Teil 6

Operation Einhorn

© Jens Mende, 2023
Kapitel:

1

Brumm, der Bär, saß in seinem Sessel und schaute durch das geschlossene Fenster hinaus auf die schneebedeckte Landschaft. Und weil er nichts dringendes zu erledigen hatte, saß er einfach nur still da und erfreute sich an diesem Moment. Er genoss den Anblick des tief verschneiten Waldes. Ab und an gerieten ein paar Schneeflocken in sein Blickfeld, die im Wind tanzten, bis sie schließlich lautlos zu Boden schwebten. Das Feuer im Kamin verbreitete eine wohlige Wärme in der Höhle. Ab und an wurde die Stille dieses Weihnachtsmorgens nur durch das Knacken der Holzscheite im Kamin unterbrochen. So ein schöner Moment, dachte der Bär voller Dankbarkeit und sah liebevoll sein kleines Eichhörnchen an, das gerade in Begriff war, das Frühstücksgeschirr abzuräumen.

Brumm strahlte die Zufriedenheit eines Bären aus, der reichlich und lecker gefrühstückt hatte und dafür nicht einmal eine Tatze zu rühren brauchte. Kati hatte ihm wie so oft in letzter Zeit das Frühstück auf einem Tablett an sein Bett gebracht. Es gab Tage, da hätte der Bär sein Bett nicht für eine einzige Sekunde zu verlassen brauchen, so gut wurde er von seinem kleinen Eichhörnchen versorgt. Aber leider, leider gab es unaufschiebbare kleine und große Geschäfte, zu deren Erledigung der Bär sein Bett verlassen musste. Wenn da mal jemand etwas erfinden könnte, dachte Brumm an einem jener Tage. So ein Vollkomfortbett mit integriertem Kühlschrank und WC! Hm, das wäre schon eine feine Sache! Dass da vor ihm noch niemand drauf gekommen ist, wunderte er sich. Und sogleich beschloss Brumm, diese geniale Erfindung selbst zu erfinden.

Da musste er zuerst eine Zeichnung anfertigen. Aber wo war nur der Notizblock? Und der Bleistift? Und überhaupt, vielleicht sollte er erst einmal eine Kleinigkeit essen und etwas schlafen? Satt und ausgeruht erfindet sich so eine Erfindung bestimmt viel besser, dachte der Bär. Und als er dann mit vollem Magen und schläfrig sanft in einen Traum hinüberglitt, war der große Vorsatz schon wieder vergessen. So blieb die Erfindung des Vollkomfortbettes bis heute unerfunden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Brumm saß also in seinem Sessel und schaute mit einem verträumten Lächeln auf die Winterlandschaft vor seiner Höhle. Kati, die gerade das Frühstücksgeschirr aufräumte, und im Begriff war, noch ein paar Plätzchen für die Weihnachtsfeiertage zu backen, denn sie wusste, dass ihr Brumm kein Völlegefühl kannte, sobald die Plätzchendose einmal auf dem Tisch stand. Besser, noch ein paar Bleche in Reserve zu haben, dachte Kati mit einem Lächeln im Gesicht. Und wenn nach den Feiertagen dann noch etwas für Sebastian Spatz und seine Familie übrig blieb, war das auch in Ordnung.

Kati sah ihren Brumm liebevoll an und erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass er offenbar an etwas Schönes dachte.
"Na, mein lieber Brumm, träumst du wieder von deinem Vollkomfortbett?", neckte sie ihn.
"Nein!", widersprach der Bär sofort vehement. "Ich dachte gerade an den heißen Sommertag, du weißt schon, den, als wir im Schatten am Ufer des Flusses saßen und plötzlich die Flaschenpost in den Wellen trieb. Weißt du noch?

Kati lächelte versonnen. Natürlich wusste sie das noch. Wie konnte sie jenen denkwürdigen Tag auch vergessen, der den Auftakt zu einem Sommer voll aufregender Abenteuer bedeutete?
Schwer lastete die Hitze jenes Sommertages auf den Wipfeln der Bäume. Die Tiere des Waldes versteckten sich so gut sie konnten in der Kühle des Dickichts. Fast erinnerten die hohen Temperaturen an jenen Sommer, als sie vor der Hitzewelle und auch aufgrund des Wassermangels zu Freds Verwandten, den Polarfüchsen, an den Nordpol flohen.

Vom Fluss drang Gelächter in den Wald. Hansi Hase saß mit seinen engsten Freunden am Ufer im Schatten einer weit ausladenden Buche und feierte mit ihnen ein kleines Fest. Er war nämlich vor kurzem zum 100. Mal Vater geworden! So jedenfalls hatte es eine grobe Schätzung ergeben, die er am Kindbett seiner lieben Gattin vorgenommen hatte. 100 kleine Hasenkinder! Und auf jedes einzelne von ihnen trank er an diesem Tag im Kreise seiner Freunde abwechselnd ein Glas Holunderwein und einen Heidelbeerlikör.

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2

Der Hase sah beeindruckt an sich herunter. Ein wenig benebelt dachte er bei sich, was bin ich doch für ein Prachtkerl! Wer hätte gedacht, welch Nährwert so eine stramme Möhre haben kann! Und albern begann er zu kichern. Dann griff er erneut zum Glas und prostete voller Stolz auf sich selbst seinen Freunden zu.

Fred, der Fuchs, Schafi, Brumm und das kleine Eichhörnchen hoben ebenfalls ihre Gläser und brachten einen Toast auf den stolzen Papa aus. Wobei dem Fuchs wohl als einzigem in der Runde klar war, dass der Hase flunkerte. 100 Kinder? Im Leben nicht! Soweit sich Fred erinnern konnte, bekam Frau Hase in jedem Frühsommer drei oder vier Junge. Also müsste Hansi inzwischen schon mindestens 25 Jahre alt sein, was aber völliger Quatsch war, denn Feldhasen werden nun mal höchstens zwölf Jahre alt. Ist aber auch Wurscht, dachte Fred bei sich. Der Holunderwein schmeckte und die Stimmung war gut.

Eben wischte sich das kleine Eichhörnchen Tränen vom Lachen aus den Augen. Das Thema war aber auch zu lustig! Wieder erinnerten sie sich an ihren Ausflug an den Nordpol vor zwei Jahren. "Und wisst ihr noch", fragte Kati in die Runde, "wie Karl Kranich dem armen Brumm auflauerte, damit er ihm beim Kerosindiebstahl hilft?"
"Ja genau!", lallte Hansi Hase. "Wie hieß die Parole noch mal?"
"Schneeflocke!", antworteten Fred und Kati wie aus einem Mund. Lachend schlug sich der Hase vor Vergnügen auf den Oberschenkel. Brumm lächelte schief. Ihm war das Thema sichtlich unangenehm.
"Schaut mal, Jungs!", rief da plötzlich das kleine Eichhörnchen und zeigte auf einen Gegenstand, der glitzernd aus den Wellen ragte.
"Was ist das?", sagte Brumm mehr zu sich selbst, da er nichts erkennen konnte und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte, der Heidelbeerlikör hätte ihn erblinden lassen.
"Sieht aus wie eine Flaschenpost", antwortete Fred.

"Eine Flaschenpost? Oh wie spannend!" rief das kleine Eichhörnchen aufgeregt und sprang sofort davon, um den Gegenstand aus dem Fluss zu bergen. Ihre Vorderpfötchen waren aber viel zu kurz und da sie Angst vor dem Wasser hatte, musste sie ihren Bergungsversuch, kaum begonnen, schon wieder einstellen.
Hilfesuchend rief sie ihre Freunde. Der Hase aber war schon viel zu betrunken, um wirklich eine echte Hilfe zu sein. Er erhob sich von seinem Platz und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Dabei wedelte er unkontrolliert mit den langen Schlappohren und verkündete dann lallend, die Bergung der Flasche vom Ufer aus koordinieren zu wollen. Darauf fiel er rücklings ins warme Gras und schlief ein.

Schafi hätte gern geholfen, aber... "leider, leider habe ich keine Daumen", erklärte er und machte dabei ein wehleidiges Gesicht.
Und während der Fuchs sich noch zögernd erhob, stürzte sich der Bär bereits ins Wasser, was den Fuchs an jenen alten Sprich erinnerte, wonach die Dummen die Burg erstürmten, während die Weisen noch grübelten...
Der Bär war also schon in der Flussmitte und angelte mit seinen mächtigen Tatzen nach der Flasche, die nun zum Greifen nah vor ihm schwamm. Dummerweise änderten sich durch Brumms etwas ungelenken Sprung ins Wasser die Strömungsverhältnisse. Die Flasche trieb am Bären vorbei und kam nun so nahe ans Ufer, dass der Fuchs die Flaschenpost aus dem Fluss nehmen konnte, ohne sich dabei die Hinterbeine nass zu machen.

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3

"Bitteschön", sagte er und überreichte Kati das wertvolle Gut. Denn - tatsächlich! - handelte es sich um eine Flaschenpost. Deutlich war im Inneren des Glaskörpers eine dünne Rolle beschriebenen Papiers zu erkennen.

Brumm war inzwischen aus dem Fluss gestiegen und schüttelte lachend sein Fell am Ufer trocken, dass das kalte Wasser nur so in der Gegend umher spritzte. Erschrocken wichen seine Freunde aus. Nur der benebelte Hase lag noch ca. drei Sekunden regungslos im Gras, bis er von der Bärendusche geweckt aufschreckte.
"Wer hat die prächtigste Möhre des Waldes?", fragte er nuschelnd und versuchte seiner Stimme Pathos zu verleihen. Er zeigte mit beiden Vorderpfoten auf sich und kniff dabei ein Auge zu. Dann fiel er wieder zurück und schlief weiter. Verständnislos sahen sich die Freunde an.

Fred schüttelte den Kopf und versuchte dann, die Flasche zu öffnen. Aber so sehr er sich auch anstrengte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, den Korken aus der Flasche zu ziehen. Enttäuscht murmelte er etwas, was schwer nach einem Schimpfwort klang.
Dann reichte er die Flasche weiter. Schafi hätte gern geholfen, aber... "leider, leider habe ich keinen Korkenzieher, der in dieser Situation zweifellos sehr hilfreich wäre. Und erschwerend kommt noch hinzu, dass ich auch gar keine Daumen habe", erklärte er und hob dabei vielsagend seine Vorderbeine in die Luft. Verständnis heischend sah er Fred an. Der Fuchs holte tief Luft und es sah aus, als würde er für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenken, das Schaf sofort und ohne Bedauern - dafür aber mit viel Anlauf - in den Fluss zu schubsen.

Inzwischen aber hatte sich Brumm des Problems angenommen und er löste es auf seine Weise, also gewissermaßen auf Bärenart. Zunächst beschnüffelte er die im Gras liegende Flasche, dann drehte er sie mit seiner Nase so, dass er sie nun mit seinen Hinterpfoten fest umschließen konnte. Mit seinen gewaltigen Zähnen versuchte der Bär den Korken zu fassen. Es folgte ein entschlossener Ruck seines Kopfes und plötzlich hatte er den Korken im Maul. Brumm fiel nach hinten um und verschluckte dabei den Flaschenverschluss. Mit viel Mühe würgte er den Korken wieder hervor, kaute dann zwei, dreimal darauf herum und verschluckt ihn schließlich wieder.
"Etwas trocken im Abgang, aber durchaus genießbar", befand der Bär.

Für einen Moment herrschte atemlose Stille. Ungläubig betrachteten die Freunde den Bären und dann die nun geöffnete im Gras liegende Flasche.
"Was da wohl drauf steht?", fragte Kati flüsternd und deutete auf das zusammengerollte Papier im Flascheninneren.
"Vielleicht ist das ja das geheime Tagebuch von Elvis Presley", lallte der Hase, der aus dem Schlaf geschreckt war.
"Quatsch! Elvis Presley! Der hat doch gar kein Tagebuch geschrieben", widersprach das Eichhörnchen.
"Stimmt, denn er hatte ja keine Daumen!", bestätigte das Schaf.
"Quatsch, natürlich hatte Elvis Daumen", fuhr der Fuchs dazwischen.
"Dann werden es nie erfahren", mutmaßte Schafi traurig. "Denn leider, leider haben wir ja alle keine Daumen und werden also den Zettel auch nie aus der Flasche bekommen."

"Na dann", unterbrach der Fuchs diese seltsame Unterhaltung. Sich an Brumm ein Beispiel nehmend, als der die Flasche vorhin geschickt mit seinem Maul öffnete, packte nun Fred die Flasche mit seinen Vorderpfoten und schüttelte sie so lange mit der öffnung nach unten, bis der zusammengerollte Zettel durch den Flaschenhals heraus auf die Wiese fiel.

"Fuchs, du bist ein Held!", rief Kati begeistert und machte sich sogleich daran, das Schriftstück aufzurollen. Mit Steinchen fixierte es die Enden auf der Wiese und begann zu lesen:
"Liebe Unke... Nein. Lieber unbedarfter... nein, warte." Kati setzte zu einem neuen Versuch an: "Lieber unbedarfter... Freund..., hm schwierig." Sie überlegte kurz, dann: "Jetzt hab ich's! Lieber unbedarfter Freund des Lattenrosts!"

"Wie bitte?!", fragte der Fuchs kopfschüttelnd. "Was ist das denn für ein Quatsch?" Er beugte sich über das Schriftstück und bemühte sich seinerseits, das Schreiben zu entziffern.
"Hm, in der Tat, das ist schwierig", gestand er dann. "Etwas Feuchtigkeit musste in die Flasche eingedrungen sein, denn die Schrift ist verlaufen und teilweise sehr schwer zu entziffern."
Kati aber hatte einen ganz anderen Verdacht, der die verlaufene Schrift in der Flaschenpost erklären würde.

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4

"Nein, es ist aber auch zu traurig", rief das kleine Eichhörnchen und hätte um ein Haar begonnen, zu weinen. "Die Schrift ist verlaufen, weil es die Tränen einer wunderschönen Prinzessin sind, die in einem Turm gegen ihren Willen gefangen gehalten wird und die beim Schreiben dieser Nachricht bitterlich geweint hat", spekulierte Kati. Denn Mädchen spekulieren nun mal, das weiß ja schließlich jeder! Und Brumm wusste das am allerbesten von allen. Und wenn es einen Stau auf der Autobahn gibt, dessen Anfang man nicht sehen kann, dann spekulieren kleine Eichhörnchen und auch große und auch alte Mädchen über die Ursache.

