wer glaubte, Biber könnten immer nur Bäume annagen, bis sie umfielen und sich zu Dämmen verdichteten, hatte diese filigran gearbeitete Kutsche noch nicht gesehen. Nun erkannte Brumm auch, wer das Hochzeitsgefährt zog: Es waren Pieps und Pups, die Mäusezwillinge, die ja bei Kati und Brumm noch etwas gutzumachen hatten.

Direkt vor dem Bären hielt die Kutsche an und heraus trat das kleine Eichhörnchen in einem wunderschönen Brautkleid.
Brumm stand vor Begeisterung der Mund offen. "Mein kleines liebes Eichhörnchen, wie schön du bist", flüsterte er staunend mit kratziger Stimme und umfasste seine Kati sehr zart und liebevoll. Dann schritten sie gemeinsam zur Trauung.

Direkt in der Mitte der große Wiese stand ein Pavillon, geschmückt mit bunten Wimpelketten. Die hatten Björn und Ragnar vom Nordpol mitgebracht. "Die Menschen aus der Forschungsstation wollten sie verwenden, um die Eislöcher neu zu markieren" erzählte Ragnar. "Da aber inzwischen alle Forscher schon mindestens einmal in ein solches Loch im Eis gefallen sind, müssten sie sich ja langsam mal gemerkt haben, wo die Löcher sind. Da brauchen sie die Wimpelketten ganz bestimmt nicht. Sind doch kluge Leute."

Kati und Brumm durchschritten das Spalier, dass ihre Freunde für sie gebildet hatten, und wurden am Pavillon von Opa Hirsch empfangen. Er würde die Trauung durchführen und begann die Zeremonie mit einer bewegenden Rede. Der alte Hirsch sprach über die Bedeutung von Verlässlichkeit und Fürsorge, aber auch vom Lachen und Tanzen, vom füreinander Dasein, vom Reisen in ferne Wälder und nicht zu vergessen, die sichere Zuflucht in den heimischen Höhlenkobel. Hier fügte Opa Hirsch eine kurze Pause des Schweigens ein.

Er sah den Bären an und fragte ihn: "Brumm, möchtest du die hier anwesende Kati Eichhörnchen zu deinem Eichhörnchen nehmen und dir alle ihre Nussverstecke merken und mit ihr tanzen, bis das letzte Lied verklungen ist? Dann antworte bitte mit 'Ja, ich will!'"
Vor Aufregung hätte sich der Bär beinahe verschluckt. Nun war also der große Moment gekommen! Glücklich sah er sein kleines Eichhörnchen an und sagte mit belegter Stimme: "Ja, ich will."

Opa Hirsch nickte und wandte sich dem Eichhörnchen zu: "Kati, möchtest du den hier anwesenden Brumm Bär zu deinem Bären nehmen und ihm seine Lieblingsspeisen zubereiten und mit ihm tanzen, bis das letzte Lied verklungen ist? Dann antworte bitte mit 'Ja, ich will!'" Und Kati sah ihrem Brumm liebevoll in die Augen und antwortete aufgeregt: "Ja, ich will."

Nun sprach Opa Hirsch die feierlichen Worte: "Was der Wald zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen. So erkläre ich euch nun Kraft meines Amtes als Waldältester zu in der Ehe vereinte Brumm und Kati." Und er wandte sich dem Bären zu: "Du darfst die Braut jetzt küssen."
Und während Kati Brumms Kuss zärtlich erwiderte, zog am Himmel eine Wolke vorüber, die dem freundlich lächelnden Gesicht einer lieben Bärentante aufs Haar glich.

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27

Die Hochzeit des kleinen Eichhörnches mit Brumm, dem Bären, ging in die Waldgeschichte ein. Bis in den neuen Tag hinein feierten die Tiere dieses schöne Ereignis und tanzten zur Musik des Vetters von Herrn Esel, der extra für diesen Auftritt mit seiner Band aus Bremen angereist war.

Den Höhepunkt des Festes aber bildete zweifellos der Auftritt Luciano Bärwarottis, dessen unbeschreiblich schöne Stimme über die große Wiese wehte, sich über die Wipfel der Bäume erhob und schließlich hinüber in die Siedlung schwebte, wo sie noch als ein unbestimmtes Brummen zu vernehmen war. Die Menschen konnten das Geräusch jedoch nicht deuten und schlossen beunruhigt die Fenster.

Auf der großen Wiese feierten die Tiere unbekümmert weiter. Sie wussten nichts von den Sorgen der Menschen. Und selbstverständlich tanzte Brumm seinen ganz persönlichen Bärenfreudentanz. Und wie wir inzwischen wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.
Dann nahm er sein Eichhörnchen in die Arme und drückte es zärtlich an sich. Sie tanzten sehr innig miteinander und sahen sich verliebt in die Augen. Zum Zeichen ihrer Verbundenheit trugen die beiden geflochtene Kränze aus Blumen und frischem Grün auf ihren Köpfen. Die zwei genossen den Moment und waren sich sehr nah.

"Danke", flüsterte Brumm seinem lieben Eichhörnchen ins Ohr.
"Wofür?", erwiderte Kati.
"Für das schöne Leben mit dir, für deine Fürsorge, deine Liebe. Dein Lachen, deine Nähe und..." nun suchte der Bär nach Worten. "...und überhaupt für alles", beendete Brumm den Satz mit seltsam belegter Stimme. Und während der Bär seinem Eichhörnchen voller Liebe in die Augen sah, kamen ihm plötzlich wieder die Worte in den Sinn, die er irgendwann schon einmal gelesen hatte. Es musste schon vor langer, langer Zeit gewesen sein. Ein Motiv mit einem Eichhörnchen und einem sehr zu Herzen gehenden Spruch... Brumm schloss die Augen und konzentrierte sich.

Ja. Jetzt erinnerte er sich wieder. Es war einer jener Abende, an denen er während der Ferien bei seiner Tante Bärnadette zu Gast war. Er lag auf dem Fußboden auf dem Bauch und sah seiner Tante wie so oft beim Sticken zu. Ohne von ihrer Handarbeit aufzusehen, hatte die Tante ihm erklärt, dass jedes dieser Tücher eine alte Bärenweisheit wiedergab. Der kleine Bär verstand nicht, was Tante Bärnadette ihm damit sagen wollte.
"Irgendwann, mein kleiner Brumm", sagte sie lächelnd, "wirst du es verstehen." Sie zeigte ihm das soeben fertig gestellte Tuch. Es war wunderschön. Und wie Brumm nun feststellte, hatte sich die Weissagung jener Stickerei erfüllt.

Auf dem Stoff war ein lächelndes Eichhörnchen zu sehen, das von einem großen Bären liebevoll im Arm gehalten wurde. Darunter stand in geschwungenen Buchstaben: "Das größte, was ein Bär jemals im Leben erreichen kann, ist das Herz eines Eichhörnchens für sich zu gewinnen."

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