Und jetzt sah auch Brumm, was Kati Sekunden vor ihm gesehen hatte: Aus der Richtung des Bereichs, in dem sie die Käfige vermuteten, kam ein Mann gelaufen. Und er schien direkt auf sie zuzukommen. Was nun?
"Ich habe eine Idee", flüsterte Kati und trat aus dem Halbschatten des Zirkuszeltes heraus. Nun war sie für den Mann, der immer näher kam, gut zu sehen.
"Wohin des Wegs, schöne Frau?", sprach er Kati an.
"Ich suche einen Zirkusmitarbeiter, der mir für ein Interview und ein paar Fotos der Artisten zur Verfügung stehen kann."
"Ah, Presse.", folgerte er.
"Ja, ich komme von der Waldzeitung", bestätigte Kati und biss sich vor Schreck auf die Lippe. Waldzeitung! Du liebe Güte! Jetzt drohte doch beinahe alles aufzufliegen und ihr schöner Plan wegen einer einzigen unbedachten äußerung zu scheitern!
"BILD-Zeitung! Hätte nicht gedacht, dass euch das Zirkusleben interessiert", freute sich der Mann.
"Was möchten Sie denn sehen?" Bereitwillig führte er die schöne Journalistin in den Wohnwagenbereich des Zirkusgeländes. Kaum waren sie außer Sichtweite, trat Brumm aus dem Schatten heraus und lief gebückt zu den Käfigen. Sichernd schaute er sich um. Kein Zirkusmitarbeiter weit und breit zu sehen. Flüsternd rief er in die Dunkelheit: "Leni? Horst?" Keine Antwort.
Noch einmal: "Leni? Horst?"
Nun hörte er ein zartes Stimmchen, das "Hier!" rief, gefolgt von einem dunklen Grummeln: "Wer will das wissen?"
So folgte Brumm den Stimmen und gelangte ohne Umwege zum Käfig des Katzenbären und des Einhorns. Auf den ersten Schreck vor dem ihnen unbekannten Menschen, von dem aber offensichtlich keine Gefahr ausging, folgte die natürlichste aller Regungen: "Hast du Weintrauben mitgebracht?", fragte Horst mit großen Augen.
"Leider nicht", antwortete Brumm bedauernd. "Magst du stattdessen vielleicht einen Haselnusskeks? Den hat meine liebe Kati gebacken. Weintrauben wachsen leider nicht in unserem Wald. Wir haben sie gegoogelt. "
Verständnislos sah ihn der Katzenbärenpapa an. "Was habt ihr angekokelt?!"
"Ach entschuldige", und Brumm fasste sich an die Stirn. "Jetzt habe ich doch glatt vergessen, mich vorzustellen: Ich bin Brumm der Bär und ich bin hier, um euch zu befreien."
"Na klar, du bist ein Bär. Sieht doch ein Blinder mit Krückstock", entgegnete Horst und hielt sich den Bauch vor Lachen.
Leni war die Sache nicht geheuer. Sie wich immer weiter zurück und überlegte, ob sie nicht laut nach Hilfe rufen sollte. Erst vor zwei Tagen war ihr lieber Herr Esel und Horsts Sohn Miaubrumm während der Vorstellung entführt worden. Bislang gab es noch keine Lösegeldforderung der Entführer, aber man musste ja immer mit dem Schlimmsten rechnen.
"Wir haben eure Flaschenpost gefunden und versucht, euch zu befreien. Aber leider ist die erste Befreiungsaktion ein bisschen schiefgegangen", begann Brumm zu erklären.
Misstrauisch sah ihn das Einhorn an.
"Wirklich Leni, du kannst mir vertrauen. Wir haben schon Miaubrumm und den Esel befreit."
"Nein?"
"Doch!"
"Oh!", staunte das Einhorn.
"Wirklich", bekräftige Brumm.
"Und wo ist mein Herr Esel jetzt?" wollte Leni wissen.
"Bei mir in der Bärenhöhle und da wartet er auf dich!"
"Nein!"
"Doch!"
"Oh!", staunte das Einhorn nun noch mehr. "Aber wieso in deiner Bärenhöhle, wenn du ein Mensch bist?"
Jetzt musste Brumm kurz überlegen, um eine plausible Antwort gegen zu können: "Ich bin nicht immer ein Mensch. Die meiste Zeit bin ich ein Bär und da fühle ich mich auch am wohlsten. Aber das ist eine lange Geschichte. Erzähl ich euch wann anders, ja?" Nun hatte Brumm offensichtlich das Interesse der beiden Tiere geweckt.
"Wir haben leider nicht viel Zeit, also wollt ihr mir nun folgen?", fragte Brumm und mahnte zur Eile.
"Was haben wir hier schon zu verlieren, wenn wir mit deiner Hilfe unsere Freiheit zurück gewinnen können und ich meinen Miaubrumm wiederfinden kann", sagte Horst, worauf Leni jedoch auf einen entscheidenden Umstand hinwies. "Wir könnten schon lange weg sein, aber leider ist unser Käfig verschlossen."
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