Vielleicht ein LKW, der schon seit Stunden einen anderen LKW überholte und dabei alle Reifen platt gefahren hatte oder eine Baustelle und eine auf der Fahrbahn liegende Schaufel, die von faulen Straßenbauarbeitern, die immer nur rot-weiß-gestreifte Pylonen aufstellten, aber nie ihre eigentliche Arbeit machten, vergessen wurde.
Oder, was am wahrscheinlichsten war: Außerirdischen waren ihre Schokokekse beim Landeanflug aus dem geöffneten UFO-Fenster gefallen und nun versperrten sie aus Trotz die Überholspur und folglich standen alle Autos im Stau, weil keiner der Autofahrer das Reißverschlusssystem beherrschte! Oder vielleicht auch, weil niemand den Außerirdischen beim Suchen ihrer Schokoladenkekse behilflich sein mochte, brumm!

Nun versuchte das Schaf, die Nachricht in der Flaschenpost zu entziffern. Während er mit zusammengekniffenen Augen die verlaufenen Zeilen studierte, summte Brumm leise ein Lied vor sich hin, das er mal auf einem der vielen Ausflüge in die Menschenwelt im Radio gehört hatte: Message in a bottle. Dazu wiegte er seinen massigen Körper hin und her und fühlte sich auf einmal ganz leicht. Das war richtig groovy, hey! Und beinahe hätte Brumm nach einer Portion Sauerampfer verlangt.

Nun glaubte Schafi, die ersten Zeilen verstanden zu haben, aber sicher war er sich nicht. Er schüttelte ungläubig den Kopf, überflog den Text noch einmal und sagte dann: "Das kann ja gar nicht sein, das ist ja... unglaublich! Hört mal her, ich weiß, was da steht:" Er räusperte sich noch einmal und begann laut zu lesen: "Lieber unbedarfter Freund des Lattenrosts, vier sind gehangen mit einem Kuss und möchten fliegen. Da wir alle keine Daunen haben, rauchen wir Pilze." Stille!

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"...rauchen wir Pilze?", sinnierte das kleine Eichhörnchen. Ratlos sahen sich die Freunde an.
"Da wir alle keine Daunen haben... soll das heißen, die Nachricht stammt nicht von Gänsen?", beteiligte sich nun auch der Bär an der Lösung des Rätsels.
"Bitte, was ist das nur für ein Unsinn?!", platzte dem Fuchs nun endgültig der Kragen. "Zeig mal her", sagte er unwirsch zum Schaf und beugte sich über die Nachricht.
"Ha, hier! Dieser Absatz ist nahezu vollständig leserlich: 'Es wäre nett, wenn du uns bereifen würdest.'" Pause.

"Bereifen? Hm, was mag das nur bedeuten?", schien Fred mehr sich selbst zu fragen. "Egal, weiter: Vielen Dank im Voraus sagen... jetzt wird's wieder unleserlich: Der Zausel... Obst mit Mirabellen und die... bezaubernde Jeanny, das schönste - hier fehlt ein Wort - auf der Pflanzenwelt. Hä?"
Nie im Leben hätte das kleine Eichhörnchen geglaubt, dass das Entziffern einer Flaschenpost so eine schwierige Sache sein könnte. Nach Schafis und Freds missglückten Versuchen brummte ihr bereits der Kopf. "Ich bin raus", sagte Kati und legte sich ins Gras.

"Da macht sich doch jemand einen Spaß mit uns", vermutete das Schaf und überlegte, ob er diesen Unsinn am Ende nicht gar selbst unter dem Einfluss einer nicht unerheblichen Menge Sauerampfers geschrieben habe könnte...
"Wartet, da steht noch was", sagte Fred. "Hier, man kann es ganz deutlich lesen: 'PS: Bitte bring Weintrauben mit.'"
"Weintrauben?", wiederholte Kati. "Ich darf keine Weintrauben essen, davon muss ich pupsen. Außer, wenn ich sie schäle. Aber das ist sehr mühsam." Das Schaf musste lachen.
"Ich muss von allem Pupsen", warf Brumm ein. Das Schaf rollte sich lachend im Gras.
"Zu viele Informationen, Bär!", ermahnte der Fuchs den armen Brumm. Betreten sah der Bär zu Boden. Dann hingen alle ihren Gedanken nach und versuchten sich einen Reim auf diese seltsame Nachricht in der Flasche zu machen.

"Ich weiß es jetzt", rief Brumm dann plötzlich ganz laut und weckte mit seinem Ausruf den Hasen, der zunächst geglaubt hatte, Stimmen im Schlaf gehört zu haben. So etwas in der Art wie, selbst August der Starke von Sachsen wäre stolz auf Hansi gewesen. So ein Prachtbursche aber auch!
Zufrieden nuschelte der Hase im Rausch, dass die anderen gefälligst leiser sein sollten und dabei versuchte er zu sächseln. Weil seine Freunde aber nicht hörten, rief der betrunkene Hase resignierend, "macht doch euern Dreck alleene!"

Brumm aber beachtete den Hasen gar nicht. Er war sich nun absolut sicher, dass die Flaschenpost eine verschlüsselte Nachricht der Außerirdischen enthalten müsse. "Kann aber auch sein", und jetzt senkte er seine Stimme und fügte noch mit Verschwörermine hinzu, "dass die Matrix neu gestartet wurde und wie man aus YouTube-Videos weiß, ist die nicht mit Windows 11 kompatibel"

"Brumm, du warst mindestens einmal zu viel in der Menschenwelt", sagte der Fuchs schon beinahe resignierend und bat um mehr Ernsthaftigkeit beim Deuten dieser seltsamen Flaschenpost.
Da krähte aus dem Hintergrund mit trunkener Stimme erneut der Hase, der aus dem Schlaf geschreckt war: "Jetzt weiß ich... aber ich sag's euch gleich, es ist ungeheulerisch, also ungeheuerlich und von sooo einer Tragweite!" Er setzte sich auf, breitete die Arme aus so weit er konnte, um die Dimension der vermutenden Tragweite zu verdeutlichen. Dabei kippte Hansi wieder nach hinten um, murmelte noch "nun müssen weite Teile der Waldgeschichte neu geschrieben werden" und bekräftigte es mit einem grollenden "Jawohl!"
Dann schlief er wieder ein.

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6

Nun hielt das Schaf die Zeit für gekommen, über den Inhalt der Flaschenpost zu spekulieren.
"Wahrscheinlich ist es eine Schatzkarte und ich denke, sie stammt vom Weltrat der Haus- und Wollschafe und weist in verklausulierten Sätzen den Weg ins legendäre Schafhalla, was für Schafe selbstverständlich die größte aller nur vorstellbaren Wiesen meint, dicht bewachsen mit Sauerampfer."

Fred schüttelte den Kopf. "Schafi", fragte er dann besorgt. "Möchtest du dich vielleicht ein bisschen hinlegen? Ich glaube, du hattest heute zu viel Sonne."
Das Schaf wollte aufbegehren, doch Kati schlichtete den beginnenden Streit sofort. In das einsetzende Schweigen ertönte plötzlich ein tiefes Grollen, worauf Brumm hinzuweisen gedachte, dass es sich bei diesem Geräusch nicht um das entfernte Donnern eines herannahenden Gewitters handelte, sonders dass ganz profan sein Magen knurrte. Er erinnerte daran, das eine Zwischenmahlzeit vermutlich die Konzentrationsfähigkeit fördern würde und er sich gern anbiete, in den Fluss zu steigen, um für alle Lachs zu fangen. Kati und das kleine Schaf schüttelten synchron den Kopf.

"Schokoladenpudding?", fragte Brumm leise und voller Hoffnung.
"Woher willst du denn jetzt Schokoladenpudding holen?", fragte das kleine Eichhörnchen.
"Du hast keinen mitgebracht?", fragte der Bär mit einer Mischung aus Zweifel und Enttäuschung in der Stimme. Noch bevor Kati antworten konnte, mahnte der Fuchs zur Ordnung. "Wir sitzen hier nicht zum Spaß oder um uns zu betrinken", und dabei sah er über seine Schulter in Richtung Hansi, der einen beklagenswerten Eindruck machte. "Lasst uns die Nachricht noch einmal überdenken!"

So diskutierten die Freunde noch eine ganze Weile und berieten sich über die Deutungsmöglichkeiten der Nachricht. Sie ignorierten den Donner aus Brumms leeren Bärenbäuchlein und einigten sich dann schließlich auf die Version, die ihnen am naheliegendsten erschien. Aber schlau wurden sie trotzdem nicht aus den Zeilen dieser merkwürdigen Flaschenpost:
"Lieber unbedarfter Freund des Lattenrosts,
vier sind gehangen mit einem Kuss und möchten fliegen. Da wir alle keine Daunen haben, rauchen wir Pilze. Es wäre nett, wenn du uns bereifen würdest.
Vielen Dank im Voraus sagen der Zausel, Obst mit Mirabellen und die bezaubernde Jeanny, das schönste - hier fehlte immer noch ein Wort - auf der Pflanzenwelt.
PS: Bitte bring Weintrauben mit."

Schweigend dachten die Freunde über den Sinn der Nachricht nach.
Brumm ergriff als erster das Wort und beharrte auf seiner UFO-These. Er begründete seine Theorie mit dem ultimativen Argument: "Natürlich stammt die Nachricht von Außerirdischen. Denkt ihr etwa, die schreiben Hallo, wir sind die Außerirdischen und ihr findet uns zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort? Nee, die sind klug, die verschlüsseln ihre Nachricht, und wer das verstehen will, braucht zur Dekodierung einen ganz tollen Algoritmus. Wahrscheinlich sind wir einfach noch nicht so weit hier im Wald." Und bedauern zuckte er mit den Schultern.

"Algorithmus", wiederholte Fred leise. Algoritmus... Das Worte hallte in seinem Kopf nach.
Ein Algorithmus ist eine Art Bauplan zur Lösung einer Aufgabe. Wie eine Wegbeschreibung. Oder ein Kochrezept zum Beispiel. Man nehme eine Gans aus einem Stall, rupfe sie, gebe sie in heißes Wasser mit Lorbeerblättern und... Irritiert bemerkte der Fuchs seine gedankliche Abschweifung.

Sollte diese Geschichte jemals verfilmt werden, würde der Fuchs an dieser Stelle direkt in die Kamera sprechen: "Liebe Zuschauer, liebe Kinder, selbstverständlich essen wir modernen und gegenderten Füchse und Füchsinnen schon lange keine Gänse und Gänsinnen mehr. Meine Worte dienten lediglich der Veranschaulichung zur Erklärung eines Algorithmus'. Glauben Sie mir das?"
Und mit einem geheimnisvollen Lächeln würde er in die Szene zückkehren und weiterspielen.

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7

Was hatte der Bär gesagt? Algorithmus? Und plötzlich begann der Fuchs zu verstehen.
"Ja natürlich, das ist es!", rief er begeistert. "Brumm, du bist der Größte!" Und voller Freude umarmte er seinen verfressenen Freund, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Neugierig blickten Schafi und das kleine Eichhörnchen den Fuchs an, der bereitwillig erklärte:
"Brumm hat recht, es handelt sich vermutlich wirklich um eine verschlüsselte Nachricht. Um sie zu entschlüsseln, müssen wir sie dekodieren. Das machen wir am besten bei mir zu Hause, ich habe da nämlich rein zufällig eine alte Maschine in meinem Büro stehen, die den Text entschlüsseln kann."

Am liebsten hätten sie sich sofort auf den Weg in Freds Detektivbüro gemacht. Was für ein Abenteuer aber auch! Da inzwischen jedoch schon die Dämmerung einsetzte, beschlossen die Tiere, sich erst am nächsten Morgen bei Fred zu treffen. Nach diesem ereignisreichen Tag schien es vernünftiger, jetzt ins Bett zu gehen und sich am nächsten Tag ausgeschlafen an die Entschlüsselung der seltsamen Nachricht zu setzen. Brumm begrüßte den Vorschlag, jetzt nach Hause zu gehen. Ihn plagten Magenschmerzen. Er hatte bestimmt schon seit mindestens zwei Stunden nichts mehr gegessen! Wenn nicht sogar schon seit drei Wochen!
So verabschiedeten sich die Freunde von einander und wünschten sich eine gute Nacht.

Brumm lud sich den noch immer hackedichten Hasen, der abscheulich nach Heidelbeerlikör roch, über die Schulter und lieferte ihn zu Hause bei Frau Hase ab. Mit fragendem Blick forderte sie Aufklärung für den kläglichen Zustand ihres Gatten.
"Hat vermutlich zu viel Sonne abbekommen heute", murmelte der Bär schulterzuckend.
"Der riecht aber nicht nach Sonne. Der stinkt nach billigem Alkohol!", bemerkte Frau Hase und sah Brumm vorwurfsvoll an.
"Keine Ahnung, wo er das wieder her hatte." Dann lief er ganz schnell zu seiner Höhle. Kati wartet bestimmt schon mit dem Abendessen.

Am nächsten Morgen trafen sich die Freunde nach dem Frühstück wie vereinbart bei Fred. Nur Hansi Hase fehlte. Es ging das Gerücht im Wald um, dass es in der vergangenen Nacht zu einem sehr heftigen Wortwechsel im Bau der Familie Hase gekommen war. Wobei Wortwechsel wohl nicht das richtige Wort war für das, was aus dem Hasenbau an die Außenwelt drang. Es handelte es sich wohl viel mehr um einen Monolog. Denn man hörte sehr oft die Stimme von Frau Hase und nur sehr selten die von Hansi. Und wenn, dann auch nur sehr leise. Wie dem auch sei, böse Zungen behaupteten, Hansi Hase habe Stubenarrest.

Fred bat die Freunde in sein Büro. Auf dem repräsentativen Schreibtisch stand ein seltsames Ding. Alt, massiv und auf gar keinen Fall eine Reiseschreibmaschine. Brumm wusste sofort, worum es sich bei dem seltsamen Gerät handelte: "Das ist ein Computer, wohl ein sehr altes Modell mit wenig Rechenleistung."
"Nein", widersprach Fred und klärte seine Gäste auf: "Das ist eine ENIGMA. Sie stammt aus der Zeit des 2. Weltkriegs und ist noch deutsche Wertarbeit. Made in Germany, versteht ihr?" Fragend sahen sich die Freunde an.
"Enig- was?", fragte das Eichhörnchen.
"Eine ENIGMA, ein Maschine, mit der man Nachrichten verschlüsseln, aber auch wieder entschlüsseln kann."

"Wo hast du die denn her?", wollte Kati wissen, denn dieses seltsame Ding fesselte sie doch sehr. Der Fuchs druckste ein wenig herum. Dann antwortete er zögernd und mit gedämpfter Stimme: "Die hat mir ein ehemaliger Schichtleiter des argentinischen VW-Werks überlassen. Ich bekam sie über die Achse Rio - Rom - Böhlen. Den Rest willst du gar nicht wissen."
Kati hob zu einer weiteren Frage an, doch der Fuchs schüttelte vehement den Kopf. "Den Rest willst du wirklich überhaupt gar nicht wissen!", wiederholte er noch einmal sehr eindringlich.

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8

In das betretene Schweigen fragte Brumm, "und mit diesem Ding willst du die Nachricht aus der Flaschenpost entschlüsseln?"
"Ganz recht, mein fusseliger Freund", antwortete Fred lächelnd. "aber parallel dazu verschalte ich die ENIGMA noch mit meinem Computer, um die Ergebnisse auf ihre Wahrscheinlichkeit zu überprüfen. Also ans Werk!"

Und schon begann er, auf der seltsamen Apparatur verschiedene Tasten zu drücken, dann hielt er inne, überflog noch einmal die Zeilen aus der Flaschenpost und tippte diesen dann auf der Tastatur jener fremdartigen Maschine namens ENIGMA. Der Fuchs arbeitete hoch konzentriert, hielt hin und wieder inne und verglich den eingegebenen Text mit der Nachricht aus der Flaschenpost. Dann noch ein letzter prüfender Blick. Der Fuchs nickte zufrieden. "Fertig!"

"Toll, zeig her!", forderte Brumm, doch Fred wiegelte ab: "Ich habe diesem Maschinchen doch gerade erst die von uns interpretierte Nachricht eingegeben. Jetzt prüft die ENIGMA anhand aller ihr bekannten Codes, welches Ergebnis am ehesten die Originalnachricht sein könnte bzw. ihr sehr nahe kommt. Daraus erstellt der angeschlossene Computer dann eine Liste der am wahrscheinlichsten erscheinenden Ergebnisse. Das wird dauern."
Nun zog Fred eine Taschenuhr aus seiner eleganten Weste, warf einen Blick darauf und fuhr fort: "Um diese Zeit trinke ich gewöhnlich einen Sherry und anschließend nehme ich ein Bad. Ich denke, wir werden uns noch ein wenig gedulden müssen, bis diese alte Wundermaschine die Nachricht dechiffriert hat. Immerhin stammt sie aus dem Jahr 1942!"

"Menno", maulte Brumm. "Ich will aber nicht warten!"
"Es wird uns nichts anderes übrig bleiben", besänftigte Kati den ungeduldigen Bären. "Sieh mal", sagte sie dann lächelnd, während sie den mitgebrachten Proviantkorb öffnete.
"Schokoladenpudding!", jubelte Brumm, als er das Schälchen erkannte, das Kati aus dem Körbchen nahm. So warteten die Freunde also, während Brumm seinen Pudding genoss und Fred zunächst seinen Sherry trank, um anschließend ausgiebig ein Bad zu nehmen.

So zogen sich die Minuten und summierten sich schließlich zu Stunden. In das genießerische Schlürfen des Bären, der sich mit großem Appetit über den Schokoladenpudding hermachte, mischten sich blubbernde und wohlige Laute aus dem neben dem Büro gelegenen Badezimmer des Fuchses.
Irgendwann kam Fred zurück, sah prüfend auf den Computermonitor und setzte sich dann schweigend zu seinen Freunden. Der Bär war inzwischen eingeschlafen und träumte von einem riesigen Mikrowellenofen mit Grillfunktion.

Bing! Irritiert sah schreckte Brumm aus seinem Traum auf. Das Geräusch erinnerte ihn an ein Mikrowellengerät, das ihm in seiner heimischen Höhle mit diesem wunderbar melodischen Ton ankündigte, dass seine Zwischenmahlzeit fertig sei. Fragend sah er den Fuchs an: "Zwischenmahlzeit?"
"Nein, leider nicht. Aber ich wusste, dass dir dieser Ton gefallen wird, mein lieber Brumm", erklärte Fred lächelnd. "Es ist nur der Computer, der uns mit diesem Signal wissen lässt, dass die Auswertung der Nachricht abgeschlossen ist."

Sofort umkreisten die Freunde den Computer mit vielen Ohs und Ahs und bemühten sich, ihrer Aufregung Herr zu werden und aus der auf dem Monitor zu sehenden Liste schlau zu werden.
"Jetzt beruhigt euch doch und setzt euch wieder hin!", versuchte Fred Ordnung in das Chaos zu bringen.
Dann starrte er angestrengt auf den Monitor und murmelte leise vor sich hin: "Aha. Hm. Na ja... Ah!"
"Nun sag schon", forderte das Schaf. "Ich piesel' mir vor Aufregung gleich ein!"

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9

"Also gut", begann der Fuchs. "Wir glauben, die Nachricht aus der Flaschenpost lautet so:
'Lieber unbedarfter Freund des Lattenrosts, vier sind gehangen mit einem Kuss und möchten fliegen. Da wir alle keine Daunen haben, rauchen wir Pilze. Es wäre nett, wenn du uns bereifen würdest. Vielen Dank im Voraus sagen der Zausel, Obst mit Mirabellen und die bezaubernde Jeanny, das schönste - hier fehlt ein Wort - auf der Pflanzenwelt. PS: Bitte bring Weintrauben mit.'
Nach der Dechiffrierung durch die ENIGMA könnte es sich um die Atomcodes der mongolischen Armee handeln, es könnte aber auch ein Stück Software nordkoreanischer Hacker sein, die damit die Auslieferung des aktuellen Quelle-Katalogs verhindern möchten. Ziemlich wahrscheinlich ist es die verklausulierte Einkaufsliste einer gewissen Frau Sandra, die wohl Oberstudienrätin an einem hessischen Gymnasium ist und auf diese Weise ihr Gehirn trainiert. Aber diese Methode hält der Computer jedoch für ziemlich ineffizient. Gemäß ENIGMA ist das hier der Originaltext." Fred holte noch einmal tief Luft, dann las er vor:

"Lieber unbekannter Finder unserer Flaschenpost, wir sind gefangen in einem Zirkus und möchten fliehen. Da wir alle keine Daumen haben, brauchen wir Hilfe. Es wäre nett, wenn du uns befreien würdest. Vielen Dank im Voraus sagen
Herr Esel, Horst mit seinem Sohn Miaubrumm und die bezaubernde Leni, das schönste Einhorn auf der ganzen Welt.
PS: Bitte bring Weintrauben mit."

Stille.
"Wie aufregend!", flüsterte Kati nach einer Weile des Schweigens. "Und auch so traurig!", fuhr sie fort und war den Tränen nahe. "Das schönste Einhorn auf der ganzen Welt gefangen in einem Zirkus! Wie tragisch!" Brumm nahm Kati tröstend in den Arm.
"Aber was ist ein Miaubrumm?", fragte das Schaf den Fuchs. Der zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht", gestand er, wies dann auf die semantische ähnlichkeit mit Brumms Namen hin und mutmaßte: "Vielleicht ein Bär?"
"Bestimmt kann uns das dein Computer auch verraten", schlug Schafi vor, aber noch bevor Fred antworten konnte, sprang der Bär auf und rief: "Wir müssen jetzt sofort aufbrechen und die armen Gefangenen aus dem Zirkus befreien! Los, mir nach!"

"Brumm!", rief Fred den Bären zur Ordnung, der schon fast zur Tür des Detetkivbüros hinausgestürmt war. "Wir wissen doch noch gar nicht, in welchem Zirkus die Schreiber der Flaschenpost gefangen gehalten werden. So eine Befreiungsaktion muss gut vorbereitet werden! Da müssen wir uns erst einen Plan ausdenken. Also setz dich bitte wieder hin und lass uns gemeinsam überlegen!"
Schmollend setzte sich Brumm und murmelte trotzig: "Und? Wie lautet nun dein Plan?" Dabei betrachtete er interessiert seine rechte Tatze.

"Wie ich bereits sagte, die Aktion will gut überlegt sein", wiederholte sich Fred und senkte dabei seine Stimme. Das Eichhörnchen, Brumm und das Schaf rückten daraufhin noch enger zusammen und schauten den Fuchs erwartungsvoll an.
"Also", begann Fred, "ich stelle mir das so vor..." und plötzlich glaubte Brumm, im Hintergrund die Filmmusik aus "Mission Impossible" zu hören. Ganz deutlich und sehr real.
"Hört ihr das auch", fragte er flüsternd die anderen. Die nickten mit dem Kopf.
"Unglaublich", sagte das Schaf verwundert. "Die Kraft der Imagination..."
"Oh Entschuldigung", sagte da der Fuchs. "Stört euch die Musik?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, schaltete er das kleine Radio in seinem Büro aus. Es war ganz neu, es konnte sogar Musik aus dem Internet abspielen! Fred liebte dieses nützliche kleine Ding gar sehr.

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10

"Zurück zum Thema!", forderte Brumm den Fuchs auf, fortzufahren.
"Ja, richtig. Der Plan. Also: Erstmal müssen wir wissen, um welchen Zirkus es sich handelt. Das können wir aus der Luft aufklären lassen. Schafi, auch wenn du leider, leider keine Daumen hast: Du kannst uns helfen. Sprich bitte mit Erika Elster und Sebastian Spatz. Sie sollen ausschwärmen und nach einem Zirkuszelt Ausschau halten. Sobald wir den Standort wissen, pirschen wir uns bei Einbruch der Dunkelheit an und befreien die Absender der Flaschenpost. Dafür brauchen wir eine Strickleiter, die uns Brumm und Kati besorgen werden. Der Förster hat unlängst eine im Südwald an einem Baum hängen lassen. Das Eichhörnchen wird die Befestigung in der Baumkrone lösen und Brumm ist stark genug, die Strickleiter zu uns zu tragen. Und wir brauchen ein Stemmeisen. Das leihe ich mir von Karl Kranich. Der hat es seit dem Kerosindiebstahl damals am Nordpol nicht mehr benutzt. Also wird es schon in Ordnung sein, wenn wir es uns für unsere Aktion mal kurz ausborgen."

"Ein Stemmeisen?", fragte das Schaf. "Willst du etwa in den Zirkus einbrechen?"
"Nicht in den Zirkus", gab der Fuchs bereitwillig Auskunft. "Aber die Tiere werden ganz sicher in Käfigen gefangen gehalten und die müssen wir irgendwie aufbekommen."
"Und die Strickleiter?", wollte nun das Eichhörnchen wissen.
"Zum Abseilen aus der Manegenkrone."
"Das ist nicht dein Ernst!", begehrte Brumm auf. "Keine zehn Pferde kriegen mich da hoch! Ich habe Höhenangst. Und Angst vorm Fliegen auch, damit du es nur weißt!"
"Oh, das erschwert die Sache doch sehr", sah der Fuchs ein und schlug vor, zunächst dennoch nach seinem Plan zu verfahren. Und falls ihm etwas besseres einfiele, könnte man den Plan ja jederzeit ändern.
Jetzt war Brumm doch sehr erleichtert. "Zum Glück sind wir da ja sehr verflixt, nicht wahr?"
"Flexibel", verbesserte der Fuchs. "Das Wort heißt 'flexibel'."

Und so startete am nächsten Tag die "Operation Einhorn", so die Tarnbezeichnung des Vorhabens, die auf einen Vorschlag Freds zurück ging. Brumm plädierte für "Schneeflocke", weil er damit das ihm sehr peinliche Erlebnis des Kerosindiebstahls überschreiben wollte. Es gab dafür sogar einen Fachbegriff: "Neuro-cunilingustische Programmierung. Oder so ähnlich." Die Freunde sahen sich verständnislos an. Dann doch lieber "Operation Einhorn".

Zunächst sprach Schafi Erika Elster an. Wobei sich die Aufgabe ziemlich schwierig gestaltete. Beim Briefing hatte Fred dem Schaf erklärt, dass es ein Wort gab, dass das Schaf im Gespräch mit Frau Elster auf gar keinen Fall benutzen durfte.

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"Ja, ich weiß schon", war sich Schafi sicher, "ich darf nicht 'Operation Einhorn' sagen."
Irritiert sah der Fuchs das Schaf an. "Ja, das auch. Aber die Elster ist ein elendes Plappermaul, also lass dir um Himmelswillen nicht anmerken, worum es wirklich geht", instruierte Fred das Schaf. "Am besten, die Elster erfährt gar nicht, dass sie nach einem Zirkuszelt Ausschau halten soll."

Aber wie sollte nun das kleine Schaf, ohne das Wort "Zirkuszelt" zu benutzen, der Elster sagen, dass sie die angrenzende Umgebung des Waldes nach einem Zirkuszelt absuchen sollte? Schwierig, in der Tat...
"Duhu?", begann Schafi das Gespräch, sobald die Elster ihm über den Weg geflogen kam. "Ist dir in den letzten Tagen etwas ungewöhnliches aufgefallen? Vielleicht am Waldrand oder in dessen unmittelbarer Umgebung?"
"Was soll mir denn aufgefallen sein", fragte die Elster zurück und schüttelte den Kopf. "Du stellst vielleicht Fragen!"
"Na ja, du kannst fliegen und siehst die Welt von oben. Hast du da vielleicht ein riesengroßes, falsch geparktes Flugzeug oder einen ausgestopften Dinosaurier gesehen?"
"Waaas?! So ein Quatsch!", empörte sich Frau Elster und schnappte nach Luft. "Du willst mich wohl vergackeiern?! Ein ausgestopfter Dinosaurier", wiederholte sie und schüttelte immer wieder mit dem Kopf. "Sowas gibt's doch gar nicht! Aber ich habe ein großes Zelt gesehen und daneben Wagen mit vergitterten Fenstern."

"Was?!", fragte nun das Schaf ungläubig. "Ein großes Zelt und daneben Wagen mit vergitterten Fenstern? Sowas gibt's ja gar nicht!"
"Doch", beharrte die Elster. "Am nördlichen Waldrand!"
Die Aussage von Erika Elster deckte sich mit den Beobachtungen Sebastian Spatz', den Schafi gleich nach seinem Gespräch mit der Elster aufgesucht hatte. Der Spatz berichtete von einem großen Zelt, das am nördlichen Waldrand, nahe der neuen Siedlung, stand. "Da gehen ganz viele Menschen hinein und dann leuchten da bunte Lichter und laute Musik wird da gespielt. Seltsam!"

"Ja, seltsam", stimmte Schafi zu und machte sich dann auf den Weg zurück zu Freds Detektivbüro, das nun das Hauptquartier der "Operation Einhorn" war. Völlig außer Atem, weil es sich sich so beeilt hatte, erstattete das Schaf dem Fuchs Bericht.
"Am nördlichen Waldrand also", murmelte der Fuchs und kraulte sich seinen imaginären Bart. "Immer scheint es bei uns gen Norden zu gehen, beim Schwanze meines Großvaters!"

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Mit etwas Abstand betrachtet, war Brumm der Vorfall doch sehr peinlich. Dabei hatte er nur Freds Anweisung befolgt und gemeinsam mit seinem lieben Eichhörnchen die Strickleiter, die der Förster wohl aus Vergesslichkeit an einem Baum hängen gelassen hatte, aus dem Südwald geholt. Und anfangs lief die Aktion auch wirklich ohne jede Beanstandung.

Elegant und mit einer Geschwindigkeit, dass der Bär Mühe hatte, dem Eichhörnchen mit den Augen zu folgen, jagte Kati den Baumstamm nach oben und löste mit ihren scharfen Zähnen in Windeseile die Knoten, mit denen die Strickleiter an einem besonders starken Ast befestigt war. Begleitet von Katis Warnruf "Strickleiter fällt!", sauste das für die "Operation Einhorn" nützliche Utensil in die Tiefe.

Brumm hatte unterdessen in unmittelbarer nähe des Baumes einen Strauch Waldheidelbeeren entdeckt und weil Kati ihn so oft ermahnte, er brauche Vitamine und müsse also mehr Obst essen, tat er seinem Eichhörnchen den Gefallen und aß mehr Obst. In diesem Fall Waldheidelbeeren. Dann vernahm der Bär im Hintergrund ein hohes Summen, das in ein Rauschen überging, dann immer näher kam, schließlich ein dumpfes Geräusch - man konnte es gut für den Aufschlag einer Strickleiter aus großer Höhe halten - aber Brumm dachte sich nichts dabei und genoss mit geschlossenen Augen weiter seine Portion Vitamine. Kati würde sehr stolz auf ihn sein!

Komisch war dann nur, dass die Heidelbeeren plötzlich so holzig schmeckten. Das überraschte Brumm, und während er weiter vor sich hin kaute, beschloss er, über diesen seltsamen Geschmack der Waldheidelbeeren nachzudenken. Bis Kati ihn mit einer einfachen Frage aus seinen überlegungen riss:
"Was machst du denn da?"
Brumm öffnete die Augen und antwortete wahrheitsgemäß: "Ich esse mehr Vitamine. Wie du ja immer von mir verlangst."

Das Eichhörnchen konnte nicht glauben, was es sah, als es den Fuß des Baumes wieder erreicht hatte. Da saß ihr Brumm mit geschlossenen Augen inmitten eines Strauches Waldheidelbeeren und aß - den oberen Teil der Strickleiter, die direkt neben dem Bären ins Gras und auf den Strauch Waldheidelbeeren gefallen war.
"Wobei die Frage zu klären ist, wie hoch der Vitamingehalt einer Strickleiter ist", sagte Kati kopfschüttelnd und musste dann doch lachen. Dieser Bär fraß einfach alles, was ihm in den Weg kam, dachte sie belustigt. Ein Wunder, dass er noch nicht an mir herum geknabbert hatte...

Verständnislos sah Brumm das kleine Eichhörnchen an. Dann sah er eine angebissene Sprosse der Strickleiter neben sich und rings herum eine feine Spur Holzspäne. Sieht aus wie im Sägewerk, dachte Brumm und musste kichern. Dann erkannte er den Zusammenhang zwischen der angebissenen Sprosse und dem holzigen Geschmack der Heidelbeeren. Und nun war ihm die ganze Sache doch ein bisschen peinlich.

Nach ihrer Rückkehr ins Detektivbüro gestand Brumm sein Malheur mit den Heidelbeeren. Und der Strickleiter.
Der Fuchs war außer sich vor ärger und verlor komplett die Fassung: "Sag mal, Brumm, wie verfressen kann man denn nur sein?! Ganz abgesehen davon, dass wir die Strickleiter für die Befreiungsaktion nun nicht mehr verwenden können."
Verschämt senkte Brumm den Kopf. "Das kann doch mal passieren", sagte er kleinlaut. "Außerdem kann ich ja Räuberleiter machen", schlug er leise vor.
"Räuberleiter! Räuberleiter!", rief der Fuchs erbost. "Hast du eine Ahnung, wie hoch so ein Zirkuszelt ist? Wie sollen wir denn da ohne Strickleiter hochkommen?"

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"Vielleicht müssen wir da gar nicht hoch", warf nun das Schaf ein. "Abgesehen davon, dass wir alle keine Daumen haben und also rein objektiv gesehen bis auf unser Eichhörnchen schon nicht in der Lage sind, eine Leiter empor zu klettern, könnten wir doch zu ebener Erde versuchen, die Tiere aus dem Zirkus zu befreien."
Der Fuchs tobte noch eine Weile, dann hatte sich wieder beruhigt und sich von den Freunden überzeugen lassen, seinen Plan zur Befreiung der Absender der Flaschenpost zu ändern.

"Das wirft uns im Zeitplan aber erheblich zurück", wies Fred noch einmal auf die Wichtigkeit der unbedingten Einhaltung des Plans hin. "Und außerdem hätten wir das überraschungsmoment auf unserer Seite gehabt, wenn wir uns wie von Geisterhand und aus dem Nichts kommend vom Dach des Zirkuszeltes abgeseilt hätten!"
"Abgesehen davon, dass außer Kati niemand von uns in der Lage ist, auf das Zirkuszelt zu gelangen", warf das Schaf noch einmal ein. Unterstreichend hob es seine Vorderbeine in die Höhe: "Nicht vorhandene Daumen, du erinnerst dich?", sprach er den Fuchs direkt an und wünschte sich nichts sehnlicher als einen Toast, dick belegt mit Sauerampfer. Gern auch ohne Toast.

Schmollend zog sich Fred zurück und überarbeitete den Plan. Er nahm die Stoppuhr, überprüfte anhand einer alten Luftbildkarte, die er dem Habicht an einem legendären Skatabend abgenommen hatte, die Wegstrecke und rechnete alles noch einmal genauestens durch. Hm, dachte er, das müsste gehen. Dann überprüfte er den Plan ein zweites Mal und nickte. Ausgezeichnet!
Als er nach gut drei Stunden zu den anderen in sein Detektivbüro zurückkehrte, weihte er die Freunde mit Verschwörermine in seine neue Idee ein.

"Es muss Nacht sein", begann er mit Pathos in der Stimme. "Team Alpha, das sind Schafi und ich, wird sich exakt um null achthundert direkt vor dem Eingang des Zirkuszeltes postieren und die Stromversorgung während der Vorstellung unterbrechen. Team Delta, das aus Kati und Brumm besteht, wird die durch die schlagartig einsetzende Dunkelheit im Zirkuszelt um sich greifende Panik ausnutzen und die Absender der Flaschenpost durch den Hintereingang aus dem Zelt führen und sicher durch den Wald bis zu Brumms Höhle geleiten. Dort treffen wir uns dann um null neunhundert wieder."

Gespannt sah der Fuchs in die Gesichter seiner Freunde und wartete auf eine Reaktion. Lob zum Beispiel für diesen genialen Plan. Und Anerkennung dafür, dass er innerhalb kürzester Zeit so verflixt - wie Brumm es nennen würde - also flexibel war und nahezu den kompletten Plan der Befreiungsaktion völlig neu überarbeitet hatte.

Der Fuchs blickte also erwartungsfroh in die Gesichter seiner Freunde. Die sahen ihn treuherzig an und schienen noch gar nicht bemerkt zu haben, wie viel Genialität in der "Operation Einhorn" steckte.
Stille. Kein Lob, keine Anerkennung... Stattdessen sah Fred, wie sich das Schaf eine Dose schwarze Schuhcreme aus dem Regal angelte und sich damit sein Gesicht einzuschmieren begann.

"Schafi, was machst du da?", fragte der Fuchs verwundert.
"Na, du hast doch gerade gesagt, es muss Nacht sein und da muss ich mich doch tarnen!", erklärte Schafi und kämpfte mit dem Doseninhalt.
"Aber das macht man doch nur, wenn man hellhäutig ist", belehrte der Fuchs das Schaf und fügte fassungslos hinzu: "Du bist ein schwarzes Schaf, du musst dich nicht im dunkeln tarnen!" Und in diesem Moment fragte sich der Fuchs, weshalb er vor zwei Jahren nicht einfach bei seinen klugen Verwandten am Nordpol geblieben war...
Er winkte ab und zog sich mit den Wortzen zurück, noch etwas ruhen zu wollen, bevor die Operation startete.

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Und dann wurde es Nacht.
Ein letzter Streifen Dämmerung ging über dem Wald in das Dunkle der Nacht über. Stetig vorbeiziehende Wolken verdunkelten den zunehmenden Mond am Himmel. Team Alpha erreichte kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt das Zirkuszelt am nördlichen Waldrand und beobachtete, gut versteckt hinter einem Baum, das Treiben auf dem hell erleuchteten Zirkusplatz. Hastig strömten die letzten Besucher in das Zelt, aus dessen Inneren Musik und Gelächter zu hören war.

Team Delta hätte den Zeitplan vermutlich eingehalten, wäre das kleine Eichhörnchen vor lauter Aufregung auf dem Weg zum Einsatzort nicht alle fünf Minuten hinter einem Strauch verschwunden. Brumm nutzte die Wartezeit für einen kleinen Snack aus dem Vorratsbeutel, den Kati, umsichtig wie sie nun einmal war, extra für Brumm gepackt hatte.

Als der Fuchs, der über ein sehr gutes Zeitgefühl verfügte, jedoch leider nicht über ein Sprechfunkgerät, um zu Team Delta Kontakt aufnehmen zu können, festlegte, dass es nun Punkt null achthundert sei und die Aktion jetzt in ihre heiße Phase starte, waren das Eichhörnchen und der Bär noch immer nicht auf ihren Plätzen. Der Grund für die finale Verzögerung war, dass Brumm sich wenige hundert Meter vor dem Ziel ebenfalls in die Büsche schlagen musste.
"Bitte wegtreten zu dürfen", spaßte er mit Kati. "Operation Bärchenwurst startet um null zwöftausend", imitierte er dabei kichernd den Fuchs. Selbstverständlich musste sich der Bär dringend erleichtern, was nicht verwunderte angesichts der Tatsache, dass Brumm noch vor Eintreffen am Einsatzort bereits sämtliche Vorräte aufgefuttert hatte.

Während der Bär also noch mit seiner "Operation Bärchenwurst" beschäftigt war, gab der Fuchs das vereinbarte Zeichen: Das Schaf quittierte mit einem unmerklichen Nicken Freds Signal und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Es war eines jener Momente, in denen ein Schaf einfach zu funktionieren hatte. Und Schafi würde funktionieren. Mit seinem enigmatischen Blick würde es... aber Moment!
Es hatte eine einzige Aufgabe, und die war wohl mit Abstand die wichtigste: Das Unterbrechen der Stromversorgung ins Zirkuszelt.
Das allerdings erwies sich in Ermangelung von richtigen Pfoten und - wir erinnern uns - auch aufgrund des Fehlens von Daumen, als besonders schwierige Aufgabe. Das Schaf sprang also aus seinem Versteck und wusste sich nicht anders zu helfen, als das Stromkabel beherzt durchzubeißen.

Es war ein Moment, so das Schaf später in seinem Interview mit Isabell Igel für die Sonderausgabe der Waldzeitung, als die Zeit still zu stehen schien. Die Photonen tröpfelten durchs Universum, Galaxien standen still, während ein wohliges Kribbeln Schafis Körper durchfuhr und er sich für Sekundenbruchteile sicher war, sämtliche Sprachen der Welt sprechen zu können. Und zwar gleichzeitig. Zudem fühlte es sich... erleuchtet. Alles rings um ihn, in ihm und durch ihn war Licht.

"Viel geiler als Sauerampfer!", dachte das Schaf, lies diesen Moment jedoch im Interview mit Isabell Igel aus. Danach stand sein Wollkleid für mehr als vier Monate kerzengerade vom Körper ab, was ihm für einen gewissen Zeitraum den Spitznamen "Mettigel" einbrachte. Seit jener Zeit übrigens, so hört man aus Elektrikerkreisen, seien auf allen Stromkabeln Warnhinweise vor Schafen zu finden.

Schlagartig erlosch das Licht im Zirkuszelt. Panisch sprangen die Zuschauer von ihren Sitzen. Die Kapelle spielte noch drei, vier Takte, dann bestimmte das blanke Chaos die Akustik. Während die Menschen hastig aus dem Zirkuszelt zu fliehen versuchten, assistiert von Ordnern mit irrlichternden Taschenlampen, sollte Brumm nun seinen Teil der Aufgabe erfüllen.

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Der Bär hatte sich genau eingeprägt, wen er befreien sollte: Einen Esel, ein Einhorn und einen gewissen Horst mit seinem Sohn Miaubrumm.
In Vorbereitung auf die Mission hatte sich Brumm von Fred in einem der vielen Bücher, die der Fuchs in seiner Bibliothek stehen hatte, zeigen lassen, wie ein Esel und wie ein Einhorn aussieht. Das war innerhalb weniger Minuten erledigt: Der eine etwas kleiner als ein Pferd, aber grau und viel schlauer, das andere quasi wie ein Pferd, nur mit Horn.

Allerdings konnten sie keine Quelle finden, die einen Horst und seinen Sohn Miaubrumm beschrieb. So recherchierten sie an Freds Computer weiter. Zum Suchbegriff "Horst" fanden sie schließlich im Internet lustige kleine Filme von Menschen, die ziemlich bekloppte und meist auch schmerzhafte Sachen machten. Brumm tat der Bauch weh vor Lachen. Fred aber schüttelte ungläubig mit dem Kopf. "Und so einen Horst sollen wir aus dem Zirkus befreien?"

Zum Glück gab es noch andere Suchergebnisse zur Horst-Anfrage, aber es wurde einfach nicht besser. Da gab es zum Beispiel einen Alleinunterhalter namens "Der schöne Horst". Der spielte zum Tanz Musik von seinem Kassettenrekorder und wurde von älteren, alleinstehenden Damen angehimmelt. Und weil sie schlechte Augen hatten, konnten sie nicht sehen, dass die blonden Locken auf seinem Kopf in Wahrheit einer Perücke entstammten. Und dass der schöne Horst in Wahrheit auch nicht schön war.

Inmitten des Chaos im Zirkuszelt sollte nun also Brumm die ihm zugeteilte Aufgabe erfüllen. Aber Brumm war nicht da. Nervös kaute Fred an einem Grashalm.
"Verdammt, wo bleibt der nur?!", fluchte er leise. "Bald haben die Zirkusleute das Chaos geordnet und die Zuschauer nach draußen geführt, dann haben wir keine Chance mehr, unsere Befreiungsaktion erfolgreich zu Ende zu bringen. Verdammt!"
Dann sah er etwas großes, dunkles auf sich zukommen. Beim näher kommen entpuppte sich das große, dunkle als die Silhouette des Bären. "Team Delta meldet sich zum Einsatz", sprach Brumm den Fuchs beinahe fröhlich an.
"Verdammt, wo wart ihr denn so lange?!", schimpfte der Fuchs verärgert. "Die ganze Operation droht zu scheitern wegen deiner Unpünktlichkeit! Los jetzt! Du musst dich beeilen, Brumm!"

"Nicht mal mehr in Ruhe kacken darf man neuerdings im Wald!", maulte Brumm und wollte trotzig wieder nach Hause gehen.
"Mach hin jetzt!", herrschte ihn Fred an. Sollte denn die ganze Vorbereitung und Planung umsonst gewesen sein? Verzweifelt sah er Brumm an. Da besann sich der Bär und stürzte sich ins Getümmel. Das Eichhörnchen bemühte sich, eng hinter Brumm zu bleiben. Im Tumult entriss der Bär einem Ordner dessen Taschenlampe und betrat das Zirkuszelt.

Mitten in der Manege stand ein verängstigter Esel, der eine ziemlich fette und sehr rothaarige Katze mit einem buschigen und gestreiften Schwanz auf seinem Rücken trug.
"Folgt mir!", rief Brumm den beiden zu. "Ich hole euch hier raus." Und weil der Esel keinerlei Anstalten machte, sich zu bewegen, erklärte Brumm, dabei auf das Eichhörnchen weisend: "Wir haben eure Flaschenpost gefunden. Kommt jetzt, wir befreien euch!" Da endlich bewegte sich der Esel und folgte Brumm, der mit kräftigen Sprüngen in Richtung Hinterausgang lief.

Völlig außer Atem erreichte Brumm seine Höhle. Immer wieder hatte er sich während der Hatz durch den Wald umgedreht. Zum einen, um sich zu vergewissern, dass ihm der Esel noch folgte, zum anderen aber, um zu sehen, ob die Zirkusleute ihnen schon auf den Fersen waren. Zum Glück war das nicht der Fall.

"Endlich sind wir da", sagte das Eichhörnchen, als es mit eleganten Sprüngen aus den Wipfeln der Bäume Brumm erreichte und ihn vor dessen Höhle umarmte. "Ich hatte die Route über die Bäume gewählt. Das schien mir sicherer. Außerdem hätte ich von oben etwaige Verfolger mit Tannzapfen bewerfen können."
Mein kleines, tapferes Eichhörnchen, dachte Brumm gerührt. Und voller stolz küsste er zärtlich seine Kati.

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Auch der Fuchs freute sich, den Bären wohlbehalten wieder zu sehen. Der hatte offenbar trotz seiner Unpünktlichkeit seine Aufgabe perfekt erfüllt. Zufrieden klopfte er dem Bären auf die Schulter. "Gut gemacht, Großer!"
Dann begrüßte er den Esel und die fette Katze auf dessen Rücken. "Schön, dass ihr bei uns seid. Wir haben eure Flaschenpost gefunden und dann einen Plan geschmiedet, euch aus dem Zirkus zu befreien."

"Das war wirklich sehr nett von euch", antwortete der Esel und bedankte sich. Es war ein wunderschönes Tier mit einer stolzen Mähne und Knopfaugen von endloser Tiefe.
Nach einem ersten Verschnaufen machten sich die Tiere miteinander bekannt. "Ich bin Brumm, der Bär. Und das ist meine liebe Kati, das liebste Eichhörnchen der Welt", stellte Brumm erst sich und dann Kati vor. "Und Fred, den Fuchs, kennt ihr ja inzwischen auch schon."
"Ich bin der Herr Esel und auf meinem Rücken sitzt der kleine Miaubrumm."
"Ah, dann ist Miaubrumm also eine dicke Katze", folgerte Brumm und war zufrieden, dass dieses Rätsel gelöst schien.

"Ich bin keine dicke Katze!", begehrte der kleine Miaubrumm energisch auf. "Ich bin ein roter Panda. Oder eben ein Katzenbär! Wie mein Papa Horst."
"Ein Katzenbär, wie süß!", rief Kati begeistert. "Dann seid ihr am Ende miteinander verwandt?", fragte sie Brumm und konnte die Augen nicht von dem niedlichen kleinen Neuankömmling lassen.
"Katzenbär?", wunderte sich Brumm. "Was es nicht alles gibt..." Doch bevor er sich über ein etwaiges Verwandtschaftsverhältnis auslassen konnte, fiel dem Fuchs auf, dass ihre Mission offenbar doch nicht so erfolgreich war. Zum einen war das Schaf noch immer nicht von seinem Einsatz zurückgekehrt, zum anderen sollte ja auch noch ein gewisser Horst - offenbar Miaubrumms Papa - und eine Leni befreit werden.

"Vielleicht kommt Schafi gleich zurück und bringt die beiden mit", hoffte Kati. Doch der Fuchs begann sich große Sorgen zu machen. "Lasst uns einen Suchtrupp bilden und nach dem Schaf Ausschau halten. Entweder hat es sich verirrt oder es wurde von den Zirkusleuten gefangen genommen."
"Im schlimmsten Fall als Geisel und wir müssen den Esel und den Katzenbären austauschen, um unser Schafi zurück zu bekommen", mutmaßte Kati und machte ein erschrockenes Gesicht.
"Um Gotteswillen", entfuhr es dem Fuchs. "Los, mir nach, wir gehen Schafi suchen!"

Und genau in diesem Augenblick erreichte ein dunkles Ding die Bärenhöhle, ein fremdartiges, laut keuchendes Ding, dem das Fell wie feine Drähte senkrecht vom Körper abstand.
Schutzsuchend versteckte sich das kleine Eichhörnchen hinter dem Bären, während das seltsame Ding immer wieder ein heißeres "Mööööh!" hervorstieß.
"Was ist das?", fragte der Esel beunruhigt.

"Möööh, da seid ihr ja", sagte das Schaf mit kratziger Stimme. "Ich hatte mich ein bisschen verlaufen. Seit ich das Kabel zerbissen habe, ist überall Licht um mich herum und mir ist wie Sauerampferdelirium!"
"Was ist denn mit dir passiert?", fragte da Hansi Hase, der sich unbemerkt aus dem Bau geschlichen und somit eigenmächtig den Stubenarrest beendet hatte. "Du siehst ja aus wie ein Mettigel!"
Lautes Gelächter in Brumms Höhle!

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Was waren die Freunde aber erleichtert, dass auch das Schaf relativ Wohlbehalten von der Mission zurückgekehrt war. Nun gut, es war ein bisschen ramponiert und sah in der Tat wie ein Mettigel aus, aber Kati kramte bereits in ihren Kosmetiksachen und suchte eine Spülung, um Schafis abstehendes Wollkleid zu bändigen. "Zur Not müssen wir eben Gel nehmen", beruhigte sie das Schaf.

Weil es inzwischen schon sehr spät geworden war, ordnete der Fuchs Bettruhe an. "Der Esel kann bei Schafi im Stall schlafen. Aber wohin mit der fetten Katze?" Miaubrumm begehrte sofort auf, keine fette Katze zu sein. Außerdem zog er es vor, bei Herrn Esel zu schlafen. Aber noch schöner wäre es, und der Kleine sagte es mit viel Traurigkeit in der Stimme, wenn sein Papa mit hier sein könnte.
"Darum kümmern wir uns morgen, kleiner Miaubrumm", versprach der Fuchs und lächelte dem roten Panda aufmunternd zu. Und während Fred den Neuankömmlingen eine gute Nacht wünschte, hörte er den Esel markerschütternd seufzen.
"Herr Esel, was ist mit dir?", wollte der Fuchs wissen. "Ach, ich vermisse meine Leni so sehr. Wir waren noch nie voneinander getrennt. Ob ich ihr wohl jetzt auch fehle und sie sich um mich sorgt?"

"Ah, ich verstehe", antwortete der Fuchs. "Leni, das schönste Einhorn der Welt." Für einen Moment schwieg Fred, als suchte er die richtigen Worte. Dann sprach er mit gedämpfter Stimme weiter: "Ich weiß, du kennst uns noch nicht. Aber du kannst mir glauben, wir haben schon ganz viele andere schwierige Situationen gemeistert. Ich glaube fest daran, dass wir auch deine Leni und Miaubrumms Papa befreien werden. Nicht wahr, Freunde?" Zustimmend nickten die Tiere. Schafi sogar zweimal.
"Wir werden morgen beraten und nach einer Möglichkeit suchen", versprach der Fuchs. Das schien den Esel für den Moment zu beruhigen. Da aber meldete sich der kleine Miaubrumm: "Ich kann nicht schlafen. Es ist alles so fremd hier und mein Papa ist auch nicht da!", sagte er traurig. Ratlos sahen sich die Freunde an.
Kati hüpfte schnell zu Miaubrumm und versuchte ihn zu trösten.

"Hm, was würde dir denn jetzt helfen?", fragte das Eichhörnchen mitfühlend und streichelte den kleinen Katzenbären. "Soll dir Brumm vielleicht eine Geschichte zum Einschlafen erzählen?"
"Nein. Aber Weintrauben wären jetzt gut. Ich mag Weintrauben sehr. Habt ihr Weintrauben?", fragte Miaubrumm und wischte sich eine Träne aus seinem Gesicht.
"Leider nicht", antwortete Kati bedauernd. "Wir haben sie gegoogelt, aber leider wachsen sie nicht in unserem Wald. Magst du stattdessen einen Haselnusskeks?"
"Ach was, Haselnusskeks", plapperte da das Schaf dazwischen. "Ich habe da etwas mit viel mehr Kick, das musst du unbedingt ausprobieren!" Er kramte in seiner Tasche und bot Miaubrumm etwas Sauerampfer an. "Was ist das?", wollte der Katzenbär wissen.

"Eigentlich nur Grünzeug und im Grunde verwende ich es nur dazu, meine Schneidezähne zu polieren. Sieh mal", und er zeigte sein makelloses Pflanzenfressergebiss. "Altes Familienrezept. Aber es hilft auch gegen Langeweile und Traurigkeit. Hier, probier mal."
"Um Himmelswillen, nein!", rief Kati besorgt und wollte unbedingt verhindern, dass der kleine Katzenbär Sauerampfer bekommt. Doch zu spät! Dankend nahm Miaubrumm das ihm unbekannte Grünzeug entgegen. Vorsichtig nahm er einen ersten, kleinen Bissen und begann andächtig zu kauen. Dann kam ihm eine Idee: "Du solltest eine besonders große Portion versuchen", empfahl der Katzenbär dem Schaf, während er die fremdartige Pflanze vorsichtig kaute. "Vielleicht hilft es ja auch gegen wild abstehendes Mettigel-Fell."

"Können wir uns jetzt bitte mal auf das Wesentliche konzentrieren?", warf da der Fuchs ein. Er machte ein nachdenkliches, beinahe besorgtes Gesicht: "Ist euch eigentlich klar, dass die zweite Befreiungsaktion nun ungleich schwieriger wird? Die Zirkusleute sind nach der Befreiung des Herrn Esel und Miaubrumms gewarnt und werden Wachen aufgestellen. Es muss also ein ganz besonders ausgefeilter Plan her!", sagte er in die Runde der um Brumms großen Küchentisch versammelten Freunde.

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Der Bär wusste sofort, welche Utensilien diesmal benötigt würden: "Wir brauchen eine leere Bierflasche, einen rostigen Nagel, drei Luftballons und einen 17er Schraubenschlüssel! Ich habe nämlich einen Plan!"
Verständnislos sahen sich die Freunde an. Kati musste lachen und klärte auf: "Brumm hat in der Menschenwelt alle Folgen der Olsenbande im Fernsehen gesehen. Er liebt diese Filme wirklich sehr." Und zu Brumm gewandt und mit viel Nachsicht in der Stimme: "Aber das war nur Fernsehen. Das hier, mein liebster Brumm, das ist real. Da helfen weder eine leere Bierflasche noch ein rostiger Nagel."
"Und ich dachte, das sei auch Bildungsfernsehen gewesen." Nachdenklich versteckte er seinen Kopf hinter seinen Tatzen. "Nicht mal mehr dem Fernsehen kann man trauen, brumm!"

Nachdenklich sahen sich die Tiere an. Es war schon eine schwierige Sache, so einen Befreiungsplan auszuknobeln! Hansi Hase, der die Nacht zur Sicherheit gleich in Brumms Höhle geblieben war, weil er nicht wusste, ob ihn seine liebe Gattin am Morgen wieder aus dem heimischen Bau ließ, kniff vor lauter anstrengendem Nachdenken die Augen zu und bließ die Backen auf.
Schafi stöhnte sogar ganz leise beim überlegen, aber ihm wollte nichts einfallen. Der Fuchs schien ins Leere zu starren und Herr Esel spielte mit seinen Ohren.

Gerade wollte der kleine Miaubrumm etwas sagen, da hatte das Eichhörnchen plötzlich eine verwegene Idee: "Wenn wir als Menschen in den Zirkus gehen könnten, würde niemand von uns Notiz nehmen. Wir könnten so tun, als seien wir ganz normale Besucher der Vorstellung und müssten zur Toilette. Und dann versuchen wir, Miaubrumms Papa und Leni zu befreien. Was meint ihr?" Gespannt blickte sie in die Gesichter der Anwesenden.

Brumm konnte sich schon denken, worauf dieser Vorschlag hinauslief: Er würde wieder durch das Portal in die Menschenwelt reisen müssen und dann würde er wieder Bauchweh vor Aufregung bekommen und krank werden und am Ende halfen dann nur Unmengen von Schokoladenpudding für eine schnelle Genesung, was aber wiederum schlimmes Bauchweh vom vielen Pudding nach sich zog und dann schon lieber viel Schokoladenpudding ohne aufregende Reisen durch das Portal...

Da kam ihm der Fuchs unerwartet zu Hilfe: "Tolle Idee, aber wie willst du durch das Portal in die Menschenwelt gelangen, wenn Schafi den Schlüssel nicht 'rausrückt?"
Alle sahen gespannt zu Schafi. "Ach, an mir soll's nicht liegen."
"Ich gebe aber zu bedenken, dass wir jemanden anderes als das Schaf mit in die Menschwelt nehmen sollten, denn Schafi ist dort nur ein Plüschtier und daher keine große Hilfe", wandte Brumm ein. "Der Fuchs müsste mitkommen, aber der darf ja leider nicht durch das Portal." Puh! Gut argumentiert, dachte Brumm.
Das Thema schien vom Tisch zu sein. Mit einem gewissen Triumph in den Augen schlug der Bär dann vor: "Ich gehe gleich heute Abend noch mal ins Zirkuszelt und verhaue die Leute solange, bis sie das Einhorn und den Katzenbärenpapa freiwillig gehen lassen. Na, was sagt ihr dazu?"

"Das ist wirklich eine gute Idee", sagte das Schaf und Brumm atmete auf. "Der Fuchs muss euch in die Menschenwelt begleiten!" Hatte das Schaf überhaupt zugehört, dachte Brumm verwirrt. Oder ist der schon wieder im Sauerampferdelirium?
"Die Frage ist", fuhr das Schaf fort, "ob ich das Portal beschwören kann, den Fuchs mit euch reisen zu lassen."
"Ich möchte jetzt bitte eine ganz besonders große Portion Schokoladenpudding!", bat Brumm mit leiser Stimme.

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Damit war es beschlossen: Fred, Brumm und Kati sollten durch das Portal reisen und in Menschengestalt Leni, das schönste Einhorn auf der ganzen Welt, wie Herr Esel nicht müde wurde zu betonen, und Horst, den Papa des kleinen Katzenbären Miaubrumm, befreien. Sobald es die beiden Gefangenen aus dem Zirkus geschafft haben würden, sollten sie an Hansi Hase und das Schaf übergeben und durch den Wald zu Brumms Höhle geführt werden.

Herr Esel forderte, selbstverständlich mit zum Zirkus zu gehen zu dürfen und seine Leni mit zu befreien, aber das war zu gefährlich. "Stell dir vor, die Zirkusleute entdecken dich. Dann nehmen sie dich wieder gefangen und alles war umsonst!", gab das kleine Eichhörnchen zu bedenken. Da Herr Esel ein sehr kluger Esel war, leuchtete ihm Katis Einwand ein.

"Gut, dann weiter im Plan", fuhr der Fuchs fort. Nach getaner Arbeit und der Passage durch das Portal sollten das Eichhörnchen, der Bär und der Fuchs ebenfalls zu Brumms Höhle zurückkehren. Unklar war noch, wie es gelingen sollte, dass Fred die beiden auf ihrer Mission begleiten könnte. Denn soviel stand fest: Bei diesem schwierigen Einsatz würde die Klugheit des Fuchses ganz gewiss eine große Hilfe sein.
Schafi winkte ab. "Das lasst mal meine Sorge sein. Solche Dinge regeln sich immer intuitiv." Verständnislos sahen sich die Freunde an. "Bist du wieder im Sauerampferdelirium?", fragte Hansi Hase.
"Ach was", entgegnete das Schaf. "Lasst mich nur machen."

So zogen die Tiere nach dem Mittagessen gemeinsam zur im vergangenen Sommer nach einem Blitzschlag umgestürzten großen Eiche, in deren mächtiger Wurzelhöhle sich der Zugang zum Portal in die Menschenwelt befand. Aufgeregt plapperten die Freunde durcheinander. Als sie angelangt waren, bat das Schaf mit einem tiefen, fast schon grollenden "Möööh!" um Ruhe. Es müsse sich nun konzentrieren, erklärte es und schloss die Augen. Es schien mit sich selbst zu reden, Kati vernahm einen geflüsterten Singsang, dem ein gewisser Rhythmus innewohnte. Dann brach der Singsang unvermittelt ab.

Mit geschlossenen Augen entnahm das Schaf seiner Tasche den Schlüssel zum Portal, führte ihn in ein imaginäres Schloss und begann mit tiefer Stimme die magischen Worte zu deklamieren:
Der Wächter nun wie je erscheint und Schlüssel sich mit Schloss vereint
So öffne dich, oh hehres Tor und sei Portal uns wie zuvor
Doch nichts soll so wie immer sein, lass das schlaue Füchslein ein
Es ist auf dieser Reis' von Nöten, sonst geht uns die Mission noch flöten

"Bitte was?!", entfuhr es dem Fuchs, der vor allem den letzten Satz der Beschwörungsformel für reichlich daneben hielt, aber anscheinend hatte das Schaf mit seinen seltsamen Versen Erfolg: Plötzlich, wie aus dem Nichts, erstrahlte ein fluoreszierendes Leuchten direkt aus der Mitte der Höhle. Der Mechanismus des Portals hatte sich bereits in Gang gesetzt. Brumm hatte sein Eichhörnchen im Arm und packte den Fuchs an der Vorderpfote. Dann schloss er tapfer die Augen.

Fred bemerkte, wie der Bär seine Vorderpfote kräftig umschloss. So kräftig, dass er sich in einer Falle gefangen glaubte. Der Schmerz verging so schnell wie er gekommen war. Verwundert bemerkte der Fuchs eine sanfte Kraft, die ihn einhüllte und mit sich zog. Er glaubte sich in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass er die Augen nicht öffnen konnte. Sein Körper schien zu zerfließen, das Fell des Fuchses bestand aus Millionen kleiner Funken.

Fred spürte ein intensives Kribbeln, gerade so, als ob er mit seinen Verwandten, den Polarfüchsen, über das Eis tobte und ihn die Kälte mit winzig kleinen Eiskristallen umhüllte. Ein kalter Lufthauch - und plötzlich war das Leuchten verschwunden. Und mit ihm die Höhle. Fred öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. "Ich schwebe", dachte der Fuchs verwundert. Es fühlte sich an, als hätte er zuviel von Schafis Sauerampfer genascht. Höher, stetig höher stieg der Fuchs und wurde immer leichter, bis er nahezu schwerelos in eine gleißende Sonne zu schweben schien. Im nächsten Moment spürte er sein Gewicht wieder, aber etwas war anders. Das Schweben hatte aufgehört. Vorsichtig öffnete Fred erneut die Augen.

Verwundert versuchte er in Worte zu fassen, was er sah. Es gelang ihm nicht. So fremd, dachte der Fuchs, und zugleich auch vertraut, weil er sich noch gut an Katis und Brumms Beschreibungen erinnern konnte, wenn sie von ihren Reisen erzählten.

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Das also ist die Menschenwelt, dachte Fred, als er sich gefasst hatte. Der Bär neben ihm hatte sich in einen stattlichen Mann mittleren Alters mit einem Bärenbäuchlein verwandelt. Und das kleine Eichhörnchen? Aber Hallo!, dachte der Fuchs, als er Kati von der Seite musterte. Was für eine aufregende Erscheinung, dieses Eichhörnchen in Menschengestalt! Da bekommt man ja direkt unkeusche Gedanken...

Nun war er aber auch sehr gespannt auf sein menschliches Antlitz. Wie bei ihrer zweiten Reise im vergangenen Jahr waren Kati und Brumm wieder in der Bibliothek in die Menschenwelt eingetreten. Hier kannte sich Kati aus. Sie führte Fred zu einem Spiegel und musste lachen.
Fred betrachtete sich lange. Ein junger Mann mit feuerrotem, nach allen Seiten lustig abstehendem, wuscheligem Haar schaute ihm entgegen. Kati lachte immer noch: "Du siehst aus wie Nick Hugnell, der Sänger von Simply Red!"
Darauf der Fuchs: "Woher kennst du denn Nick Hugnell?"
"Wer ist das überhaupt?", fragte ein Student, der gerade vorüber ging. Aber vermutlich galt seine Frage gar nicht ihnen. Offensichtlich telefonierte er, zumnidest ließen die lustigen weißen Stöpsel in seinen Ohren dies vermuten. Aber vielleicht war er einfach nur gestört.
"Ich vermute, sie empfängt auf dem Fernsehgerät in der Menschenwelt auch MTV, und kennt diesen Nuck Hignell daher", mutmaßte Brumm.
"Egal, das ist jetzt nicht so wichtig", entgegnete der Fuchs. "Wir sollten uns schleunigst auf den Weg zum nördlichen Waldrand machen. Dumm nur, dass ich nicht weiß, wo das ist."

"Ich weiß es, ich weiß es", rief da Brumm ganz aufgeregt. "Wir nehmen Katis schönes Auto, das hat ein Navigationsgerät. Damit kommen wir ganz schnell zum Zirkuszelt. Vielleicht nur mit einmal verfahren", fügte der Bär noch hinzu. "Ich muss im Navi nur unter N schauen wie nördlicher Waldrand. Oder Z. Klar, Z wie Zirkus. Ist doch einfach!", freute sich der Bär.

Fragend sah der Fuchs das Eichhörnchen an. Doch Kati zog ihn einfach an der Hand. Jetzt war keine Zeit für lange Erklärungen. "Komm mit!", forderte sie Fred auf.
So liefen sie so schnell sie konnten zu Katis Auto, das vor ihrem Kobel in der Menschenwelt geparkt stand. Brumm fuhr es sicher zum Zirkusplatz. Dort angekommen, stellten sie es unauffällig zwischen den Autos der anderen Besucher auf dem provisorischen Parkplatz ab und sondierten die Lage.
Viele Menschen standen bereits am Kassenhäuschen und versuchten noch eine Eintrittskarte für die Abendvorstellung zu bekommen.

"Hoffentlich kommen wir da noch mit hinein", äußerte der Fuchs seine Sorge, die Vorstellung könnte ausverkauft sein. Was dann?
"Dann gehe ich mal lieber los und versuche uns Tickets zu kaufen", sagte Kati und verließ das Auto mit den Worten: "Ich bezahle das."
Als sie mit den Eintrittskarten zurück kam, die entscheidende Frage: "Und nun?"
"Jetzt gehen wir in die Vorstellung", schlug Fred vor. "Sobald der Auftritt des Einhorns mit dem Katzenpapabären..." Nun hatte sich der Fuchs verhaspelt.
Doch das Eichhörnchen half: "Papabärenkatze... ähm, Katzenbärenpopo..."
"Horst. Der Papa von Miaubrumm heißt Horst", sagte Brumm gedehnt und forderte Fred auf, weiterzusprechen.
"Gut. Sobald der Auftritt des Einhorns mit Horst zu Ende gegangen ist, verlasst ihr zwei eure Plätze und gebt vor, auf die Toilette zu gehen."

"Und wenn ich gar nicht muss?", fragte Brumm.
Irritiert sah ihn Fred an. "Dann gehst du trotzdem! Das ist ein ganz wichtiger Teil des Plans. Ihr müsst versuchen, hinter das Zirkuszelt zu gelangen, denn dort befinden sich die Käfigwagen der Tiere. Sobald ihr Horst und Leni befreit habt, übergebt ihr sie dem Hasen und Schafi. Wir treffen uns dann wieder hier am Auto."
Kati nickte. "Und wenn etwas schief geht?", fragte das kleine Eichhörnchen mit Sorge in der Stimme.
"Treffen wir uns auch wieder hier", antwortete der Fuchs.

Die drei fassten sich bei den Händen und wünschten sich Glück, atmeten noch einmal tief durch, dann verließen sie das Auto.

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Sie reihten sich in die Schlange der auf Einlass Wartenden ein; es ging nur langsam voran. Als sie schließlich nur noch wenige Meter vom Eingang des Zirkuszeltes entfernt waren, stockte Brumm der Atem. Dem Ordner, der vorn am Eingang die Eintrittskarten abriss, hatte er während des Chaos' der ersten Befreiungsaktion die Taschenlampe aus der Hand gerissen. Was, wenn der mich erkennt?

"Mach dir keine Sorgen", beruhigte ihn Kati, als er ihr flüsternd seine Beobachtung mitteilte. "Der kennt dich doch nur als Bär und er wird in 50 Jahren noch seinen Enkeln erzählen, dass er in seiner Jugend mal mit einem Bären gekämpft hatte. Aber jetzt bist du ein Mensch wie jeder andere hier. Du wirst nicht auffallen."
Brumm zwang sich, ruhig zu atmen. Doch mit jedem Schritt, den sich die Schlange der Wartenden dem Eingang näher schob, schlug sein Herz schneller. Nun waren nur noch drei Menschen vor ihm. Dann zwei. Eins. Brumm!
Der Ordner musterte den Bären intensiv. "Hey, von irgendwoher kenne ich dich doch", sagte er dann.
Brumm rutschte fast das Herz in die Hose. "Das kann gar nicht sein", antwortete er dann mit gesenktem Kopf. Seine Stimme klang vor Aufregung ganz rau. "Im richtigen Leben bin ich nämlich ein Bär."
"Ha ha, Scherzkeks", antwortete der Ordner und ließ Brumm, Kati und Fred in das Zirkuszelt eintreten. Schnell gingen sie zu ihren Plätzen und warteten gespannt auf den Beginn der Vorstellung.

Dann endlich ertönte ein Gong, das Licht erlosch und das Getuschel der Zuschauer verstummte allmählich. In die nur mit einem Scheinwerfer beleuchtete Manege trat der Zirkusdirektor und begrüßte die Zuschauer. Er entschuldigte sich, dass eine der Hauptattraktionen - ein auf einem sprechenden Esel reitender kleiner roter Panda - nach einem ärgerlichen Zwischenfall heute Abend leider nicht gezeigt werden könne. Dafür aber dürften sich die Zuschauer auf das Duett des wohl schönsten Einhorns der Welt mit einem Katzenbären auf einem Gymnastikball freuen. "Oho!", flüsterte Fred Brumm ins Ohr, "dann sind wir also nicht umsonst gekommen."

Es reihte sich Darbietung an Darbietung. Staunend verfolgte der Fuchs einen Jongleur, der wohl an die hundert kleine, glänzende Bälle gekonnt durch die Luft wirbeln ließ und nicht einer davon fiel zur Erde. Das nenne ich mal Hand-Augen-Koordination, dachte Fred anerkennend.
Begeistert applaudierte der Bär einem Clown, der fast so tollpatschig wie Brumm zu sein schien und allerhand lustiges Durcheinander mit seiner Ungeschicklichkeit verursachte. Die Manege dröhnte vom Lachen der Zuschauer.
Das Eichhörnchen wiederum erfreute sich sehr an einer wunderschönen Tänzerin, die sich auf einem Seil hoch über den Köpfen der Zuschauer anmutig bewegte und trotz gewagtester Schritte nicht herunter fiel. Kati wusste aus eigener Erfahrung, dass es dafür viel übung benötigte, war sie doch selbst auf gewisse Weise eine Hochseilartistin, wenn sie mit wagemutigen Sprüngen durch die Wipfel der höchsten Bäume des Waldes tobte.

Endlich kündigte ein langer, langsam aufsteigender Trommelwirbel die Attraktion des heutigen Abends an. Die Manege war in völlige Dunkelheit getaucht, die Zuschauer verharrten in aufmerksamer Stille.
"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder!", vernahmen die Zuschauer nun eine Stimme aus den Lautsprechern. "Bitte beachten Sie, dass die so eben gehörte Ansage für alle jetzt bekannten und künftig noch zu entdeckenden Geschlechter gilt."
Sphärisches, stetig heller werdendes Licht verwandelte die Zirkusarena in eine magische Welt. "Erleben Sie nun das Duett des schönsten Einhorns der Welt mit einem Katzenbären auf einem Gymnastikball! Applaus für Leni und Horst!" Und tatsächlich: In der Mitte der Manege sahen die Zuschauer nun ein wunderschönes Einhorn, neben ihm ein roter Panda auf einem lilafarbenem Gymnastikball.

"Wer sich so 'was nur immer ausdenkt", dachte Brumm kopfschüttelnd und mutmaßte, säße er statt des Katzenbären auf dem Gymnastikball, wäre der schon längst geplatzt. Also der Ball, nicht der Katzenbär. Aber zum Glück musste Brumm ja nicht in einem Zirkus auftreten.

Es war ein wunderschönes Duett, fand Kati. Das Einhorn bewegte sich fast synchron mit dem roten Panda zur Melodie von "My Heart Will Go On". Während Leni mit ihrer hohen Stimme jeden Ton perfekt und - so schien es - ohne Mühe traf, brummte Horst widerwillig vor sich hin und hoffte, sich bis zum Ende des Liedes auf dem Ball halten zu können. "Wenn doch nur das blöde Licht bald wieder ausgeht", dachte er grimmig, "damit ich endlich die Manege verlassen kann!"

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Nun die schwierigste Stelle des Liedes: Eine Steigerung um eine ganze Oktave. Dazu erfüllten plötzlich wie aus dem Nichts kommend Millionen von Seifenblasen das Zirkuszelt, die im Licht der Scheinwerfer die Farben des Regenbogens annahmen.
"Seifenblasen!", dachte Horst. "Immer diese bekloppten Seifenblasen! Weintrauben wären mir jetzt lieber!"

"Schön", flüsterte Kati, die um ein Haar vergessen hatte, weshalb sie an diesem Abend den Zirkus besuchten. "Wie anmutig das Einhorn ist, und auch so stolz!"
Die Musik verklang, dann verlosch das Licht und mit ihm der Zauber dieses Moments. Frenetischer Beifall brandete auf und wollte nicht verstummen. Fred konnte im kargen Restlicht der Arena gerade noch erkennen, wir der rote Panda und das Einhorn von den Zirkusleuten aus der Manege geführt wurden.
"Jetzt jeder auf seinen Platz!", befahl der Fuchs. "Es geht los!"

Jedoch einige Stunden zuvor im Wald: Das Schaf und Hansi Hase wollten sich gerade auf den Weg zum Zirkuszelt zu machen, um wie vereinbart Leni und Horst abzuholen für den Fall, dass der Einsatz von Fred, Kati und Brumm erfolgreich war, da stellte sich ihnen Frau Hase in den Weg.
"Wo willst du denn hin, Sportsfreund?!", fragte sie Hansi, dem vor Schreck ganz blümerant wurde.
"Ich wollte... ich muss... also jetzt gleich...", stammelte Hansi und dachte, das darf doch jetzt nicht wahr sein!
"Du weiß schon, dass du Stubenarrest hast? Und wann du wieder raus darfst, bestimme immer noch ich! Am Ende ziehst du wieder durch den Wald und besäufst dich hemmungslos mit deinen sogenannten Freunden, dass man sich nur noch schämen mag. Und ich habe daheim die ganze Arbeit!"

Und an Schafi gewandt: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich alles am Hals habe: Die Kinder, den Haushalt, einkaufen muss ich auch noch und Karriere wollte ich auch mal machen! Anstatt mich zu unterstützen, zieht es den feinen Herrn raus zu seinen Freunden. Feine Freunde, die ihm Alkohol geben!" Zur Bekräftigung ihrer Worte schüttelte Frau Hase mit dem Kopf.

"Mäh?", antwortete das Schaf verständnislos. "Tut mir leid, Frau Hase, aber wir haben jetzt wirklich keine Zeit dafür. Wir sind zu einer streng geheimen Mission unterwegs." Und zum Hasen gewandt: "Komm Hansi!" Und gerade wollten sich die beiden auf den Weg machen, da rief Frau Hase sehr energisch und mit einem drohenden Unterton in ihrer Stimme: "Hase, du bleibst hier!"

Zur selben Zeit am nördlichen Waldrand: Auf das Kommando des Fuchses verließen Kati und Brumm ihre Plätze - vorgeblich, um die Toilette aufzusuchen. In Wahrheit aber suchten sie nach einem Weg zu den Käfigen von Leni und Horst. Fred hielt sich sichernd im Hintergrund.

Kaum hatten sie das Zelt verlassen, folgte Kati ihrem Instinkt und lief in Richtung des hinteren, dunklen Teil des Zirkusareals. "Hier lang, Brumm!", forderte sie den Bären auf, als der unschlüssig stehen blieb. Er zögerte einen Moment, besann sich dann aber darauf, dass seine Kati in Sachen Orientierungsvermögen viel vermögender war als der Bär.

Schnell liefen sie weiter. Das Zirkuszelt im Rücken, mussten sich da vorn, nur noch spärlich beleuchtet, die Käfige der Zirkustiere befinden. Das ging ja einfach, dachte Brumm, als Kati abrupt stehen blieb. "Warte!", flüsterte sie Brumm zu, der sie beinahe über den Haufen gerannt hätte. "Da!"

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Und jetzt sah auch Brumm, was Kati Sekunden vor ihm gesehen hatte: Aus der Richtung des Bereichs, in dem sie die Käfige vermuteten, kam ein Mann gelaufen. Und er schien direkt auf sie zuzukommen. Was nun?
"Ich habe eine Idee", flüsterte Kati und trat aus dem Halbschatten des Zirkuszeltes heraus. Nun war sie für den Mann, der immer näher kam, gut zu sehen.
"Wohin des Wegs, schöne Frau?", sprach er Kati an.
"Ich suche einen Zirkusmitarbeiter, der mir für ein Interview und ein paar Fotos der Artisten zur Verfügung stehen kann."
"Ah, Presse.", folgerte er.
"Ja, ich komme von der Waldzeitung", bestätigte Kati und biss sich vor Schreck auf die Lippe. Waldzeitung! Du liebe Güte! Jetzt drohte doch beinahe alles aufzufliegen und ihr schöner Plan wegen einer einzigen unbedachten äußerung zu scheitern!
"BILD-Zeitung! Hätte nicht gedacht, dass euch das Zirkusleben interessiert", freute sich der Mann.

"Was möchten Sie denn sehen?" Bereitwillig führte er die schöne Journalistin in den Wohnwagenbereich des Zirkusgeländes. Kaum waren sie außer Sichtweite, trat Brumm aus dem Schatten heraus und lief gebückt zu den Käfigen. Sichernd schaute er sich um. Kein Zirkusmitarbeiter weit und breit zu sehen. Flüsternd rief er in die Dunkelheit: "Leni? Horst?" Keine Antwort.
Noch einmal: "Leni? Horst?"
Nun hörte er ein zartes Stimmchen, das "Hier!" rief, gefolgt von einem dunklen Grummeln: "Wer will das wissen?"

So folgte Brumm den Stimmen und gelangte ohne Umwege zum Käfig des Katzenbären und des Einhorns. Auf den ersten Schreck vor dem ihnen unbekannten Menschen, von dem aber offensichtlich keine Gefahr ausging, folgte die natürlichste aller Regungen: "Hast du Weintrauben mitgebracht?", fragte Horst mit großen Augen.
"Leider nicht", antwortete Brumm bedauernd. "Magst du stattdessen vielleicht einen Haselnusskeks? Den hat meine liebe Kati gebacken. Weintrauben wachsen leider nicht in unserem Wald. Wir haben sie gegoogelt. "

Verständnislos sah ihn der Katzenbärenpapa an. "Was habt ihr angekokelt?!"
"Ach entschuldige", und Brumm fasste sich an die Stirn. "Jetzt habe ich doch glatt vergessen, mich vorzustellen: Ich bin Brumm der Bär und ich bin hier, um euch zu befreien."
"Na klar, du bist ein Bär. Sieht doch ein Blinder mit Krückstock", entgegnete Horst und hielt sich den Bauch vor Lachen.
Leni war die Sache nicht geheuer. Sie wich immer weiter zurück und überlegte, ob sie nicht laut nach Hilfe rufen sollte. Erst vor zwei Tagen war ihr lieber Herr Esel und Horsts Sohn Miaubrumm während der Vorstellung entführt worden. Bislang gab es noch keine Lösegeldforderung der Entführer, aber man musste ja immer mit dem Schlimmsten rechnen.

"Wir haben eure Flaschenpost gefunden und versucht, euch zu befreien. Aber leider ist die erste Befreiungsaktion ein bisschen schiefgegangen", begann Brumm zu erklären.
Misstrauisch sah ihn das Einhorn an.
"Wirklich Leni, du kannst mir vertrauen. Wir haben schon Miaubrumm und den Esel befreit."
"Nein?"
"Doch!"
"Oh!", staunte das Einhorn.
"Wirklich", bekräftige Brumm.
"Und wo ist mein Herr Esel jetzt?" wollte Leni wissen.
"Bei mir in der Bärenhöhle und da wartet er auf dich!"
"Nein!"
"Doch!"
"Oh!", staunte das Einhorn nun noch mehr. "Aber wieso in deiner Bärenhöhle, wenn du ein Mensch bist?"

Jetzt musste Brumm kurz überlegen, um eine plausible Antwort gegen zu können: "Ich bin nicht immer ein Mensch. Die meiste Zeit bin ich ein Bär und da fühle ich mich auch am wohlsten. Aber das ist eine lange Geschichte. Erzähl ich euch wann anders, ja?" Nun hatte Brumm offensichtlich das Interesse der beiden Tiere geweckt.
"Wir haben leider nicht viel Zeit, also wollt ihr mir nun folgen?", fragte Brumm und mahnte zur Eile.
"Was haben wir hier schon zu verlieren, wenn wir mit deiner Hilfe unsere Freiheit zurück gewinnen können und ich meinen Miaubrumm wiederfinden kann", sagte Horst, worauf Leni jedoch auf einen entscheidenden Umstand hinwies. "Wir könnten schon lange weg sein, aber leider ist unser Käfig verschlossen."

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Schöne Bescherung, dachte Brumm und versuchte, das große Vorhängeschloss des Käfigs mit bloßen Händen zu öffnen. Aber in Menschengestalt verfügte er leider nicht über seine Bärenkräfte. Nach dem vierten erfolglosen Versuch gab er auf.
Was nun? Kati wüsste sicher Rat. Und ganz bestimmt auch der Fuchs. Aber die waren gerade wer weiß womit beschäftigt und er war ganz auf sich allein gestellt.

In seine überlegungen mischte sich das Geräusch von sich nähernden Schritten. Erschrocken fuhr Brumm herum.
"Hey Kumpel, was machst du da beim Einhorn?", fragte aus einiger Entfernung ein Zirkusmitarbeiter.
Brumm trat der Schweiß aus allen Poren. Oje, was sollte er nun antworten? Je intensiver er überlegte, um so leerer schien sein Kopf zu sein.
"Fütterung!", brummte da Horst mit tiefer Stimme und so laut er konnte.
"Okay!", quittierte der Mann und entfernte sich wieder.

"Danke, Horst", flüsterte Brumm erleichtert in die Nacht. Das war knapp! Aber noch war da das Problem des verschlossenen Käfigs zu lösen. Die eleganteste Lösung auf Bärenart wäre, sich einen großen Knüppel zu besorgen und damit solange auf das Schloss einzuschlagen, bis es aufgeht.
"Wartet hier", sagte Brumm, "ich suche nur schnell einen Knüppel."

"Hallo Brumm", sagte da plötzlich eine vertraute Stimme. Vor ihm stand das Schaf und wedelte freudig mit den Ohren.
"Schafi!", freute sich Brumm. "Gut dass du da bist. Ich habe hier ein Problem. Vielleicht kannst du helfen." Mit wenigen Worten beschrieb er die missliche Lage und außerdem drängte die Zeit. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Zirkusleute nach dem Ende der Vorstellung ihre Wohnwagen aufsuchten und vielleicht vorher noch einmal nach den Tieren sahen. Jede Sekunde zählte!

Schafi besah sich das Schloss, beschnupperte es, überlegte kurz und griff dann in seine Tasche. Er nahm den Portalschlüssel und öffnete damit den Käfig. "Scheint so eine Art Generalschlüssel zu sein", mutmaßte das Schaf überrascht und fasste in Gedanken schon den tollkühnen Plan für einen nächtlichen Besuch im Sauerampfermuseum.
"Du bist der Größte!", jubelte Brumm verblüfft und forderte Leni und Horst auf, ihnen in den Wald zu folgen.

Dann fiel Brumm auf, dass das Schaf offensichtlich allein zum Zirkusplatz gekommen war. "Wo ist eigentlich Hansi? Ihr solltet doch gemeinsam hier herkommen?".
"Ach, der Hase hat wieder Stubenarrest", antwortete Schafi wie nebenbei.
Horst sah Leni mit fragendem Blick an und flüsterte: "Hast du das gehört? Wollen wir wirklich mit diesen Verrückten in den dunklen Wald gehen?"
In diesem Moment näherte sich dem Käfig das Leuchten vieler Taschenlampen. Die Lichter kamen schnell immer näher.

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Unterdessen steckte Kati in ernsthaften Schwierigkeiten. Ihre Tarnung als Reporterin stand kurz davor, aufzufliegen. Zunächst hatte sie der Zirkusmitarbeiter bereitwillig zu seinem Wohnwagen geführt.
"Da können Sie ungestört Ihr Interview mit mir führen", hatte er erklärt, als er ihr die Tür geöffnet und mit einer Handbewegung zum Eintreten aufgefordert hatte. Doch je länger das Interview dauerte, um so skurriler erschien ihm die Situation. Die Journalistin hatte weder einen Fotoapparat dabei, noch ein Diktiergerät oder wenigstens einen Notizblock.
"Merkt die sich etwa alles, was ich sage?", dachte er und schüttelte dann mit dem Kopf. Und überhaupt! Was waren das denn für komische Fragen, die sie stellte? Ob es auch Eichhörnchen im Zirkus gäbe. Und Bären, die mit einem Motorrad durch die Manege fuhren? Und ob er das toll finde, wenn Tiere zur Unterhaltung der Menschen eingesperrt sind und Kunststücke lernen müssten, obwohl sie das gar nicht wollten. Jetzt reichte es aber wirklich!

"Moment mal!", sagte der Zirkusmitarbeiter. "Gehören Sie etwa zu den Verrückten, die Tiere aus dem Zirkus oder aus Zookäfigen befreien? Hatten wir diese Woche erst. Stellen Sie sich vor, da fiel bei der Abendvorstellung das Licht aus und dann stürmte so ein großer Kerl im Bärenkostüm in die Manege und entführte unseren Esel und ein Katzenbärenjunges! Aber davon haben Sie ja bestimmt in Ihrer Zeitung berichtet, oder? Sie sind doch Reporterin? Ach ja, zeigen Sie mir doch mal Ihren Journalistenausweis."

Kati wusste nicht so recht, was sie entgegnen sollte oder wie sie sich zu verhalten hatte. Da vertraute sie ihrem Eichhörncheninstinkt und ergriff die Flucht. Behende verließ sie den Wohnwagen und lief, so schnell sie konnte, zum Parkplatz, wo sich - so war die Abmachung - der Fuchs, Brumm und Kati nach getaner Arbeit wieder treffen sollten.


Fred machte sich inzwischen große Sorgen. Er wartete am Auto darauf, dass Kati und Brumm nach Erfüllung ihrer Aufgabe zurückkehrten. Aber weder von Kati noch vom Bären eine Spur. "Verdammt!", murmelte der Fuchs. "Wie lange dauert das denn? Da wird doch nichts passiert sein?"
Geduckt lief er über den Parkplatz, der sich seit dem Ende der Vorstellung schon merklich geleert hatte, suchte Schutz hinter einer Hecke und versuchte, den schwach beleuchteten Vorplatz des Zirkuszeltes einzusehen.
Erschrocken wich Fred zurück. Kati kam ihm gerade entgegen gerannt, verfolgt von einem Zirkusmitarbeiter, der die ganze Zeit etwas von Alarm und Hilfe rief und seine Kollegen aufforderte, die Verrückte aufzuhalten, denn sie wollte wohl die Zirkustiere befreien.
Kati lief in panischer Angst in Richtung Ausgang des Zirkusgeländes. Plötzlich spürte sie eine Hand, die ihren linken Oberarm fest umklammerte. In das erste Entsetzen mischte sich die Stimme Freds: "Hier rüber, los!" Und kaum hatte sie die Worte verstanden, drückte sie der Fuchs in die Hecke. Sie machten sich so klein wie nur möglich und verschmolzen im Dämmerlicht mit dem Dunkel der Hecke.

Da kaum auch schon der Zirkusmann angerannt, lief noch drei, vier Meter und blieb dann stehen. Vom Sprint noch außer Atem, sah er sich suchend um. Es standen nur noch wenige Autos auf dem Parkplatz. Von der seltsamen Reporterin keine Spur!
Kopfschüttelnd wandte er sich ab und ging zurück. Inzwischen waren, alarmiert durch seine Hilferufe, viele Zirkusleute aus ihren Wohnwagen gekommen und erkundigten sich aufgeregt, was denn los sei. Noch immer außer Atem, informierte er seine Kollegen über seinen Verdacht. "Los, wir gehen zu den Käfigen und sehen nach, ob alles in Ordnung ist!", ordnete der Zirkusdirektor an. Bewaffnet mit Taschenlampen, Schaufeln und Harken machte sich die Meute auf den Weg.

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Mit Sorge sah Kati, wie sich die Menge in Richtung der Tiergehege machte.
"Sollte Brumm das Einhorn und den Katzenbärenpapa noch nicht befreit haben, könnte es jetzt wirklich eng werden", sagte sie flüsternd und voller Sorge zu Fred. Der Fuchs nickte und überlegte angestrengt. Jetzt musste ihm schnell etwas einfallen, andernfalls wäre Brumm in großer Gefahr. Dann hatte er eine verwegene Idee.

"Kati, geh zum Auto und warte dort! Ich versuche, die Zirkusleute abzulenken." Und schon verschwand er in Richtung Eingang. Geduckt und bemüht, im dunkeln zu bleiben, erreichte der Fuchs das Zirkuszelt. Die Meute war inzwischen keine hundert Meter mehr von den Käfigen entfernt.
Fred wusste genau, wonach er suchen musste, und als er fündig wurde, lächelte er grimmig. Er betastete das rote Kästchen, das auf Kopfhöhe an einem Strommast vor ihm befestigt war und nickte zufrieden.
Wartet nur, dachte er. Ihr Menschen mögt schlau sein und ihr haltet euch für unbesiegbar, weil ihr so viele seid. Aber ich weiß genau, dass eine eurer Urängste noch immer tief in euch verankert ist. Und er bückte sich und suchte nach einem passenden Stein. Ah, der müsste gehen, dachte er. Dann richtete er sich auf und schlug mit dem Stein die Scheibe des Feuermelders ein. Er drückte ganz tief den Knopf und im selben Moment zerschnitt eine bedrohlich aufheulende Sirene die milde Sommernacht.

Zur selben Zeit sahen sich Horst und Leni mit fragenden Blicken an. Sie waren unschlüssig, ob sie die Chance zur Flucht nutzen sollten. Aber dann müssten sie diesen offensichtlich völlig Verrückten vertrauen und mit ihnen in den dunklen Wald fliehen. So gern Leni zu ihrem Herrn Esel wollte, aber mit einem Schaf fliehen, das aussah, als hätte es mit einem Föhn gebadet? Und war der Hase nicht an der Befreiungsaktion verhindert, weil er Stubenarrest hatte? Und der Mensch da vor ihrem Käfig hielt sich offensichtlich für einen Bär. Was sind das denn für seltsame Retter? Fragend sah sie Horst an. Was sollten sie nur tun? Vielleicht stimmte es ja, dass Herr Esel und Miaubrumm bei diesen Verrückten auf sie warteten. Aber was, wenn nicht?
Was sollten sie nur tun?

Schafi bemerkte die Unschlüssigkeit des Einhorns. "Leute, wir können hier nicht die ganze Nacht stehen bleiben und diskutieren. Ihr müsst euch jetzt entscheiden!" Einer Eingebung folgend, drehte sich das Schaf um und erblickte mit Schrecken die sehr schnell immer näher kommende Meute. Hatten die etwa Schaufeln und Harken dabei?!
"Los jetzt, ich habe keine Lust, mir mein Fell mit einem Rechen glätten zu lassen!", forderte es Leni und Horst auf, ihm in den Wald zu folgen. Die beiden schienen noch immer zu überlegen. "Okay, es ist eure Entscheidung. Dann bleibt eben hier und verbringt euer Leben in Gefangenschaft und zum Kurzweil der Menschen!" Und damit wendete sich Schafi ab und trottete in Richtung rettenden Waldrand.

"Tja, tut mir leid", sagte Brumm bedauernd zu Horst und Leni. "Der Herr Esel hatte sich so auf das Wiedersehen gefreut. Und der kleine Miaubrumm erst!" Dann wendete auch Brumm sich ab. "Ich muss jetzt sehen, dass ich hier irgendwie mit heiler Haut davon komme."
In diesem Moment zerschnitt eine scharf aufheulende Sirene die Nacht.
Wie angewurzelt blieb der Mob stehen. "Feuer?", fragten einige zweifelnd. Dann überzeugt:
"Feuer!"
In das einsetzende Chaos und wohl auch erschrocken vom lauten Geräusch der Sirene floh Leni in panischer Angst aus dem Käfig und folgte dem Schaf in den Wald. Horst blieb keine Zeit zum Nachdenken. Instinktiv folgte er dem Einhorn.

"Gut so!", dachte Brumm erleichtert und nutzte das Chaos, um sich in Richtung Parkplatz durchzuschlagen. Das war gar nicht so leicht, sich zwischen den kreuz und quer umher laufenden Menschen einen Weg zu bahnen. Als er dann endlich auf dem Parkplatz angekommen war, sah er zu seiner Erleichterung schon den Fuchs und sein liebes Eichhörnchen auf ihn warten.
"Na endlich!", rief der Fuchs. "Komm schnell, Brumm! Wir müssen hier schleunigst verschwinden!"
Seine Kati empfing den Bären mit einer innigen Umarmung. "Geht es dir gut?" fragte sie besorgt. Brumm nickte.
"Sind Leni und Horst frei?"
"Ja", antwortete der Bär zufrieden. "Schafi bringt die beiden jetzt zur Höhle."
"Gut gemacht!", lobte Fred. "Und jetzt nichts wie weg hier!"

Eilig stiegen die drei ins Auto. Vor Aufregung würgte Brumm beim ersten Versuch den Wagen ab.
"Ruhig bleiben!", ermahnte der Fuchs von der Rückbank des Fahrzeugs. Brumm holte tief Luft und startete den Wagen noch einmal. Dann Vollgas. Der Motor heulte auf und vermischte sich mit dem durchdringenden Geräusch der Sirene. Mit durchdrehenden Reifen jagte der Bär schließlich den Wagen vom Parkplatz und hinein in die Nacht. Auf ihrem Weg zurück in die Stadt kamen ihnen zwei Feuerwehrautos mit Blaulicht entgegen. Sie fuhren in Richtung Zirkusgelände.
"Du hast doch nicht etwa Feuer gelegt?", fragte Kati den Fuchs.
"Nein, nein", antwortete er lächelnd. "Blinder Alarm."

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Zufrieden kehrte Brumm aus seinen Erinnerungen an diesen aufregenden Sommer zurück.
"Zum Glück ist ja alles gut gegangen", sagte Kati erleichtert und dachte daran, wie sie sich unmittelbar nach ihrer Rückkehr durch das Portal mit klopfenden Herzen auf den Weg zu Brumms Höhle gemacht hatten und wie erleichtert sie waren, als sie dort den Katzenbärenpapa mit Miaubrumm und Leni eng angeschmiegt an Herrn Esel vorfanden.

Da klopfte es an der Tür. Draußen standen Leni und Herr Esel, der auf seinem Rücken einen wunderschönen Weihnachtsbaum trug. "Den sollen wir euch von Benni Biber bringen", sagte er, nach dem ihm Brumm geöffnet hatte.
"Prima!", freute sich der Bär und ließ die beiden ein. "Ach", erinnerte sich Brumm nun wieder: "Ich wollte den Benni doch mal anrufen, um mit ihm über den Bau meines Vollkomfortbettes zu sprechen."
"Das kannst du im nächsten Jahr auch noch machen, mein lieber Brumm", sagte das kleine Eichhörnchen liebevoll. "Jetzt hilf uns bitte erst mal, den Baum zu schmücken."


Nichts lieber als das! Vergnügt brummelte der Bär vor sich hin, während er vorsichtig die glitzernden Kugeln an den Zweigen befestigte. Dann die Lichterkette, jetzt das Lametta, das der Bär so liebte. Und nun die Krone, die Kati dem prächtigen Baum auf dessen Spitze setzen durfte.
Später, in der beginnenden Dämmerung, füllte sich allmählich Brumms Behausung. Fred, Schafi und die zwei Katzenbären halfen noch ein bisschen beim festlichen Dekorieren der Bärenhöhle. Vergnügt sangen die Tiere gemeinsam Weihnachtslieder, während Brumm mit großer Sorgfalt die Kerzen an den Schwibbbögen in den Fenstern anzündete. Sie strahlten ein warmes, einladendes Licht hinaus in den tief verschneiten Wald.

So schön, dachte Brumm zufrieden. Was kann ein Bär mehr wollen als ein warmes und behagliches Zuhause und ein kleines liebes Eichhörnchen, das ihm zum Wappentierchen seines Herzens geworden war? Es gab Tage, da konnte Brumm sein Glück kaum fassen!

Das kleine Eichhörnchen servierte Kakao und Tee und weil Brumm so drängelte, gab Kati noch ihre leckeren Haselnussplätzchen frei, die eigentlich für die Weihnachtsfeiertage gedacht waren. Inzwischen war auch Hansi Hase mit seiner Frau in Brumms Höhle gekommen. Und so feierten die Freunde gemeinsam den Weihnachtsabend bei leckerem Essen und später auch bei einigen Gläschen des Heidelbeerlikörs, den die Freunde auch an jenem denkwürdigen Tag am Fluss getrunken hatten, als sie die Flaschenpost fanden.
Nur Hansi Hase durfte nicht mittrinken. Seine Frau hatte es ihm unter Androhung von Hausarrest verboten. Leni und Herr Esel sahen sich vielsagend an.

In diesem Moment schreckte Schafi hoch: "Hab ich das Portal wieder abgeschlossen?"
"Aber selbstverständlich!", beruhigte ihn der Fuchs. Und wie zur Bestätigung überzeugte sich das kleine Schaf, dass sich der Schlüssel zum Portal fest verwahrt in seiner Tasche befand.
Kati kuschelte sich eng an ihren Bären an. Lange sahen sie sich verliebt und zärtlich in die Augen. Brumm glaubte in Katis Pupillen die Lichter des Weihnachtsbaumes zu sehen und auf einmal empfand er ein so tiefes Glück, dass er vergnügt zu seinem ganz persönlichen Bärenfreudentanz ansetzte. Und wie wir inzwischen wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

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